ICM mal ganz allgemein...
Ich würd’ gerne mal wissen, wie ihr so allgemein zum ICM-Modell steht. Ich habe mir da mal einiges zu durchgelesen und es fällt sofort auf (als VWLer…;-)), dass das ganze im Grunde einfach die Übertragung der sog. Prospect Theory - die man zur Erklärung von Verhaltensweisen von Finanzmarktakteuren heranzieht - auf Turnierpoker darstellt. Das Problem dieses Konzeptes ist m.E. nach, dass es sich um eine rein statische Betrachtung handelt, ein Turnier aber natürlich dynamisch ist. Soll heissen: Sicherlich kann man mal in einer einzigen Hand anhand des Konzeptes entscheiden, ob man nun ein All-In eines Bigstacks callt oder nicht, aber man kann dieses Konzept nicht profitabel über alle Hände z.B. ab der Bubble durchziehen.
Man denkt sich mal in folgende, hypothetische Situation: Man sitzt in einem Turnier, die Bubble ist schon lange durch, die Auszahlungsstruktur stark progressiv, es gibt einen Overroaming-Chipleader, alle anderen haben in etwa gleich viele Chips, es wird mit offenen Karten gespielt, alle Spieler folgen dem ICM. Das ICM besagt, dass der Chipleader mit relativ schwachen Händen und Gewinnwahrscheinlichkeiten weit unter 50% pushen kann ohne gecallt werden zu können, er sackt also viele Blinds ein, was wiederum die notwendige Gewinnwahrscheinlichkeit für einen Push in jeder Folgehand verringert. Der Chipleader gewinnt das Turnier demnach, solange er nicht carddead ist. In dieser Situation lohnt es sich allerdings, dass man selbst von dem ICM abweicht, da der mögliche Gewinn einer Hand Folgegewinne in nächsten Händen impliziert (weil man ja weiß, dass alle dem ICM folgen). Spieltheoretisch sollte man demnach dem ICM nur dann folgen, wenn man weiß, dass andere dies nicht tun, anderenfalls nicht, weil man zusätzlich zu der einen Hand den abdiskontierten Wert der Chips aller Folgehände erhält. Konkretes Beispiel: Der Chipleader hat 1000 Chips, ich habe nur 400 Chips. Wenn alle dem ICM folgen, dann sollte ich in meine Entscheidung die zukünftige Gewinne, die ich nur deshalb mache, weil ich nach dem Gewinn dieser Hand selbst Chipleader sein könnte mit berücksichtigen, d.h. die Dynamik des Turniers.
Das ICM-Konzepts ist letztlich m.E.n. „intern inkonsistent“(in einfachen Worten: widerspricht sich selbst), da es einerseits einen abnehmenden Grenznutzen der Chips abbilden möchte, welcher gleichzeitig aber von der Chipmenge der anderen abhängig ist und sich umkehrt für den Fall Chipleader zu sein.
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