Facebook

Mal ein großes Wort am Anfang. Revolutionen geschehen nicht durch neue Technologien, sie geschehen, wenn die Menschen ihr Verhalten ändern. Diesen Satz habe ich mir aus dem Buch „Here Comes Everybody“ von Clay Shirky ausgeborgt. Darin geht um die Frage, was es eigentlich bedeutet, wenn Menschen das Internet nicht nur nutzen, um einen Artikel zu lesen, für den sie sich früher vielleicht eine Zeitung gekauft hätten, sondern anfangen selbst Nachrichten zu produzieren, „Social Media Tools“ zu nutzen und was es da sonst noch alles gibt in der schönen Welt des Internet. Wenn sie es tun, verändern sie vieles, sich selbst, ihr Denken und ihr Leben, langfristig womöglich Machtstrukturen. Deswegen entsteht gelegentlich großes Geschrei, wenn es um das Internet geht. Selten wird aufrichtig zum Nachdenken angeregt, gelegentlich aber gibt es Impulse von außen: So befragte das Onlinemagazin Edge (http://www.edge.org/q2010/q10_index.html ) Wissenschaftler, Autoren und Künstler, wie das Internet ihr Denken verändert.


Lesenswert, und natürlich lag da die Frage nahe, wie sich mein und vermutlich auch euer Leben und Denken durch Online-Poker verändert hat, mal ganz abgesehen davon, dass innerhalb weniger Jahre eine Industrie entstanden ist, die ganz gut von uns, den Spielern, lebt. Vor gerade einmal zehn Jahren steckte all das noch in den Kinderschuhen. Ohne Breitbandtechnologie wäre die Industrie sicher nicht das geworden, was sie heute ist, ein Milliardengeschäft. Erinnert sich jemand an den kreischenden Singsang eines 56k-Modems? Und was wäre aus Online-Poker geworden, hätte nicht Chris Moneymaker die World Series of Poker im Jahre 2003 gewonnen und allen Hobbyspielern und Anfängern den Glauben gegeben, sie könnten der nächste Moneymaker sein? Seitdem hat sich der Pokervirus um den Globus verbreitet, unaufhaltsam.

Faszinierend  würde Mr. Spock sagen  - Leute aus aller Welt spielen online, mit- und gegeneinander, jenseits aller kulturellen und sprachlichen Barrieren.

Jedenfalls hat es meine Vorstellung schon immer beschäftigt, wie der Akt des Spielens in der Praxis so vor sich geht, also wer da wie auf der anderen Seite des Bildschirm hockt. Bildschirmnamen wie „Ähm_ich_spiele_nackt“ regen die Fantasie durchaus an, gelegentlich tauchen Videobeweise auf, dass die Leute zumindest mit freiem Oberkörper spielen, wie Chicago Joey (www.youtube.com/watch?v=4hVNvns4o4o) , der Ende November 2009 einen Weltrekord aufstellte und mehr als 50.000 Hände an einem Tag spielte. Begierig sauge ich die kurzen Meldungen der Pros zu diesem Thema auf. So zum Beispiel die unmissverständliche Aufforderung zum Duschen, die uns der aus „2Month. 2Million“ bekannte Jay Rosenkrantz mit auf den Weg gibt: „Wenn du ein Online-Pro bist und das gerade liest, dann riechst du wahrscheinlich.“ (http://www.dangerlion.com/?p=613). Duschen soll sich übrigens auch vielen anderen Bereichen des Lebens als bevorzugte Praxis durchgesetzt haben, also nicht nur vor der Online-Poker-Session, sondern auch vor dem Sex, das gilt insbesondere für Leute, die ihren Sexpartner erst noch finden müssen. Aber das nur nebenbei. Faszinierend finde ich Multitasking-Fähigkeiten, zum Beispiel die von Billy Kopp. Der spielt nicht nur Cash Games, und wir vermuten, nicht auf den untersten Limits, sondern bloggt zeitgleich und schaut dabei Folgen der TV-Serie „Lost“ – und das alles um drei Uhr morgens (http://blog.ultimatebet.com/2010/01/fancy-water-lost/). Was irgendwie anstrengend klingt und eher nicht meiner Vorstellung von einem spannenden Abend vor der Glotze entspricht. Und Lost ist die Aufmerksamkeit ja nun wirklich wert, was sich nur von wenigen anderen Produkten der Müllschleuder Fernsehen sagen lässt. Und was ist aus dem Sonntag geworden? Es soll mal eine Zeit gegeben haben, in der sich halb Deutschland am Sonntagabend den Tatort reingezogen hat.  Heute ist das nur noch schwer vorstellbar, und für Pokerspieler schon gar nicht. Sonntag ist Großkampftag, Turniere stehen auf dem Programm. Und wenn es gut läuft, kann sich so ein Sonntagabend bis tief in die Nacht ziehen. Sonntage sind tendenziell anstregender geworden, seitdem wir Online-Poker spielen. Vielleicht können dich dafür Montage etwas weniger schocken, wenn du überhaupt noch mit Montagen zu tun hast. Oder wie sagte Daniel Negreanu, als er noch durch und durch Spieler war: „Ich weiß nie, welcher Tag ist. Warum auch?“

Zeit und Raum werden natürlich nicht aufgehoben, wenn wir online Poker spielen. Deswegen begegnen wir im Kosmos des Online-Poker all den Dingen, die so manchen Kulturpessimisten stöhnen lassen, wenn sie sehen, was das Internet mit der gewohnten Ordnung anstellt und manchmal auch mit den Menschen, die sich darin bewegen: Informationsüberlastung, Datensammlungen,  die Art und Weise, wie wir Entscheidungen treffen, Ablenkung, enormer Zeitaufwand und vielleicht auch noch Suchtgefahren. Außerdem verlierst du beim Poker dazu manchmal auch noch Geld – was für ein seltsames Hobby! Hast du dir das etwa freiwillig ausgesucht?

Natürlich wissen wir, warum wir damit angefangen haben, wir wollten den Nervenkitzel, die Action, und die Aussicht auf einen Gewinn fanden wir nicht schlecht. Das Anreizsystem von Poker ist simpel und deswegen vermutlich wirksam. Auf den zweiten Blick gibt es Entdeckungen zu machen, die Tiefe und Schönheit des Spiels und sowie die Erkenntnis, dass das Spiel erlernt, studiert werden will. Wie auch immer wir es bewerten, was die Menschen beim Poker antreibt, es ist faszinierend  zu sehen, mit welchem Eifer das Spiel nicht nur gespielt, sondern auch studiert wird, auf Trainingsseiten, in Foren oder mit Coaches.Würden Menschen mit der gleichen Energie andere Ziele verfolgen, wer weiß, was dann möglich wäre. So gesehen, ist die Kultur, die um Online-Poker entstanden ist,  eine Art Laboratorium der Wissensvermittlung. Es werden neue Verhaltensmuster eingeübt. In Foren wird kollaboriert, es wird sich gegenseitig geholfen beim Verstehen des Spiels, es entstehen Netzwerke und Denkräume. Poker befreit aus Passivität, nicht nur ist passives Spiel nicht erfolgreich, ich muss mich auch  selbst aktivieren, meinen Geist, meinen Körper, um besser zu werden. Und diese Erfahrung kannst du in andere Lebensbereiche mitnehmen, wenn dir danach ist.

Victor Vega

Kommentare (9)
sony@163.com
9 Samstag, 06. März 2010 um 14:07 Uhr
sony
NFL clothes
david99@yahoo.com
8 Samstag, 06. März 2010 um 12:46 Uhr
David
Hell everyone!ANF clothes
Nice one
7 Samstag, 13. Februar 2010 um 16:42 Uhr
Dapapst!
Best blogger ever :)

Gruß Dapapst
"Wie Online-Poker unser Leben veränderte"
6 Dienstag, 09. Februar 2010 um 22:50 Uhr
bocarealis
Zwar nicht meine Pokerfähigkeiten, aber mein Englisch hat sich durch 2+2 und Konsorten um Größenordnungen verbessert,
u.a. habe ich nach dem mehrfachen (lustvollen *lol*) Durcharbeiten der 3 Harrington on Holdem Bände auch solche Schätze wie Calvin & Hobbes im Original kennen und schätzen gelernt.
....
5 Dienstag, 09. Februar 2010 um 21:05 Uhr
Cyranox
Ich möchte auch (wie friederike) kurz den Satz

"Würden Menschen mit der gleichen Energie andere Ziele verfolgen, wer weiß, was dann möglich wäre."

hervorheben und anregen darüber mal kurz nachzudenken.
Inet und Poker
4 Dienstag, 09. Februar 2010 um 12:41 Uhr
B2crusher
Da kommt ja richtig der kleine Philosoph zur Geltung. Nette Gedanken die Du da zusammen getragen hast. Klar hat 1.Das Inet eine Menge verändert. Ich kann mich sogar noch an mein 1. 14400er Modem erinnern. Da gab es gerade mal 300000 Nutzer im Netz. Viele Dinge aus meiner Arbeit würden garnicht ohne gehen. Wenn ich andererseits an die ganze Zeit denke die man so im Netz verbingt, lesen, Blogs, suchen, Filme, Musik und natürlich 2. Poker. Klar ist es einerseits weil es interessant ist. Es fordert Dich heraus, es macht Spaß(zumindest manchmal....^^) und bietet eine Chance für einen netten Gewinn und verursacht Schmerzen wenn Du verlierst. Du kannst Dich freuen wenn es riesig läuft und Du alles triffst und zeigt Dir Deine dunkle Seite wenn Dich Dein Gegner wieder gebustet hat und der Tiltfaktor wieder an Dir nagt.
...
3 Montag, 08. Februar 2010 um 13:41 Uhr
friederike
"Würden Menschen mit der gleichen Energie andere Ziele verfolgen, wer weiß, was dann möglich wäre."
wie wahr, wie wahr!
schöner text, mr vega.
re: Lieber...
2 Sonntag, 07. Februar 2010 um 11:23 Uhr
Victor Vega
Ich arbeite dran;-): 2 and counting...
Lieber Victor
1 Freitag, 05. Februar 2010 um 21:28 Uhr
Zartbitter
Ich mag deine Texte sehr, sie sind so schön treffend. Schade das du nicht im Forum aktiv bist.

LG
Zartbitter
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