Soll einer sagen, Pokerspieler seien ein kulturloser Pöbel, die bestenfalls ihre prozentuale Gewinnchance am Turn halbwegs auf die Reihe kriegen – X outs mal 2 und dann noch schnell einen Blick auf die Größe des Pots werfen, ob es sich vielleicht lohnt. Okay, das ist die einfache Variante.

Online-Pokerspieler sind eine besondere Spezies in der Entwicklung der Menschheit – geeky, mit ausgeprägtem Spieltrieb und vielleicht sogar Avantgarde, was die Art und den Ort der Ausübung ihrer Lieblingsbeschäftigung angeht. You gotta love your fellow grinder, schaut sie euch an, sind ein paar hübsche Freaks dabei.

Jedenfalls ist heute der Tag, an dem ihr kurz einen Blick in meine Kulturvortäuschungstasche werfen dürft. Im April liefen zum Grind abwechselnd Satie und Chopin. Beide haben eine entspannende Wirkung, möglicherweise machen sie sogar einen besseren Menschen aus mir, sicher aber einen besseren Pokerspieler. Muss schon viel passieren, um bei Chopin richtig zu tilten. Sogar ein übler Suck out schmerzt nur halb so viel. Die Kohle ist weg, aber hey, Chopin und Satie sind immer noch da und die nächste Hand wird gegeben.

Die richtige Musik macht die Komfortzone etwas weiter. Wohlfühlen allein reicht natürlich nicht an den Tischen. Ich habe schon fast alles probiert, um besser zu werden. Viele Bücher gelesen, über Jahre Videos geschaut auf den einschlägigen Trainingsseiten, um mir die Tricks der besseren Spieler abzuschauen und in meinen Denk- und Spielprozess zu integrieren, und mich an der einer oder anderen Diskussion über eine Hand beteiligt. Im vergangenen Jahr merkte ich, dass ich von den meisten Videos schnell gelangweilt war. 45 Minuten Video schauen, um den einen oder anderen interessanten Spot zu finden, bei dem es etwas zu lernen gibt.

Außerdem musst du die Zeit dafür haben, und die ist knapp, wenn du nicht nur Poker spielst. Auch Pokerbücher habe ich nur noch ab und an in die Hand genommen. Mal drei, vier Hände studiert, das eine odere Konzept nachgelesen. Es dauerte Monate, bis ich durch war. Große Begeisterung war selten, die Erleuchtungen blieben klein. Ich zog es vor zu spielen, dem Motto von Phil Ivey folgend, dass nur Spielen dich besser macht.

Kürzlich habe ich mal wieder ein Pokerbuch in die Hand genommen, und, ehrlich gesagt, habe ich nicht allzu viel davon erwartet. Mal reinsehen, im schlimmsten Fall ist es der übliche Sermon über Motivation und Psychologie, Lebensstil, gesundes Essen und regelmäßiger Workout und was weiß ich noch. Doch diesmal war es all das und doch deutlich mehr als das gewöhnliche Geschwafel. Es stellt die Frage, was es braucht zu einem Meister des Spiels zu werden. Und welche Fähigkeiten jene haben, die in anderen Disziplinen, von Sport bis zur Musik, zu den Großen zählen. Talent reicht nicht und keiner kann sich auf das Glück allein verlassen!

Das Buch, von dem ich rede, heißt „The Poker Hero – How to Survive, Fight, and Succeed in the modern Poker World“. Geschrieben hat es Florian Roßner, ein Deutscher. Es ist gründlich, gut geschrieben und gut zu lesen, wenn bislang auch nur auf Englisch erschienen. Es räumt mit einigen Mythen und Versprechen auf, die das Pokerspiel umgibt, obwohl es natürlich selbst in seinem Titel wieder das Versprechen macht, dass du dieses Buch lesen musst, um zu wissen, wie es läuft. Aber das sind Spitzfindigkeiten.

In der Entwicklung eines Pokerspielers gibt es Phasen. Der Anfänger lernt die Grundkonzepte des Spiels, dann entwickeln Spieler ihren Stil und eines Tages spielen sie in ihrer Komfortzone, wiederholen an den Tischen, was sie gelernt haben, immer und immer wieder. Es läuft mal so, mal so. Wie jetzt noch besser werden, ist die Frage. Die Antwort, die Florian Roßner gibt, ist unangenehm, wenn du ein fauler Sack bist, wie die meisten von uns. Wir spielen gern, für das Spiel zu arbeiten, ist nicht gerade das, wovon wir geträumt haben.

We can never make progress in the comfort zone, since those are the activities we can already do easily, while panic zone activities are so overwhelming that we don't even know how to approach them.“

Die Antwort liegt ausnahmsweise mal in der Mitte – wir müssen hinein in die Lernzone, uns Routinen zulegen, mit der wir wirksam an unserem Spiel arbeiten können. Weitere hundert Videos werden dir dabei kaum helfen.

Abgesehen davon, dass Roßner es gelegentlich mit der Arbeitsethik übertreibt („Great players are never hanging out, never relaxing after losing sessions.“) und sogar Ayn Rand zitiert, ist The Poker Hero ein lesenswertes Buch. Der Hobbyspieler wird mitunter das Gefühl haben, dass Erfolg im Poker nur noch zu haben ist, wenn du alles dem Pokerspiel unterstellst. Mit der Realität des Hobbyspielers hat das wenig zu tun. Dennoch: Es ermöglicht eingefahrene Routinen in neuem Licht zu sehen und vielleicht sogar zu verändern, nicht nur beim Poker, sondern in allen Bereich des Lebens. Und auch der Hobbyspieler sollte versuchen, seine Möglichkeiten voll auszuschöpfen. It's more fun. Den Rest weiß Tommy Angelo:

Poker is hard, and it hurts — and this book helps.

Willkommen in der Lernzone. Zockt weiter!