wsop-fussball-wm-2010In diesen Tagen fühle ich mich ein bisschen wie Michael Ballack. Es ist Weltmeisterschaft, und ich bin nicht dabei. Natürlich rede ich nicht von der Teilnahme an der Fußball-WM, sondern von der World Series of Poker. Wobei auch das Erstere nicht ausgeschlossen war, wenn nicht eine üble Verletzung in jungen Jahren meiner sonst unausweichlichen Nationalmannschaftskarriere ein frühes Ende beschert hätte. Das Ende fing damit an, dass der Innenverteidiger der gegnerischen Mannschaft mir in der 15. Spielminute drohte: „Mach das noch einmal!“ Nach Spielschluss wusste ich, dass er es ernst gemeint hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Ich bin nur eines von vielen gescheiterten Talenten. Das ganze Land ist derzeit voll davon. Sie glauben, sie haben das Zeug dazu (z. B. Merkel/ Westerwelle / von der Leyen), aber sie sind verflucht, von Jürgen Wegmann: Erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu. Ok, ein alter Spruch, aber hätten wir damals schon gewusst, dass Wegmann nicht über Fußball sprach, sondern über deutsche Politik und das Pokerspiel, dann hätten wir erkannt, welche tiefe Wahrheit dieser Satz ausdrückt.

 

Wenn also bei einem der letzten Qualifikationsturniere nicht noch ein Wunder geschieht, dann ist WORLD SERIES OF POKER, und du bist wieder nicht dabei. Überall höre ich den Notruf: Las Vegas, wir haben ein Problem…, doch Vegas antwortet nicht.

 

Vegas ist mit der WSOP beschäftigt, mit 57 Turnieren in 51 Tagen, mit den großen Namen des Poker und mit den mehr oder weniger wichtigen Fragen: Kann Phil Hellmuth sein zwölftes Bracelet gewinnen? (Ich wette dagegen.) Oder überholen ihn Brunson oder Chan, die beide je 10 Armbänder gewonnen haben? Wer wird der neue Shooting-Star? Wird es einen Nobody geben,

 

der eine ähnlich märchenhafte Pokergeschichte schreibt wie Darvin Moon im Jahr 2009? Wie wirkt sich die Finanzkrise auf die Teilnehmerzahlen aus? Überlebt Phil Laak seinen quälenden Weltrekordversuch, bei dem er 80 Stunden nonstop Poker spielen will? Nach 40 Stunden konnte er zumindest noch sprechen und auch lachen: „Noch 40 Dollar, dann bin ich wieder bei Plus-Minus-Null.“ Nach fast 60 Stunden gähnte er hin und wieder. Und eigentlich fragt man sich, mit welchen Stimulanzien Laak nachhilft (Modafinil?). Wer sich die letzten Minuten des Rekordversuchs des bisherigen Rekordhalters Paul Zimbler antun will, das sah gar nicht gut aus.

http://www.youtube.com/watch?v=DkgACB7RFi8

Sogar Matusow war besorgt: „That was mental shutdown at it’s finest!“ Laak war besser drauf, er stellte nicht nur den Rekord ein, er legte auch deutlich vor: 115 Stunden waren es am Ende. Zwischenzeitlich glaubte er sogar, dass seine Sinne geschärft seien, zumindest in Teilen.(http://www.pokernewsdaily.com/phil-laak-breaks-world-record-video-interview-12280/)

 

Dann sind da noch Tom Dwan und Phil Ivey, die sich mit Seitenwetten für ihre Jagd nach den Armbändern motivieren. Angeblich hat Phil Ivey mit Howard Lederer um mehrere Millionen gewettet, dass er bis Ende 2011 mindestens zwei weitere Armbänder einfährt. Als Tom Dwan aka durrrr beim $1.500 No Limit Hold’em Turnier (Event #11) nur haarscharf an seinem ersten Armband vorbeischrammte, war die eigentliche Geschichte nicht der mögliche Gewinn des Armbands, sondern wie viel Geld er durch die Seitenwetten eingenommen hätte. Es kursieren absurde Zahlen im Bereich von fünf bis 15 Millionen Dollar. Allein Ivey hätte der Sieg von Tom Dwan angeblich 9 Millionen gekostet (http://taopoker.blogspot.com/2010/06/2010-wsop-day-10-most-likely-you-go.html). Negreanu ist auch dabei, die genaue Summe ist nicht bekannt. Er konnte sein Glück kaum fassen, dass Simon Watt Dwan so kurz vor dem Ziel noch abfing (http://www.fullcontactpoker.com/poker-journal.php?subaction=showfull&id=1275986654&archive=). Negreanu weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Dwan das erste Armband einsackt. Und seine letzte Hoffnung ist, er möge bis zum nächsten Jahr warten.

 

Kein Mangel an Geschichten also, aber so richtig vom Hocker hauen sie einen nicht, wenn du nicht selbst gerade die eine oder andere Million gegen durrrr gesetzt hast. Zuschauen ist einfach nicht so gut wie selber spielen. Denn das Großartige beim Poker ist, dass du dabei sein kannst. Theoretisch. Bei welcher anderen Sportart kannst du dir schon Hoffnung darauf machen, an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen? Beim Curling vielleicht, aber wenn du schon Schwierigkeiten mit dem Staubsaugen in deiner Wohnung hast, wird das mit dem Curlingbesen wahrscheinlich auch nichts.

 

Das ist es wieder, das Problem. Es ist WSOP, und du bist nicht dabei. Aber sehen wir es positiv. Wir verschieben den Traum nur um ein Jahr, genießen den Sommer, schauen Fußball-WM und reifen dabei auf fast magische Weise zu besseren Pokerspielern und zu noch besseren Menschen. Denn was kann einem ungefestigten, jungen Menschen nicht alles zustoßen, in Sin City, in einer schwachen Minute? Du gehst aus, trinkst zuviel und am nächsten Morgen wachst du als verheirateter Mann auf. Die Frau, die neben dir liegt, hast du noch nie zuvor gesehen, aber du bist sicher, dass sie ihr Geld nicht als Showgirl verdient. Das Einzige, an das du dich dunkel erinnerst, ist ein Priester, der behauptete, Bugsy Siegel zu sein. Las Vegas, wir haben ein Problem… diesmal antwortet Vegas: „Toodaloo Motherf…“

http://www.youtube.com/watch?v=AXfUrT0mthU

 

 

Victor Vega