Infektion, Symptome und teilweise wirksame Hausrezepturen -
Das Pokervirus - fängst du dir in der Regel durch eine Kontaktinfektion ein. Der Betroffene ahnt meist nicht, dass er sich infiziert hat. So mancher zappt eines Abends nur gelangweilt durch die Fernsehkanäle, bis er bei einer Pokersendung hängen bleibt: Was machen die denn da? Die spielen Karten? Und das wird im Fernsehen übertragen? Das ist ja noch bescheuerter als Curling. Der Betroffene lacht (noch): Wie die ausschauen mit ihren Sonnenbrillen! Er sieht zu, wie die Chips hin und her wandern. Das also ist Poker. Ein paar Karten und jede Menge Chips, die von hier nach da und wieder zurück geschoben werden. Nach einer Weile schaltet er um. Ein paar Tage später ertappt er sich dabei, wie er im Fernsehprogramm nach einer Pokersendung sucht. Ein scheinbar harmloses Symptom, nicht selten Vorbote einer schweren Infektion.
In den späten 1990er-Jahren galt der Spielfilm „Rounders“ als wichtiger Übertragungsherd ( http://www.youtube.com/-uRzf7vNITg ). Später sorgte das Internet für besonders hartnäckige Infektionen. Ein Amateur, der ausgerechnet Moneymaker hieß, gewann Millionen bei der World Series of Poker. Es war das Jahr 2003. In der Folge infizierten sich Spieler, die bis dato nur Mau Mau, Skat oder Schach gespielt hatten. Bei anderen fand der Kontakt in jungen Jahren statt, bei Spielen auf dem Schulhof, die für Poker gehalten wurden. Gelegentlich kommen Infektionen über Umwege wie Sportwetten oder Black Jack vor. Studien, streng wissenschaftlich natürlich, sehen einen Zusammenhang im frühen Spiel von „Mensch, ärger dich nicht“ und dem späteren Pokerspiel. Nur das Pokerspiel könne einen älteren Menschen noch so schön tilten wie das „Mensch ärger dich nicht“-Spiel einen, sagen wir, etwa Fünfjährigen, der die Spielfiguren vom Brett fegt und sich im Anschluss unter dem Sofa verkriecht. Nichts ist so harmlos, wie es zunächst scheint.
Die Inkubationszeit beträgt in manchen Fällen nur wenige Stunden, in der Regel aber zwei bis vier Wochen. Solange dauert es, bis das Virus entsprechende Handlungen auslöst: Chips kaufen oder sich bei einem Pokerraum anmelden. Die Lebensweise und die Umgebung des Infizierten befördern oder verlangsamen den Ausbruch des Pokervirus. Singles mit viel Zeit und Internetanschluss gelten als Risikogruppe, Studenten sind besonders gefährdet. Männer erweisen sich empfänglicher für den Erreger als Frauen, was eventuell genetisch begründet oder auf eine geschlechterspezifische Hormon-Verteilung zurückzuführen sein könnte. In seltenen Fällen vergehen von der Infektion bis zum Auftreten der Symptome Jahrzehnte. Das kann daran liegen, dass der Erreger zu Beginn der Inkubationszeit keine optimalen Bedingungen vorfindet und an seinem Ausbruch gehindert wird. Hinderungsgründe können sein: kein Internetanschluss, keine Spielbank in der Nähe oder ein soziales Milieu, in dem das Pokerspiel als anrüchig gilt.
Ab etwa 2005 kam es in Europa verstärkt zu Infektionen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) war kurz davor eine Poker-Pandemie auszurufen. Die WHO warnte jedoch vor Panikmache: Das Virus sei zwar unberechenbar, aber die meisten Infizierten könnten sich nach einer zunächst schwierigen Phase an das Virus anpassen und bis zum Lebensende gut damit leben. An einem Impfstoff werde deswegen nicht gearbeitet.
Symptome:
Schmetterlinge im Bauch: Du erinnerst dich noch genau. Du warst verliebt und immer, wenn du an sie oder ihn dachtest, hattest du dieses Kribbeln in der Magengegend. Das gleiche Gefühl befällt dich jetzt, wenn du an Poker denkst, oder wenn du weißt, dass du gleich spielen kannst. Folge dieses nicht zu unterschätzenden Symptoms: Fehleinschätzung der Realität. So wie der Verliebte dahin tendiert, selbst die auffälligsten Macken seines Liebesobjekts auszublenden, übersieht der mit dem Pokervirus Infizierte alle negativen Begleiterscheinungen des Spiels. Er will doch nur spielen. Im ersten Fall führt das gelegentlich zur Komplett-Verblödung durch symbiotische Beziehung (Du bedeutest mir alles, du bist alles, was wichtig ist in meinem Leben, etc.), im letzteren zu einem nicht unerheblichen Verlust von Geld.
Besessenheit: Du textest Leute ohne Punkt Komma über Poker zu, die in ihrem Leben noch nicht mal Mau Mau gespielt haben. Du kannst in ihrem Gesicht lesen: Der Typ ist irre. Für dich noch lange kein Grund, das Thema zu wechseln.
Bewusstseinstrübung: Sprüche wie „Die ganze Welt ist Poker“, mit der eine deutsche Pokerseite für sich wirbt, deuten auf eine schwere Infektion hin, mit der mitunter eine irreversible Bewusstseinstrübung einhergeht. Die ganze Welt ist nicht Poker, nicht mal der größere Teil.
Größenwahn: Jeder Pokerspieler neigt dazu, sich für besser zu halten, als er ist. Was das Pokerspiel für frisch Infizierte so verführerisch macht, ist, dass auch sie mal einen großen Pot gewinnen und daher Glück mit Können verwechseln. Aber auch erfahrene Pokerspieler leiden unter Größenwahn, Phil Hellmuth zum Beispiel hält sich wirklich für besser als Tom Dwan:
Interessenverlust: Wenn du auf einer Party von schönen Frauen umringt bist und gelangweilt denkst: „Verdammt, ich könnte jetzt an einem Pokertisch sitzen oder wenigstens online spielen. Was zum Teufel mache ich hier?“ Du täuschst vor, dass es dir nicht gut geht. Du setzt eine nicht zu übersehende Leidensmiene auf, bittest um Entschuldigung, nimmst die Besserungswünsche der Damen entgegen und stiehlst dich aus der Affäre. Kaum fällt die Tür hinter dir in Schloss, fühlst du dich so gut wie lange nicht mehr und rennst los, um endlich an die Tische zu kommen.
Kontrollverlust: Schuldzuweisungen bei einem schlechten Lauf der Karten an Mitspieler, ihre fortgesetzte Betitelung als Donkeys oder Vollpfosten oder auch andere behandlungsbedürftige Ausraster
Erprobte Hausrezepturen bei schweren Infektionen sind ein Kino- oder Theaterbesuch oder das Lesen eines Buches, das sich nicht mit Poker beschäftigt. Der Vorsatz, mal wieder an etwas anderes zu denken, genügt meist nicht. Nach stundenlangem Spiel kann ein Eisbeutel an Schläfen und Stirn helfen, er verengt die Blutgefäße und lindert den Kopfschmerz. Es hat sich auch als hilfreich erwiesen, die Höhle zu verlassen und Freunde zu treffen und nicht über Poker zu reden. Zu Sport wird dringend geraten. Frisch Infizierte sollten sich Zeit geben, das Spiel zu lernen und sich einer Selbsthilfegruppe anschließen, zum Beispiel Pokern.com. Die Fixierung oder Zwangsmedikation uneinsichtiger Patienten ist nur in seltenen Fällen notwendig.
Victor Vega
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