Bevor wir mit dem eigentlichen Thema loslegen, möchte ich noch kurz sagen, dass es sich nur um meine eigenen Überlegungen handelt! Diese Ansätze sollen nicht als absolut richtig hingenommen werden, sondern lediglich der Anstoss einer hoffentlich interessanten Diskussion darstellen. Ich bin ja immer noch der kleine Padawan von Pokern.com...
Gegenstand dieses Threads sind Fullring Sit and Go's bis zu einem Buy-In von $10+1.
Leider sind meine Gedanken noch etwas "ungeordnet", weshalb ich beschlossen habe, ziemlich weit auszuholen, um alles gut nachvollziehbar zu erklären:
Micro SnG's früher und heute
Ich kann mich noch ganz gut an meine ersten Schritte in der Online-Pokerwelt erinnern. Meine Karriere begann mit den ganz kleinen SnG's auf EVP, die ich dank eines einfachen Anfängerpokerbuches auch leicht geschlagen hatte. In diesem Buch wurde man - wie in all den anderen Büchern auch - zu einem tight-aggressiven Spielstil "hinerzogen":
In der frühen Phase eines SnG's sollte man äußerst tight agieren, danach Blinds klauen und dann kommt auch schon die Push-oder-Fold Phase. Pi-Pa-Po!
Die übliche Strategie, wie sie sicher jeder von euch schon kennt...
Ich will jetzt natürlich nicht behaupten, diese Strategie sei falsch! Im Gegenteil: An einem Tisch, randvoll mit Calling-Stations und Maniacs, die ihre Kohle nur so in den Pot pfeffern, dass der virtuelle Pokertisch fast zusammmenbricht, ist diese Strategie sicher eine gute Wahl.
Aber die heutigen Tische sind wohl etwas schwieriger zu spielen, wenn man den ganzen Informationen im Internet Glauben schenkt:
Hier reicht ein "normaler" TAG-Stil offenbar nicht mehr aus - man muss hypertight spielen. Das sage jetzt nicht ich, sondern jeder Strategieartikel zu Micro-SnG's im Netz...
Heute wird der SnG-Beginner also zu einer Nit erzogen, was unter Umständen vielleicht nicht so falsch ist. Aber spielen wir diese Strategie einfach mal theoretisch durch:
In der frühen Phase spielen wir mal in etwa gar nichts. Die Preflop Raising-Range besteht hier aus QQ+,AK und wenn man nach gewissen "Strategieseiten" geht, sollten wir sogar QQ preflop gegen einen Raise entsorgen. Auch wenn der PFR ein Maniac ist - wir gehen Stress aus dem Weg!
In der Mittleren Phase angekommen, fassen wir uns unseren ganzen Mut und stehlen 2-3mal die Blinds. Aber natürlich nicht zu häufig, da das unsere arme Blutpumpe nicht mitmachen würde.
Schlussendlich betreten wir die Bubblephase und können meist nur noch Push-Oder-Fold spielen. Das ist übrigens wieder nicht von mir, so steht es wirklich wortwörtlich in den ganzen Artikeln:
"Bis zur Bubblephase wird Ihr stack wieder auf ca. 10 BigBlinds geschrumpft sein, aber kein Grund zur Sorge. Bla Bla Bla..."
Diese Strategie läuft also darauf hinaus und beabsichtigt sogar, dass wir als Shorty in die Bubblephase kommen, und somit ICM technisch eigentlich das kleinste Anrecht auf Kohle haben!
Sicher, wenn da noch so einer sitzt und sich die 2 Maniac-Bigstacks gegenseitig eliminieren, kann das schon zielführend sein, aber diese Situation ist nicht mehr der Fall!
Wenn ich so einen durchschnittlichen 11$ Tisch auf Stars betrachte, sehe ich nicht mehr wirklich viele Fische. Mit 3 Fischen am Tisch habe ich schon ganz großes Glück. Und mit Fischen meine ich jetzt loose-passive Spieler bzw. schlechte Maniacs. Nits, welche die von mir genannte Strategie spielen, findet man allerdings genug!
Find the Fish
Ob wir nun SnG's oder Cashgame spielen: Unsere erste Aktion an einem neuen Pokertisch ist stets die selbe: Wir fragen uns, von woher unsere Kohle kommen soll und suchen nach dem dicken Fisch. Dabei spielt es in der Regel auch keine Rolle, ob wir einen LAG- oder TAG- oder gar einen NIT-Stil bevorzugen.
Und an einem normalen CG-Tisch ist es auch vollkommen egal, wie lange es dauert, bis mir der Fisch in mein Monster läuft. Solange der Typ mit genug Geld am Tisch sitzt, ist alles perfekt. Die Blinds setzen mich nicht unter Druck und den anderen Spielern geht man einfach aus dem Weg.
Natürlich ist das nicht die optimale Strategie, denn man verpasst oft viele profitable Situationen, aber auf den Micros kann damit schon eine passable Winrate erzielen.
In so einem 11$ SnG ist das ganze schon etwas komplizierter - Selbst wenn wir den Fisch identifiziert haben, ist es ein reines Lotteriespiel, in welches Monster von welcher Nit der Vollidiot wohl zuerst läuft! Und man muss auch keinen Doktor haben, um zu Verstehen, dass es auf Dauer nicht funktionieren kann, wenn 6 von den Nit-Viechern ein SnG spielen, in welchem nur 3 Plätze bezahlt werden.
Da also auf diesem Limit zu wenig Fische herumgeistern, muss man sich wohl andere Ziele suchen.
Von Bunkern und Schlachtfeldern
Ich stelle mir so einen Pokertisch auch gerne als Schlachtfeld vor. Jeder Spieler hat einen Bunker am Rand, in welchem sein Geld in Form eines großen Haufens liegt und jeder bekommt eine kleine Armee. Damit gerüstet, versucht nun jeder, seinen Haufen zu schützen und gleichzeitig den anderen einen Teil davon abzuluchsen. Wenn wir nun einem Standard-Fisch seinen Haufen klauen wollen, gibt es eine einfache Taktik: Wir warten, bis die eine Wache eingeschlafen ist und rücken mit LKWs und Baggern an. Rein durch das Eingangstor, gemütlich aufladen und auf Wiedersehen.
Wenn wir dieses Prinzip an einem Nit-Bunker anwenden wollen, haben wir ein kleines Problem, denn das Eingangstor einer Nit ist streng bewacht. So schnell können wir gar nicht schauen, wird unser LKW in die Luft gejagt, die armen Baggerfahrer vergewaltigt und unser Bunker ausgeräumt!
Aber Nits sind keine guten Architekten - Sie bauen immer eine kleine Hintertür in ihren Bunker ein, welche niemals bewacht wird. Jetzt müssen wir nur noch unsere LKWs gegen eine Schubkarre und Schaufel eintauschen und los gehts! Das dauert zwar etwas länger, aber dafür ist es eine sehr ungefährliche Angelegenheit.
Wie man eine Nit ausnimmt, ist hoffentlich jedem klar! Also warum sollen nicht diese Viecher unser neues Ziel darstellen? Wie wäre es mit Nit zum Frühstück?
Kill da Nit!
Zuerst sollten wir aber verstehen, wie so eine Nit tickt und welche Fehler die so macht. Ein grundsätzlicher "Fehler" ist, dass Nits wie Maschinen ihr Schema F runterspielen und unser Vorteil liegt darin, dass uns dieses Schema wohlbekannt ist! Vor allem in der frühen Phase eines Turniers weichen diese C3PO-Verschnitte niemals von dieser Strategie ab. Wenn man uns also kampflos jeden Blind überlässt, warum sollte ich dann am BTN meine 72o folden? Die FE gegen die 2 Nits in den Blinds ist doch hoch genug!
Und ich denk nicht daran, irgenwas zu balancen!
Denn selbst wenn die WISSEN, dass ich nur Air habe, werden die mit großer Sicherheit folden!
Viele von denen betreiben auch Multitabling mit 10+ Tischen und haben sowieso schon lange das Häckchen bei "Autofold" angeklickt und auch die 1-Tabler sind nicht besser. Die haben einfach eine Elendsgeduld und die stresst das kein bisschen, wenn ich zum X-ten Mal die Blinds abkassiere.
Das denen neben dem Pokern nicht langweilig wird, kann ich auch nicht verstehen. Mit der Strategie kann ich nebenher locker noch kochen, waschen, putzen und mir Socken für den kalten Winter stricken. Meine Freundin würde sich sicher freuen, wenn sie Abends nach Hause kommt....
Und wenn so ein Setminer mal limpt, dann kann ich auch oft any two raisen (wenn es die restlichen Mitspieler erlauben) und mit einer C-bet den Pot abgreifen. Und seine Implied kann er ganz schnell vergessen! Sobald der einen Chip freiwillig reinsetzt, wird auf den Fold-Button gehämmert.
Außerdem lassen sich Nits auch gerne ausmanöverieren:
Valuebetten können die wie die Einser, aber wenn sie den Flop verfehlt haben, wollen die ja nicht zuviel riskieren und schieben höchstens noch eine halbherzige C-Bet hinterher. Sobald der Gegner diese dann gecallt hat, ist die Hand für eine Nit sowieso beendet.
Und wenn sie sich dann am Beginn der Mittleren-Phase wundern, wohin denn ein Drittel ihres Stacks verschwunden ist, kann uns das egal sein!
In der Mittleren Phase wird es dann etwas komplizierter, denn laut ihrer Strategie müssen die jetzt mal langsam aufwachen und ein paar Blinds abstauben. Allerdings schaffen es nur die Wenigsten, aus ihrem Winterschlaf aufzuwachen und bleiben bis zur Push-Oder-Fold Phase ihrer Zombie-Strategie treu. Und genau nach diesen Pfeifen suche ich dann und kassier sie weiterhin ab!
Und wenn dann die Bubble-Phase beginnt, habe ich schon einen mathematischen Vorteil! Natürlich kann es vorkommen, dass ich ebenfalls ein Shortstack bin, weil ich den einen oder anderen Spot missinterpretiert habe, aber meine Spielweise läuft nicht darauf hinaus! Es kommt ebenfalls vor, dass ich schon ganz am Anfang ein Drittel meines Stacks in den Sand setze, aber einen 1000er Stack habe ich immer noch lieber bei Blinds von 10/20 als in der Bubblephase bei 50/100!
Ein weiterer positiver Aspekt dieser Strategie ist, dass man von einer Nit auch eher "looser" ausbezahlt wird:
Wenn wir davon ausgehen, dass die meisten heutzutage HEM oder PTR3 nutzen, haben wir einen weiteren Vorteil. Die sehen einen knallroten PFR und einen giftgünen VPIP über unserem Namen und sehen uns als potentielles Ziel. Wenn eine Nit also mit AK raist und wir (der "Fisch"!) callen, haben die bei einem A94o-Flop nur noch Dollar-Zeichen in den Augen. Und nachdem wir schlussendlich 44 aufgedeckt haben, saust irgendwo in Schweden ein IKEA-Schreibtisch aus dem Fenster. Und wenn sie nach dem x-ten Mal weinend ins Intelli-Forum rennen, werden sie auch noch bestätigt! Sie sind ja nur in das obere Ende unserer Range gelaufen...
Thats Poker!
Fassen wir also nochmal kurz die Eigenschaften von Nits zusammen:
- Sie spielen zu wenig Hände und geben vor Allem in der Frühen-Phase kampflos ihre Blinds auf.
- Wir können sie ganz leicht auf eine bestimmte Range setzen.
- Die Wenigsten schaffen es, zeitig aufzuwachen und man kann ihnen auch in der Mittleren Phase weiterhin die Blinds klauen.
- Sie verfügen meist über dürftige Skills im Bezug auf HU und das Spiel ITM, da auf dem meisten Strategie-Seiten sehr wenig darauf eingegangen wird.
Das sind jetzt nicht sehr viele Fehler, aber ganau davon kann man extrem profitieren. Nits sind vielleicht nicht immer bescheuert und ich wette, dass viele von ihnen wissen, was ein Float ist. Aber sie setzen ihr Wissen einfach nicht ein!
Genau deshalb habe ich etwas gegen diese Nit-Strategie:
Im Laufe meiner "Poker-Karriere" wurde ich (hier im Forum oder auch wo anders) mit vielen Waffen ausgestattet und nach langem Training auf dem Schlachtfeld "Pokertisch" kann ich auch ein wenig damit umgehen. Und ich habe keine Lust, diese Waffen in einem SnG NICHT anzuwenden und meine Edge rein auf die Push-oder-Fold Phase zu reduzieren. Das wäre doch stumpfsinnig!
Und wer weiß? Vielleicht gehen mir die Nits, die Tableselection betreiben, dann auch irgenwann aus dem Weg und mein Tisch füllt sich wieder mit mehr "normalen" Fischen...
Aber von mir aus kann Mr. R2D2 auch so lange in das obere Ende meiner Range rauschen, bis er irgendwann in einer Gummizelle sitzt und die Melodie von Tetris summt!
Mir doch egal!
So Leute! Jetzt meine alles entscheidende Frage:
Findet ihr meine Strategie anwendbar und profitabel?
[ ] Ja
[ ] Nein
[ ] Vielleicht
[ ] Weiß nicht
[ ] Hab Angst!
Gruß und Danke fürs Lesen,
Joey


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