Gerade ist es schon wieder passiert!
Wir sitzen im SB, finden AK und nachdem zu dem 25BB-Shorty am Button gefoldet wird, stellt der einfach so, ganz frech, seinen Stack in die Mitte.
Dann sind wir am Zug. Fleißig, wie wir sind, haben wir dem BU schon eine Note angehängt, in welcher folgendes zu lesen ist:
“NLxy: Pusht nur Pockets - AQ+ wird normal erhöht und KK+ wird brav slow gespielt”
Also callen wir seinen Push mit den Gadanken: “Ach, was solls… Haben wir eben nen Flip…”
Unsere Notizen hatten Recht und wir blicken in 88.
Unabhängig vom Resultat der Hand sind wir dann zufrieden mit unserem Play. War eben nur ein Flip und wir treiben damit auch nur die Varianz ein wenig an.
Oder?
Bevor wir eine Antwort auf diese Frage erhalten, befassen wir uns mal genauer mit der Situation:
Wir haben eine 50%ige Chance, den Pot zu kassieren. Demnach wäre unser EV wie folgt zu berechnen:
EV = 0.5 * 25 - 0.5 * 25 = 0
Also ein klarer Fall! Auf lange Sicht müssen wir (mathematisch gesehen) b/e laufen.
Aber halt!
Wir haben doch eigentlich keine 50%, sondern “nur” 45%! Also müssen wir unsere Rechnung ein wenig “adjusten”:
EV = 0.45 * 25 - 0.55 = -2,5BB
Und so schnell hat unsere Aktion einen negativen EV! Und unter Berücksichtigung von Dead Money (Blinds) und Rake (geschätzt 5%, variiert nach Limit) sieht die ganze Wurst so aus:
EV = 0.45 * 23,5 - 0.55 * 25 = -3,175BB
Oha! Wird nicht besser…
Jetzt gibt’s natürlich noch ein super Argument für eine Coinflip:
“Wir sind ja nicht immer auf der “schlechten” Seite des Flips. Auf lange Sicht wird es sich sicher ausgleichen.”
Wirklich?
Wie oft sind wir denn in einer Situation, in der wir mit einem mittleren Pocket unser Stack in die Mitte pressen?
Würden wir in der gleichen Situation auch mit 88 broke gehen?
Wohl kaum…
Das Hauptproblem an der ganzen Geschichte ist nämlich unsere Denkweise:
Wir haben hier gar keinen Flip! Wir haben nur 45%.
Einen Coinflip haben wir nur, wenn wir uns gegen eine gegnerische RANGE ca. 50% Equity geben.
Trotzdem neigen viele Spieler dazu, solche 45%-Situationen ebenfalls in die Kategorie “Flip” einzuordnen und ohne viel nachzudenken geht’s mit der nächsten Hand schon wieder weiter…
Und was kommt als nächstes? Nehmen wir dann auch noch die 40/60- Chancen dazu oder vielleicht sogar die 35/65er? Gleicht sich doch sowieso alles auf lange Sicht wieder aus….
Und alles nur, weil man es in irgendeinem Artikel mal gelesen hat /bzw. falsch verstanden hat. Oder weil es von den erfahrenen Spielern so diktiert wurde…
Fakt ist auf jeden Fall:
Mit Overcards gegen ein Pocket broke zu gehen, hat einen negativen Erwartungswert und man kann versuchen, genau diese Situationen zu vermeiden!
Und die Winrate bedankt sich…
Viele von euch werden sich jetzt sicher fragen:
“Warum schreibt sich der Freak wegen diesem Thema die Finger wund? So wichtig ist das auch wieder nicht!”
Stimmt!
Eigentlich geht’s mir um was anderes und wer meinen alternativen Titel gelesen hat, hat vielleicht schon eine Idee.
Jeder akzeptiert, dass man sich ständig weiterbilden muss, wenn man beim Poker erfolgreich sein/bleiben will. Man kauft sich Bücher, liest Strategie-Artikel und ein paar wenige beschäftigen sich noch mit Sessionreviews. Und damit hat sichs dann!
Aber wenn es darum geht, sich selbst Gedanken zu machen oder auch die Sachen gründlich zu hinterfragen, die man in den ganzen Büchern und Artikeln liest, werfen viele das Handtuch. Sobald irgendein Schlaumeier irgendwas hinkritzelt und es auf den ersten Blick einigermaßen logisch klingt, wirds geglaubt!
Dasselbe gilt natürlich auch für diesen Artikel!
Und ich bin mir sicher, dass jeder von euch selbst solche Überlegungen machen kann. Dafür muss man kein Einstein sein!
Ich hoffe, dass ich mit diesem Artikel erreicht habe, dass wenigstens ein paar Schlaftabletten aufgewacht sind!
Lesen und lernen reicht nicht! DENKT und HINTERFRAGT!
Gruß,
Joey


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