Victor Vega
Dies ist eher kein Blog, vielmehr eine Kolumne über Gedanken, Neuigkeiten und Erfahrungen zum Poker als Anregung, Information und Unterhaltung aller Blogleser einmal im Monat.Im ersten Leben ist Victor Vega ein netter Kerl mit Sinn für schwarzen Humor, im zweiten ist er Pokerspieler aus Überzeugung.
Victor Vega begann vor etwa vier Jahren mit dem Pokerspielen. Zu Anfang holte er sich ein paar mächtige Beulen ab, inzwischen sieht er gelegentlich Land und studiert weiter No Limit Holdem und PLO.
In "Dead Money" schreibt er über das Spiel, das er liebt.
Früher einmal galt Poker als das Spiel der großen und kleinen Gauner, die aus der Spiellust und der Gutgläubigkeit der Gelegenheitsspieler Kapital zu schlagen versuchten. Wenn es ums Spiel ging, war der Betrug, so will es die Legende, an der Tagesordnung. Und zu Zeiten von Wild Bill Hickock flogen sogar die Kugeln.
Das Spiel zog genug Charaktere an, die das bürgerliche Leben fürchteten wie der Teufel das Weihwasser und sich deshalb auf etwas waghalsigere Karrieren einließen, auf eine Existenz als Spieler. Der Spieler kannte keinen steten Lebenswandel, der Spieler fühlte sich frei und war es vielleicht auch, er war unterwegs, immer auf der Suche nach dem richtigen, dem guten Spiel. Der Spieler galt aber auch als Grenzgänger, als Hasardeur, als Gegenteil des guten Bürgers. Doyle Brunson berichtete von einer Begegnung mit einem ehemaligen Schulkameraden, der ostentativ die Straßenseite wechselte, als er sah, dass Brunson ihm entgegen kam.
In dem Spielfilm „How the West Was Won“ von 1962 bezeichnet eine Szene das Verhältnis zwischen Spieler und gutem Bürger. Gregory Peck spielt den smarten Zocker Cleve van Valen, der sich einem Treck nach Westen anschließen will, aber zurückgewiesen wird. „Wenn ein Wagenrad bricht“, begründet der Treckführer seine Entscheidung, „dann will ich Männer haben, die ein Rad reparieren können, und keine, die darauf wetten, wie lange es dauert.“ Pokerspieler wetten auch heute auf so ziemlich alles, aber sie wirken im Vergleich zu Börsenspekulanten fast wie brave Mitglieder der Gesellschaft, mit Starpotenzial noch dazu. Ein Pokerspieler wird nicht mehr unbedingt als schlecht angesehen, zumindest nicht mehr von allen.
Tarnen und Tricksen gehört dennoch zu seinem Geschäft. Der Spieler ist in den meisten Fällen ein Individualist, der auf seinen Vorteil bedacht ist und ihn in jeder Situation suchen muss. In dem Film „The Hustler“ von 1961 spielt Paul Newman Fast Eddie Felson, einen Poolprofi, der von Stadt zu Stadt zieht und seine Opfer zunächst anfüttert. In der Anfangszene des Films besucht er mit seinem Partner eine Kneipe und spielt. Fast Eddie mimt den Betrunkenen, dem ein Kunstschuss gelingt. Sein Partner erklärt für alle Anwesenden hörbar: Ein Sonntagsschuss, reines Glück, unmöglich zu wiederholen. Sie fangen an zu wetten, was die Aufmerksamkeit aller erregt, und natürlich gelingt Eddie der Schuss nicht ein weiteres Mal. Es sieht so aus, als wisse Eddie nicht, was er tue, zu betrunken und zu sehr von sich selbst besoffen. Nun wollen andere gegen ihn wetten, und Eddie wird immer verlieren, bis die Einsätze schließlich hoch genug sind. Eddie nutzt sein Image aus. Und das ist ein Konzept, mit dem die meisten Pokerspieler vertraut sind.
Sie nennen es Skill oder Geschick. Es ist Teil des Spiels. Etwas anders verhält es sich mit dem so genannten „Angle Shooting“. Das sind die fiesen, kleinen Tricks, die sich an der Grenze des Erlaubten bewegten. Spieler, die zum Beispiel die Stärke ihrer Hand am River falsch ansagen und dich damit zum Passen bewegen wollen. Sie sagen Flush, du passt und sie zeigen dir Ass hoch. Das Antäuschen eines Einsatzes fällt ebenso darunter. Diskussionen gab es kürzlich um eine Hand, die Prahlad Friedman in diesem Jahr im Main Event der WSOP gespielt hat. Sein Gegenspieler, der während der Hand auch gerne mal bellte, hatte nach der Uhr verlangt. Friedman machte den Call Zehntelsekunden, bevor die Uhr abgelaufen war, und war offenbar geschlagen. Doch der Floorman erklärte die Hand für tot und rettete Friedman dadurch vor dem Turnier-Aus. Glück für ihn, aber meiner Meinung nach kein Angle Shooting, was ihm so mancherorts vorgeworfen worden war
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Nicht ganz die feine Art ist es, wenn Profis in Las Vegas oder anderswo an einem Tisch sitzen und gemeinsame Kassen machen, während der gutgläubige Tourist noch glaubt, er spiele gegen jeden von ihnen allein und dabei doch gegen alle gleichzeitig antritt. Auch online hat es solche Arbeitsgemeinschaften schon gegeben. Was nicht heißt, dass ein Online-Spieler an jeder Ecke den Betrug fürchten muss. Die meisten Pokerräume versuchen Spieler, so gut es geht, zu schützen. Nur, wo Geld im Spiel ist, gibt es auch Betrüger. Manchmal geht es nur um einen kleinen Vorteil, dann wieder um das gnadenlose Abzocken. Die Bande von Russ Hamilton, der Mann hinter dem Ultimate Bet-Skandal, spielte und konnte dabei die Hole Cards ihrer Gegner sehen. Ihre Gier war so groß, dass sie durch ihre zum Teil wahnwitzige Spielweise und die außerordentliche Höhe ihrer Gewinne auffielen. Sie folgten nicht den Ratschlägen, die David Sklansky allen künftigen Superusern in seiner typischen Art vor gut einem Monat gab, frei nach dem Motto, wenn ihr schon bescheißt, seid wenigstens nicht dämlich (http://forumserver.twoplustwo.com/29/news-views-gossip/catching-superusers-847916/).
Solche Horrorgeschichten beschädigen das Ansehen des Spiels. Ganz ausbleiben werden sie wohl auch in Zukunft nicht. Es besteht aber die Hoffnung, dass die meisten Betrüger irgendwann auffliegen und ihre Opfer vom Pokerraum entschädigt werden. Das zumindest war der Fall, als auf PokerStars in diesem Jahr ein Bot-Ring (http://www.examiner.com/online-poker-in-national/online-poker-scandal-poker-bots-caught-after-winning-58k-at-pokerstars) aufflog. Ebenso wie eine Truppe Chinesen, die sich bei Sit-and-Gos absprachen und dadurch fast eine halbe Million erbeuteten (http://www.pokernewsdaily.com/pokerstars-responds-to-chinese-collusion-ring-scandal-14892/). Diese Geschichte war auch der Aufhänger für einen BBC-Recherche, die im September gesendet wurde. Darin ist unter anderem zu erfahren, wie PokerStars versucht, den Betrügern auf die Schliche zu kommen. Es gibt offenbar automatische Systeme, die das Spiel überwachen und bei Unregelmäßigkeiten Alarm schlagen. Über 70 Prozent der Untersuchungen gehen auf Hinweise von Spielern zurück. In Zeiten des Pokerbooms soll es mitunter so viele Beschwerden gegeben haben, dass die Mitarbeiter sich schwer getan haben, diese abzuarbeiten.
Dann wäre da noch das Multi-Accounting, dessen sich schon eine ganze Reihe von Pros schuldig gemacht haben (http://www.fuckonlinepoker.com/cheaters.html). Einige wurden bestraft, andere nicht, manche kostete es ihren Ruf, andere erstmal ihren Job als Coach wie zum Beispiel Nick „stoxtrader“ Grudzien, der außerdem seine Anteile an „stoxpoker“ verkaufen musste (http://www.examiner.com/online-poker-in-national/nick-grudzien-resigns-from-stox-poker-for-multi-accounting). Stoxpoker ist heute unter dem Dach von Cardrunners zu finden. Angeblich wusste CR-Chef Taylor Caby vom Multi-Accounting von Nick Grudzien, unternahm aber nichts. Dabei ist Multi-Accounting nicht gerade ein Kavaliersdelikt, auch und gerade weil der tatsächlich entstandene Schaden nicht leicht nachzuweisen ist. Beliebt ist es aber immer noch, mit mehreren Accounts ein- und dasselbe Turnier zu spielen und sich dadurch gegenüber anderen Spieler einen großen Vorteil zu verschaffen. Unterwegs sind gegenwärtig offenbar Pokerfluffer (http://www.thinkingpoker.net/2010/08/poker-fluffer/). Sie lassen sich von einem sehr guten Spieler bei lukrativen Turnieren staken. Schaffen Sie es tatsächlich weit ins Turnier, übernimmt der bessere Spieler ihren Account über einen Dienst wie GoToMyPC und verschafft sich damit sehr gute Aussichten auf einen Turniererfolg. Die Gefahr aufzufliegen, ist relativ gering. Ob, wie oft und wie organisiert das tatsächlich praktiziert wird, ist nicht bekannt. Die Sache hat außerdem einen kleinen Haken. Der Spieler, unter dessen Account gespielt wurde, könnte das Geld einfach einsacken. Doch solange wir nicht mehr wissen, bleibt uns die Hoffnung, dass die Mehrheit der Pokerspieler heute edel, hilfreich und gut ist.
Victor Vega
Am Pokerhimmel ist ein neuer Stern aufgegangen. Er heißt Daniel „jungleman12“ Cates und ist gerade einmal 20 Jahre alt. Wie lange sein Stern scheint, wird davon abhängen, wie er als Herausforderer von Tom Dwan bei dessen „durrrr-Challenge“ (http://www.fulltiltpoker.com/de/durrrr-vs-antonius) abschneidet. Wird Dwan ihm den Hintern so heftig versohlen, wie er es schon mit Antonius gemacht hat, dann dürfte Cates vorerst in die jüngere Pokergeschichte eingehen als ein Stern, der nur kurzfristig von einer Sonne namens Dwan angestrahlt wurde.
Aber natürlich ist Cates mehr als ein One-Hit-Wonder oder das Produkt eines extrem guten Laufs. Wer es mit Dwan aufnimmt und 50.000 Hände gegen ihn spielen will, der muss schon ein paar Qualitäten mitbringen, und seien es, je nach Standpunkt des Betrachters, Risikobereitschaft, Waghalsigkeit oder Selbstbewusstsein. An diesen Eigenschaften fehlt es Cates bestimmt nicht, Cates hat aber noch mehr zu bieten, nämlich eine gute Geschichte. Er kam von unten, ganz unten, arbeitete sogar mal einen Monat bei einer in aller Welt bekannten Burgerbraterei, weil sich seine Pokerkarrierre anfänglich schwierig gestaltete, und so einer steht jetzt tatsächlich vor dem Pokerhimmel und will rein.
„On the Doorstep to the Sky“ überschrieb Cates kürzlich einen Eintrag in seinem Blog und fragte sich, warum er so verdammt erfolgreich beim Poker sei (http://www.cardrunners.com/blog/JungleMan/on-the-doorstep-to-the-sky). Sein Erklärung war einfach. Der Mensch habe die Wahl, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die er beeinflussen könne, oder auf die Dinge, die ihm nicht nur nicht gefallen und die er dazu auch nicht ändern könne. Es nütze ja nichts sich darüber aufzuregen, wie viel Geld wir an einem schlechten Pokertag verloren hätten, oder darüber nachzudenken, wie sehr wir es hassen, dass irgendein Penner sein zweites Paar an einem Spot trifft, wo er auch sonst seinen Stack verblasen hätte. Selbstmitleid sei keine gute Antwort, es käme lediglich darauf an, ob und was aus dem unglücklichen Verlauf zu lernen sei. Cates setzte nach: Positives Denken würde noch mehr positive Gedanken hervorbringen und sogar gute Gewohnheiten formen, schließlich seien wir glücklicher. Das klingt amerikanisch, wo mitunter mit Optimismus und positivem Denken jeder Widerspruch zugekleistert werden soll. Wie ein Arzt, der dem todkranken Patienten rät, die Krankheit positiv und als eine Art Geschenk zu sehen (http://www.tagesspiegel.de/zeitung/positives-denken-macht-uns-alle-dumm/1907594.html). Mancher Pokerschreiber fand das reflexhaft „geradezu unerträglich“, aber das ist nicht ganz fair. Denn Cates fordert ausdrücklich realistische, positive Gedanken, keine zwanghaften. Das sei es gewesen, was ihn in seinen Anfängen als Pokerspieler, als er verlor und schlecht spielte, bei der Stange gehalten hätte. Nicht der kurzfristige Gewinn habe ihn interessiert, er glaubte daran, dass er auf lange Sicht gewinnen könnte, solange er nur seinen Verstand einsetzte und hart genug an seinem Spiel arbeitete.
Ob das gegen Dwan reicht, wird sich zeigen. Denn Dwan hat was Radfahrer Tempohärte nennen. Mal eben eine knappe halbe Million in den Sand gesetzt und immer noch zum Scherzen aufgelegt.
Das sah bei Cates schon mal anders aus, als er eine halbe Million gegen Isildur verloren hatte. Er starrte auf den Bildschirm und wollte weinen.
Und falls das alles nichts hilft, wenn dich der nächste Bad Beat oder eine miese Session ereilt, dann sing doch einfach...
And although there’s
Pain in my chest
I still wish you the best
With a
F...
Victor Vega
Langsam legt sich der Staub, den die World Series of Poker aufgewirbelt hat, die Fußball-WM und die ganz heißen Tage sind auch vorbei, es wird Zeit sich wieder voll und ganz dem eigenen Pokerspiel zu widmen. Was du jetzt brauchst sind keine halben Sachen oder motivationsloses Rumgedonke. Was du jetzt brauchst ist eine ernsthafte Herausforderung.
Herausforderungen, Challenges sind das Salz in der Suppe, im Leben oder im normalen Pokeralltag. Weil sie dich ein bisschen aus der Normalität herausreißen, schärfen sie die Sinne. Sie erfordern Disziplin, Geduld, einen starken Willen und viel Einsatz. Dabei gilt es dann auch einen kühlen Kopf zu bewahren.
Eine Herausforderung soll nicht zu leicht oder zu schwer sein. Beides ist der Motivation nicht förderlich. Sie soll zu schaffen sein, aber eben nur, wenn du dich konzentrierst, dich am Riehmen reißt und dein Bestes gibt. Sie sollte für dein Spielniveau angemessen sein. Ist es etwas, was dich nicht wirklich reizt, dann geht die Motivation schnell flöten. Du musst dich also selbst ganz gut kennen, um die richtige Challenge für dich zu finden. Kann ich das? Ist es möglich? Es macht keinen Sinn sich eine Challenge auszusuchen, die von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.
Von der Challenge des Chris Ferguson hat wohl jeder schon mal gehört. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, aus 0 Dollar 10.000 Dollar zu machen. Angeblich erreichte er sein Ziel im Jahr 2007 nach neun Monaten (http://www.fulltiltpoker.com/de/chris-ferguson-challenge). Nicht schlecht, aber das war natürlich vor allem gute PR für die Seite, zu dessen Miteigentümern er gehört.
Vor ein paar Monaten habe ich aus einer Laune heraus, mir eine dieser $50-Bankrolls, die es für lau gibt, angeschafft. Der Gedanke war einfach: Mal sehen, was ich daraus machen kann. Allerdings stellte ich bald fest, dass meine Motivation auf den kleinen Limits, die ich mit den $50 spielen konnte, ziemlich gering war. Wenn es hoch kam, spielte ich im Monat 500 Hände, und nur dann, wenn ich nichts Besseres zu tun hatte. Selten also. Nach sechs Monaten und 3.000 Händen hatte ich ein paar Dollar gemacht, aber dann gab ich auf. Es fehlte ein motivierendes Ziel. Anfang 2009 hat Negreanu sich mal an einer ähnlichen Challenge wie Ferguson versucht, er wollte aus $10 gleich $100.000 machen. Ende offen. Aber das geht auch nur langsam voran. Derzeit hat Negreanu 6651 Hände gespielt und etwas mehr als $140 gewonnen(http://www.fullcontactpoker.com/poker-forum/index.php?showtopic=132216). Die Luft ist raus.
Es gibt natürlich auch die ganz harten Jungs. Die Legenden, die Steher. Stichwort Boku-Challenge. Boku schaffte es tatsächlich aus $5 innerhalb von ein paar Monaten $100.000 zu machen. Etwa 40.000 Sit-and-Go-Turniere spielte er dafür. Aber der hat wohl nicht mehr viel anderes gemacht in dieser Zeit.
Poker-Challenges müssen aber nicht immer an die große Glocke gehängt werden. Es müssen auch nicht immer die ganz großen Ziele sein. Erstmal geht es darum, dir selbst etwas zu beweisen. Sich einer Sache zu stellen, dran zu bleiben, das Ziel zu verfolgen, aber auch zu akzeptieren, wenn du es vielleicht nicht erreichst. Und es kommt darauf an, dass du dir am Ende das Ergebnis ehrlich anschaust und analysierst. Deswegen macht es Sinn, das Ende der Challenge klar zu benennen. Und wenn es nicht klappt, kannst du es beim nächsten Mal besser machen.
Es müssen auch nicht immer monetäre Ziele sein, die du verfolgst. Vielleicht willst du seit mehreren Monaten eigentlich mehr Hände im Monat spielen, als dann am Ende des Monat zu Buche stehen. Dann setze dir ein Ziel, überlege dir, wie du dahin kommst, und versuche dich an den Plan zu halten. Oder du forderst dich heraus, in dem du immer zu einer bestimmten Zeit spielst, wenn mit großer Wahrscheinlichkeit viele Fische an den Tischen zu finden sind. Steh früh auf und spiele, wenn die amerikanischen Jungs ein Glas zu viel intus haben und noch ein paar Dollar unters Volk werfen. Du kannst natürlich auch für einen guten Zweck spielen. Eine Boob-Challenge fällt vielleicht in diese Kategorie. Katja Thater hat angeblich mal das Geld einer Freundin genommmen, um daraus 5.000 Euro im Casino für einen Boob-Job zu machen (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,556916,00.html). Sie hat es geschafft.
Aber es kommt nicht immer auf das Ergebnis an. Was wir lernen, wenn wir uns einer Sache stellen, ist manchmal wichtiger als das Ergebnis. Jay Rosenkrantz glaubt, dass sich die Tiefe des Pokerspiels nur ausloten lassen, wenn du dich Herausforderungen stellst. Ganz egal, wie hart die Spiele auch würden, letztlich ginge es immer darum (http://www.dangerlion.com/?p=741) Jede Challenge macht dich besser. Außerdem fühlst du dich lebendiger. So ungefähr, oder so wie diese Jungs hier. Good luck, bandits!
East bound and down, loaded up and truckin'
Are we gonna do what they say can't be done
We've got a long way to go and a short time to get there
I'm east bound just watch ol'Bandit run
Keep your foot hard on the peddle...son, never mind them brakes
let it all hang out cause we've got a run to make ...
http://vimeo.com/13649308
Victor Vega
Seitenwetten gelten im Jargon der Pokerspieler mitunter als „Leak“, als undichte Stelle, durch die das an den Pokertischen erspielte Geld schnell wieder versickert. Besonders anfällig dafür ist der Spielertyp des „degenerierten“ Zockers. Er ist kein kontrollierter Typ wie zum Beispiel Mike Sexton, der nur spielt, um sich und seiner Familie ein besseres Leben zu verschaffen, er ist eher ein Typ wie die Pokerlegende Stu Ungar: „Wenn ich nicht schlafe oder esse, dann zocke ich.“ Er kann nicht anders. Doyle Brunson hat mal über sich und seinesgleichen gesagt: „Wir sind alle degenerierte Spieler, insbesondere die, die dumm genug sind, ihre Pokergewinne bei anderen Wetten zu verzocken.“
Brunson war in Sachen Seitenwetten kein Kind von Traurigkeit, aber im fortgeschrittenen Alter hält er sich angeblich zurück. Eher harmlos war das Gehhilfen-Rennen gegen Amarillo Slim, das er im Rio bei der WSOP 2009 veranstaltete, anstatt Rollatoren waren Scooter im Einsatz. Amarillo Slim gewann, es ging um 2.000 Dollar. Slim hatte am Tag zuvor, verschiedene Scooter auf ihre Geschwindigkeit getestet. Besser so wenig wie möglich dem Zufall überlassen.
Eigentlich hatte ich bei meiner Recherche erwartet, auf wer weiß was für abgedrehte Nummern zu stoßen, aber ich bin nur auf eine ziemlich kranke Sache gestoßen. Als die Wette zustand kam, waren die beiden Beteiligten angeblich betrunken, alle anderen Wetten scheinen so nüchtern kalkuliert, dass sie nur ein ziemlich ernstes Geschäft sein können.
Ok, Esfandiari hat gewettet, dass Laak beim Weltrekordversuch im Dauerpoker die 100-Stunden-Marke knackt, aber vielleicht wusste er mehr als wir. Wenn vor einem Pferderennen ein Gaul eine ganze Ladung Aufputschmittel im Futter hatte, dann scheint der Sieg schon etwas wahrscheinlicher. Andy Bloch hätte von Howard Lederer 25.000 Dollar bekommen, wenn er in 90 Minuten 24 kleine Küchlein gegessen hätte. Aber er gab schon nach der lächerlichen Zahl von sechs Cupcakes auf und spielte das $5.000 Shootout Turnier weiter. Er braucht das Geld einfach nicht dringend genug. Oder ist einfach keiner dieser degenerierten Zocker, die wir suchen.
Justin Bonomo hat auf seine Nachbarn gesetzt, die Bewohner der Luxusherberge Panorama Tower in Las Vegas. Zumindest einer von ihnen sollte in diesem Jahr ein Armband bei der WSOP gewinnen, Quote 10:1. Die Liste der Poker spielenden Bewohner ist ziemlich beeindruckend, 68 Namen insgesamt (http://forumserver.twoplustwo.com/61/mtt-community/2010-wsop-prop-bet-thread-782205-post19178328/?highlight=#post19178328). Darauf zu finden sind zum Beispiel Phil Laak, Antonio Esfandiari, Barry Greenstein, Joe Sebok, David Williams, Scott Seiver, Justin Bonomo, Michael Binger, John van Fleet, Shaun Deeb, Liv Boeree, Noah Boeken, Lex Veldhuis, Evelyn Ng, Jimmy Fricke undsoweiter. Keine schlechte Mannschaft, zu dieser Quote lässt sich von dieser Wette nur abraten. Bereits nach 19 der 57 Turniere hatte Bonomo gewonnen – dank David „Bakes“ Baker, der sich das Armband beim $10.000 2-7 Draw Lowball Turnier sicherte. Im Jahr zuvor war die Quote übrigens noch schlechter, 7:1, aber auch da gewann Bonomo. Bonomo ist einfach nicht der Typ, der Geld verschenkt. Wer sich noch daran erinnert: Einen Teil seiner Bankroll erspielte er sich über Multi-Accounting bei Online-Turnieren und kam ziemlich glimpflich davon, als er 2006 aufflog (http://www.pokerplayernewspaper.com/node/6548).
Dann wäre da noch Tom Dwan und sein Versuch in diesem Jahr ein Armband zu gewinnen. Wenn er es schafft, das hat durrrr durchblicken lassen, wäre es der größte Zahltag seiner Karriere. Und, ach ja, Rafe Furst wird an Tag 1 des Main Events in Frauenkleidern spielen, weil er eine Seitenwette um was auch immer gegen Joe Sebok verloren hat.
Nun endlich zu den beiden Betrunkenen, Mike Matusow und Ted Forrest. Ihre Wette geht so: Wenn Forrest bis zum 15. Juli 22 Kilo abnimmt, bekommt er von Matusow 2 Millionen Dollar. Schafft Forrest es bis zum 15. September, bekäme er immerhin noch eine Million Dollar. Scheitert er, muss er $150.000 an Matusow berappen(http://www.fulltiltpoker.com/poker-blog/2010/06/night-with-ted-forrest-part-ii-mike-matusow-is-the-voice-of-reason-1038-2010-wsop-19.php). Das ist wahrscheinlich, denn Forrest darf weder Drogen einsetzen noch sich überflüssige Pfunde wegoperieren lassen. Außerdem spielt er Turniere der WSOP bis Mitte Juli, sitzt also den lieben langen Tag. Als er die Wette Anfang Mai abschloss, wog Forrest gut 85 Kilo (http://www.cardplayer.com/poker-news/9249-ted-forrest-and-mike-matusow-weigh-in-on-world-series-of-poker-prop-bet). Zu High-School-Zeiten will Ted Forrest zum letzten Mal 63 Kilo gewogen haben, was schon eine Weile her ist, Forrest ist heute ein properer Mittvierziger. Matusow ist deswegen sicher, dass er gewinnt. Er hält es für wahrscheinlicher, dass Forrest tot umfällt, lange bevor er das Zielgewicht erreicht. Aber das hofft natürlich selbst Matusow nicht.
Das ist das Ende meiner Recherche. Ziemlich lahm eigentlich, wenn man sich überlegt, dass Pokerspieler als so wilde Zocker gelten und in Zeiten der WSOP jeder Schwachsinn mit Medienaufmerksamkeit belohnt würde. Also vielleicht ist das lahme Ergebnis gar nicht so lahm oder langweilig, sondern einfach nur ein Zeichen, dass der Anteil der Wahninnigen unter Pokerspielern auch nicht größer ist als im Rest der Bevölkerung.
Victor Vega
In diesen Tagen fühle ich mich ein bisschen wie Michael Ballack. Es ist Weltmeisterschaft, und ich bin nicht dabei. Natürlich rede ich nicht von der Teilnahme an der Fußball-WM, sondern von der World Series of Poker. Wobei auch das Erstere nicht ausgeschlossen war, wenn nicht eine üble Verletzung in jungen Jahren meiner sonst unausweichlichen Nationalmannschaftskarriere ein frühes Ende beschert hätte. Das Ende fing damit an, dass der Innenverteidiger der gegnerischen Mannschaft mir in der 15. Spielminute drohte: „Mach das noch einmal!“ Nach Spielschluss wusste ich, dass er es ernst gemeint hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich bin nur eines von vielen gescheiterten Talenten. Das ganze Land ist derzeit voll davon. Sie glauben, sie haben das Zeug dazu (z. B. Merkel/ Westerwelle / von der Leyen), aber sie sind verflucht, von Jürgen Wegmann: Erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu. Ok, ein alter Spruch, aber hätten wir damals schon gewusst, dass Wegmann nicht über Fußball sprach, sondern über deutsche Politik und das Pokerspiel, dann hätten wir erkannt, welche tiefe Wahrheit dieser Satz ausdrückt.
Wenn also bei einem der letzten Qualifikationsturniere nicht noch ein Wunder geschieht, dann ist WORLD SERIES OF POKER, und du bist wieder nicht dabei. Überall höre ich den Notruf: Las Vegas, wir haben ein Problem..., doch Vegas antwortet nicht.
Vegas ist mit der WSOP beschäftigt, mit 57 Turnieren in 51 Tagen, mit den großen Namen des Poker und mit den mehr oder weniger wichtigen Fragen: Kann Phil Hellmuth sein zwölftes Bracelet gewinnen? (Ich wette dagegen.) Oder überholen ihn Brunson oder Chan, die beide je 10 Armbänder gewonnen haben? Wer wird der neue Shooting-Star? Wird es einen Nobody geben,
der eine ähnlich märchenhafte Pokergeschichte schreibt wie Darvin Moon im Jahr 2009? Wie wirkt sich die Finanzkrise auf die Teilnehmerzahlen aus? Überlebt Phil Laak seinen quälenden Weltrekordversuch, bei dem er 80 Stunden nonstop Poker spielen will? Nach 40 Stunden konnte er zumindest noch sprechen und auch lachen: „Noch 40 Dollar, dann bin ich wieder bei Plus-Minus-Null.“ Nach fast 60 Stunden gähnte er hin und wieder. Und eigentlich fragt man sich, mit welchen Stimulanzien Laak nachhilft (Modafinil?). Wer sich die letzten Minuten des Rekordversuchs des bisherigen Rekordhalters Paul Zimbler antun will, das sah gar nicht gut aus.
Sogar Matusow war besorgt: „That was mental shutdown at it’s finest!“ Laak war besser drauf, er stellte nicht nur den Rekord ein, er legte auch deutlich vor: 115 Stunden waren es am Ende. Zwischenzeitlich glaubte er sogar, dass seine Sinne geschärft seien, zumindest in Teilen.(http://www.pokernewsdaily.com/phil-laak-breaks-world-record-video-interview-12280/)
Dann sind da noch Tom Dwan und Phil Ivey, die sich mit Seitenwetten für ihre Jagd nach den Armbändern motivieren. Angeblich hat Phil Ivey mit Howard Lederer um mehrere Millionen gewettet, dass er bis Ende 2011 mindestens zwei weitere Armbänder einfährt. Als Tom Dwan aka durrrr beim $1.500 No Limit Hold’em Turnier (Event #11) nur haarscharf an seinem ersten Armband vorbeischrammte, war die eigentliche Geschichte nicht der mögliche Gewinn des Armbands, sondern wie viel Geld er durch die Seitenwetten eingenommen hätte. Es kursieren absurde Zahlen im Bereich von fünf bis 15 Millionen Dollar. Allein Ivey hätte der Sieg von Tom Dwan angeblich 9 Millionen gekostet (http://taopoker.blogspot.com/2010/06/2010-wsop-day-10-most-likely-you-go.html). Negreanu ist auch dabei, die genaue Summe ist nicht bekannt. Er konnte sein Glück kaum fassen, dass Simon Watt Dwan so kurz vor dem Ziel noch abfing (http://www.fullcontactpoker.com/poker-journal.php?subaction=showfull&id=1275986654&archive=). Negreanu weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Dwan das erste Armband einsackt. Und seine letzte Hoffnung ist, er möge bis zum nächsten Jahr warten.
Kein Mangel an Geschichten also, aber so richtig vom Hocker hauen sie einen nicht, wenn du nicht selbst gerade die eine oder andere Million gegen durrrr gesetzt hast. Zuschauen ist einfach nicht so gut wie selber spielen. Denn das Großartige beim Poker ist, dass du dabei sein kannst. Theoretisch. Bei welcher anderen Sportart kannst du dir schon Hoffnung darauf machen, an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen? Beim Curling vielleicht, aber wenn du schon Schwierigkeiten mit dem Staubsaugen in deiner Wohnung hast, wird das mit dem Curlingbesen wahrscheinlich auch nichts.
Das ist es wieder, das Problem. Es ist WSOP, und du bist nicht dabei. Aber sehen wir es positiv. Wir verschieben den Traum nur um ein Jahr, genießen den Sommer, schauen Fußball-WM und reifen dabei auf fast magische Weise zu besseren Pokerspielern und zu noch besseren Menschen. Denn was kann einem ungefestigten, jungen Menschen nicht alles zustoßen, in Sin City, in einer schwachen Minute? Du gehst aus, trinkst zuviel und am nächsten Morgen wachst du als verheirateter Mann auf. Die Frau, die neben dir liegt, hast du noch nie zuvor gesehen, aber du bist sicher, dass sie ihr Geld nicht als Showgirl verdient. Das Einzige, an das du dich dunkel erinnerst, ist ein Priester, der behauptete, Bugsy Siegel zu sein. Las Vegas, wir haben ein Problem... diesmal antwortet Vegas: „Toodaloo Motherf...“
Victor Vega
„Glück ist ein sehr dünner Draht zwischen Überleben und Desaster, und nicht viele Leute können darauf die Balance halten.“ – Hunter S. Thompson, Angst und Abscheu in Amerika
Er ist nicht der erste, und er wird auch nicht der letzte Pokerspieler sein, der Pleite geht. Am 8. Mai gab der Pokerspieler Jean-Robert Bellande über Twitter (http://twitter.com/brokelivingjrb) bekannt, dass der Boden erreicht war: „Cash 0 Stars 0 FTP 0 I feel sleepy.“
Etwa einen Monat zuvor, am 14. April, stand seine Bankroll noch bei knapp 100.000 Dollar, dann ging es mit kurzen Zwischenstationen abwärts. Am 11. Mai aber fand sein Zimmermädchen in irgendeiner Seitentasche 1.900 Dollar, und es konnte wieder losgehen. Immerhin, es reicht noch für ein Zimmermädchen, ein ehrliches noch dazu.
Bellande ist manchen vielleicht ein Begriff durch die wundersame Art und Weise, wie er aus de Main Event der WSOP 2008 geflogen ist:
Der ganze Tisch brach damals in Stöhnen und Gelächter aus, als sein Gegner den Gut Shot traf, nachdem der bereits vor der Flop angekündigt hatte, er werde die Hand gewinnen. Und sogar Phill Hellmuth bescheinigte Bellande großes Pech. Er schüttelte ihm die Hand und sagte: „That was the sickness, dude.“
Bellande aber ist auch eine Type, dem das Lachen nicht so schnell vergeht. Angeblich dreht Bellande sogar einen Fernsehfilm mit dem Titel: „Broke and Living like a Millionaire.“ Der Film will die wenig glamourösen Seiten der Pokerwelt beleuchten, die, die im Fernsehen selten zu sehen seien. Jetzt fragt man sich natürlich, was zuerst da war – die Idee zum Film oder die Pleite? Ist das Selbstironie oder nur Konzept? Oder ist der Film einfach nur die nächste Pleite?
Jedenfalls kann sich Bellande in eine ansehnliche Galerie von Pokerspielern einreihen, die schon mal pleite waren, die meisten von ihnen mehr als einmal.
Nur wenige reden offenherzig über ihren Absturz, wenn er gerade aktuell ist. Doyle Brunson soll mehrmals im Laufe seiner Karriere unten aufgeschlagen sein, Mike Matusow nach eigenen Angaben sechsmal („That sucks!“), und Gus Hansen gab zu, dass sein Bankrollmanagement nicht immer klug gewesen ist. Die, die hinterher noch mal im Rampenlicht auftauchen, konnten sich davon erholen, die anderen sind untergegangen. Eine der tragischsten Geschichten ist die von Stu Ungar, ein begnadeter Pokerspieler, aber ein unsteter Mensch, der scheinbar immer alles aufs Spiel setzen musste, um sich lebendig zu fühlen. Mit 45 Jahren war er am Ende, ein Crack-Wrack, das in einer Absteige in Vegas starb.
Drogen und Alkoholmissbrauch sind potenzielle Fallstricke für Pokerspieler.
Ebenfalls beliebt sind Sportwetten, auch die gehen auch nicht immer gut aus für die Beteiligten. Und T.J. Cloutier hätte besser einen großen Bogen um die Craps-Tische gemacht. Der Lebensstil der Pokerspieler birgt wahrscheinlich mehr Versuchungen als ein anderer Brotberuf und nicht alle können ihnen widerstehen. Wie sagte Marge Simpson zu ihrem Homer: „Wenn ich gewusst hätte, dass es in Las Vegas leichte Mädchen gibt, hätte ich dich nicht gehen lassen.“
Aber was soll’s? In diesen Zeiten sind wir angesichts wachsender Staatschulden doch alle ein bisschen Bellande. Die Banken, die gestern gerettet wurden, wird das morgen nicht interessieren. Sie freuen sich über Hyperliquidität und neue Spekulationsgewinne, die vom Rest der Welt bestaunt werden. FAST MONEY. Gestern am Abgrund, heute wieder gut im Geschäft. Dagegen sind Hobbypokerspieler, die Pleite gehen, wahre Waisenknaben. Das Spiel geht weiter. Unseres auch. Da wir aber unsere Lektion schon gelernt haben, gehen wir lieber nicht Pleite. Wir wissen, dass Matusow recht hat: Es nervt.
Victor Vega
Norweger, Holländer, Italiener, Franzosen und sogar schon ein Gynäkologe haben es zu High Stakes Poker geschafft, nur deutsche Spieler waren in der besten Pokersendung noch nicht zu sehen, und deutsche Gynäkologen erst recht nicht. Natürlich spielt es bei High Stakes Poker keine Rolle, wer aus welchem Land kommt, schließlich ist High Stakes Poker keine Weltmeisterschaft. Nur ein Cash-Game mit schön großen Pötten, die den Normalverdiener vor der Flimmerkiste das Schaudern lehren. Dwans Riverbet ist so groß wie dein Einkommen in zehn Jahren? Kann schon mal vorkommen, schockt aber vermutlich keinen mehr in diesen schrägen Zeiten, in der die Krise boomt und es in den Nachrichten Tag für Tag um Milliarden für Banken oder Staaten geht. Nehmen wir also an, es geht um gutes, ehrliches Poker, irgendwo angesiedelt zwischen Geschick und Zockerei. Also, wie wäre es mit einer kleinen Seitenwette, wer nämlich der erste Deutsche bei High Stakes Poker sein wird?
Die Auswahlkriterien, wer warum eingeladen wird, sind nicht so richtig transparent. Sie erklären sich aber ungefähr aus der Zusammensetzung der letzten Jahre. Die Mischung lautet in etwa: Viele große Namen wie Ivey, Brunson, Negreanu, Esfandiari oder Elezra, dazu die eine oder andere Cash-Cow wie Guy Laliberte, Jerry Buss oder eben der Gynäkologe Amir Nasseri und schließlich die aufstrebenden Spieler mit guter Bankroll, einem entsprechenden Marketingeffekt für die Show, die Spieler selbst und das Spiel im jeweiligen Land. Ein Schuss Persönlichkeit gehört auch dazu. Und wer hinter den Kulissen über die Besetzung mitredet, darüber lässt sich nur fantasieren. Ich wäre gerne mal dabei.
In der letzten Staffel, der Nummer 6, jedenfalls waren unter den Newcomern viele Europäer. Der Norweger Andreas Hoivold, Gewinner der EPT Dortmund 2007, trat an gegen sein Idol Phil Ivey und holte sich eine ordentliche Tracht Prügel. FELTED. Der Holländer Lex Veldhuis, obwohl längst eingemeindet und in Vegas lebend, bluffte munter darauflos, was ununterbrochen schief ging, aber er wollte unbedingt seinem Image treu bleiben. Lustig anzusehen. Der Italiener Dario Minieri ließ sich von Tom Dwan auseinander nehmen, ungestüm, aber nicht gerade kunstvoll. Die beste Figur machte da noch der Franzose Betrand „Elky“ Grospellier. Und in diese Truppe soll kein Deutscher passen?
Jetzt kommt der schwierige Part. Die Seitenwette. Wenn also beim Main Event der diesjährigen World Series of Poker kein Deutscher aus dem Nichts auftaucht und am Finaltisch genug Geld abräumt, um in der nächsten Staffel von High Stakes Poker eine Million an Leute wie Doyle Brunson oder Tom Dwan zu verschleudern, wer käme irgendwie in Frage?
Das Theater geht natürlich schon mit der Bankroll los. Wer bekommt nicht sofort eine Krankheit namens SHAKYNESS, wenn er merkt, dass Tom Dwan schon vor dem Flop zur Triple Barrel ansetzt. Boris Becker, Pokernacht gestählt, hat vielleicht noch genug Asche, vermute ich, aber ob er sich trotz seines neuen Coaches Johannes Strassmann als Laliberte-Ersatz hergeben will, ist fraglich. Dann sein Coach, Johannes Strassmann selbst, jung, einer der besten Deutschen, kann sich ein Buy-In von $200.000 sicher leisten. Nur fürchten die HSP-Veranstalter nach seinem Auftritt beim EPT Snowfest, dass er Doyle Brunson vom Stuhl schubst, nachdem der auf dem River noch seinen Flush getroffen hat. Danach aus dem dem Raum rennt und sagt: SHIT HAPPENS. Aber Strassmann ist immerhin der Mann, der Sandra Naujoks erzählte, dass er Frauen mehr zu bieten habe als nur Geld. Was die zum Lachen brachte. Sandra Naujoks könnte es auch versuchen, aber es steht zu befürchten, dass ihr der deutsche Boulevard hinterher eine Affäre mit dem Tiger Woods des Poker andichtet. Und der Po auf dem Foto ist schon wieder nicht ihrer (http://www.sueddeutsche.de/muenchen/474/508617/text/).
Dann wäre da noch das German High Roller-Kollektiv um Ben Kang, Jan Heitmann, Georg Danzer, Joram Voelklein und Simon Münz, allesamt geschäftstüchtig, die vielleicht zusammenlegen und einen Mutigen vorschicken. In meiner kranken Fantasie stehen sie am Set, als deutsche „Firma“, und beten: „Mach’ jetzt keinen Scheiß, Georg.“ In echt sind sie natürlich ganz cool, echt jetzt.
Dragan Galic könnte sein Preisgeld von fünften Platz bei der EPT San Remo 2009 investieren und vielleicht unterstützt ihn sein neuer Sponsor PartyPoker auch noch. Aber wetten würde ich darauf nicht.
Letztlich läuft alles auf einen hinaus: Tobias Reinkemeier. Gut ausgerüstet nach seinem Cash im High-Roller-Event der EPT Monte Carlo mit knapp einer Million Euro, erst 22 Jahre alt, und wenn er dann noch mit Phil Ivey ein Tänzchen hinlegt, das dem mit Roland de Wolfe gleicht hat, schreibt er Geschichte, na ja Pokergeschichte zumindest. Also, auch wenn es nicht gerade die feine Art war, die Hand gegen Wolfe, und er eigentlich ein Turnierspieler ist, so zeigt die Hand, das Reinkemeier hat, was Dwan die „toughness“ nennt. Er wird Durrrrs Triple Barrel ohne mit der Wimper zu zucken kontern und hinterher sagen: Womit soll er hier den River Shove bezahlen? Deswegen meine Wette: Reinkemeier ist der erste Deutsche bei High Stakes Poker. Und jetzt die Gegenwetten, bitte!
Victor Vega
Ich mag Phil Hellmuth. Wenn ich Phil Hellmuth mit seinem Schrank voller WSOP-Armbändern nach einer verlorenen Hand vor laufender Kamera lamentieren höre, dann fühle ich mich gleich besser. Im Vergleich zu Hellmuth schneide ich in Sachen Selbstkontrolle nämlich gar nicht so schlecht ab. Okay, ich schränke das ein, vielleicht nicht immer, aber oft.
Beim Poker After Dark Cash Game schlug Hellmuth in einer Hand gegen David „Viffer“ Peat kürzlich ziemlich hart auf. Die Hand ist unschlagbar unterhaltsam. Im einem 3bet-Pot zog sich Peat auf dem Turn zwei Paar. Die Gemeinschaftskarten lauteten Kh7d3h9s - Peat hielt K9o, Hellmuth hatte AKo, das Geld ging in die Mitte. Hellmuth sieht das Desaster und ist sofort außer sich, beleidigt, vom Schicksal ungerecht behandelt, er springt auf: „Wow, he hit a nine on me.“ Peat ruft ihm ein hämisches „Nine Ball, Corner Pocket“ hinterher. Gegen jeden anderen Spieler wäre das irgendwie unangebracht, aber gegen Hellmuth macht es das unausweichlich folgende Theater doppelt schön – „Nine Ball, Corner Pocket“.
Schon lustig, aber auch seltsam, dass ein so erfahrener Spieler wie Hellmuth davon so getiltet wird. Mal ehrlich, bei mir vergeht keine Session, bei nicht irgendein gewöhnlicher Donkey auf wundersame Weise seine wenigen Outs trifft. Poker geht einem gelegentlich gewaltig auf die Nerven. Das ist quasi die zweite Natur des Spiels. Es ist nicht mal unwahrscheinlich, dass es beim Poker vor allem darum geht: das Gezerre an den Nerven irgendwie zu meistern und sich den Tag nicht versauen zu lassen.
Leichter gesagt als getan. Selbstbeherrschung beim Poker ist eine ambivalente Sache. Wenn es gut läuft, haben wir sie fast wie von selbst. Wir treffen gute Entscheidungen, wetten, wenn wir vorne sind, und legen am River weg, wenn wir geschlagen sind. Wenn es nicht läuft, dann haben wir nicht nur mit dem schlechten Lauf zu kämpfen, sondern wir ringen auch um unsere Selbstkontrolle. Plötzlich bezahlen wir am River mit zwei Paaren, obwohl wir nach den Karten am Turn und River, die wir eigentlich schon als persönliche Beleidigungen empfunden haben, wahrscheinlich nicht mehr die beste Hand halten. Und dann geben wir den Hellmuth: Schon wieder! Warum nur passiert das immer mir? Wie können diese Karten fallen? Wie kann er am Flop bezahlen? Die ganze Leier eben. So gehen ein schlechter Lauf der Karten und der Verlust der Kontrolle Hand in Hand.
Gegen einen schlechten Lauf kann man nichts machen. Ein schlechter Lauf ist schlechter Lauf ist ein schlechter Lauf. Es gibt auch kein vorgeschriebenes Ende oder irgend einen Automatismus oder eine höhere Macht, die dafür sorgt, dass nach soundso vielen Buy-Ins Schluss ist. Manchmal gleicht Poker einem bösen Spuk.
In solchen Phasen dürfen wir hoffen, dass es bald vorbei ist, aber vor allem müssen wir dafür sorgen, dass wir die Kontrolle behalten. Wenn es schlecht läuft, denken die meisten von uns anders über Poker. Es ist der alte Satz: Kein Pokerspieler, der verliert, spielt so gut wie ein Pokerspieler, der gewinnt. Emotionen bestimmen unser Denken. Wie unglaublich, ja unfassbar das ist, was hier passiert. Wir sind verstimmt, Gefühle von Ungerechtigkeit befallen uns, aber all das lenkt uns im Grunde nur davon ab, die Kontrolle wieder zu gewinnen. Den Tilt bekommen wir so nicht aus unserem System.
Während eines langen Downswings sinkt unsere Motivation. Gelegentlich setzen wir uns nur noch hin und fangen an zu grinden und vernachlässigen das, was zu einer guten Spielvorbereitung gehört, die mentale Einstimmung auf das Spiel und genügend Zeit für die Tischauswahl. Beim Spiel sind wir ungeduldig und Kleinigkeiten werfen uns aus der Bahn. Wir missachten unsere Stop-Loss-Regeln und vergessen, dass wir eigentlich aufhören wollen, wenn wir schon wieder angetiltet sind. Nach dem Spiel analysieren wir unser Spiel nur oberflächlich. Kurz gesagt: Wir machen ziemlich viel falsch. Der schlechte Lauf der Karten hat die Kontrolle über uns übernommen.
Die Kontrolle gewinnen wir nur zurück durch all diese Handlungen und Routinen, vor, während und nach dem Spiel. Indem wir uns an die Regeln halten, die wir uns selbst gegeben haben. In der nächsten Session, die wir spielen, kommt es gar nicht darauf an, ob wir gewinnen oder verlieren. Denn darin besteht unser Denkfehler. Weil wir einen schlechten Lauf haben, wollen wir nichts sehnlicher, als mal wieder eine Session spielen, bei der wir gewinnen. Dabei ist alles, was zählt, dass wir die Kontrolle behalten und uns nicht mitreißen lassen von unseren Emotionen. Schaffen wir das, war es eine gute Session. Emotionale Stabilität ist der Grundstein für Erfolg.
Victor Vega
Infektion, Symptome und teilweise wirksame Hausrezepturen -
Das Pokervirus - fängst du dir in der Regel durch eine Kontaktinfektion ein. Der Betroffene ahnt meist nicht, dass er sich infiziert hat. So mancher zappt eines Abends nur gelangweilt durch die Fernsehkanäle, bis er bei einer Pokersendung hängen bleibt: Was machen die denn da? Die spielen Karten? Und das wird im Fernsehen übertragen? Das ist ja noch bescheuerter als Curling. Der Betroffene lacht (noch): Wie die ausschauen mit ihren Sonnenbrillen! Er sieht zu, wie die Chips hin und her wandern. Das also ist Poker. Ein paar Karten und jede Menge Chips, die von hier nach da und wieder zurück geschoben werden. Nach einer Weile schaltet er um. Ein paar Tage später ertappt er sich dabei, wie er im Fernsehprogramm nach einer Pokersendung sucht. Ein scheinbar harmloses Symptom, nicht selten Vorbote einer schweren Infektion.
In den späten 1990er-Jahren galt der Spielfilm „Rounders“ als wichtiger Übertragungsherd ( http://www.youtube.com/-uRzf7vNITg ). Später sorgte das Internet für besonders hartnäckige Infektionen. Ein Amateur, der ausgerechnet Moneymaker hieß, gewann Millionen bei der World Series of Poker. Es war das Jahr 2003. In der Folge infizierten sich Spieler, die bis dato nur Mau Mau, Skat oder Schach gespielt hatten. Bei anderen fand der Kontakt in jungen Jahren statt, bei Spielen auf dem Schulhof, die für Poker gehalten wurden. Gelegentlich kommen Infektionen über Umwege wie Sportwetten oder Black Jack vor. Studien, streng wissenschaftlich natürlich, sehen einen Zusammenhang im frühen Spiel von „Mensch, ärger dich nicht“ und dem späteren Pokerspiel. Nur das Pokerspiel könne einen älteren Menschen noch so schön tilten wie das „Mensch ärger dich nicht“-Spiel einen, sagen wir, etwa Fünfjährigen, der die Spielfiguren vom Brett fegt und sich im Anschluss unter dem Sofa verkriecht. Nichts ist so harmlos, wie es zunächst scheint.
Die Inkubationszeit beträgt in manchen Fällen nur wenige Stunden, in der Regel aber zwei bis vier Wochen. Solange dauert es, bis das Virus entsprechende Handlungen auslöst: Chips kaufen oder sich bei einem Pokerraum anmelden. Die Lebensweise und die Umgebung des Infizierten befördern oder verlangsamen den Ausbruch des Pokervirus. Singles mit viel Zeit und Internetanschluss gelten als Risikogruppe, Studenten sind besonders gefährdet. Männer erweisen sich empfänglicher für den Erreger als Frauen, was eventuell genetisch begründet oder auf eine geschlechterspezifische Hormon-Verteilung zurückzuführen sein könnte. In seltenen Fällen vergehen von der Infektion bis zum Auftreten der Symptome Jahrzehnte. Das kann daran liegen, dass der Erreger zu Beginn der Inkubationszeit keine optimalen Bedingungen vorfindet und an seinem Ausbruch gehindert wird. Hinderungsgründe können sein: kein Internetanschluss, keine Spielbank in der Nähe oder ein soziales Milieu, in dem das Pokerspiel als anrüchig gilt.
Ab etwa 2005 kam es in Europa verstärkt zu Infektionen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) war kurz davor eine Poker-Pandemie auszurufen. Die WHO warnte jedoch vor Panikmache: Das Virus sei zwar unberechenbar, aber die meisten Infizierten könnten sich nach einer zunächst schwierigen Phase an das Virus anpassen und bis zum Lebensende gut damit leben. An einem Impfstoff werde deswegen nicht gearbeitet.
Symptome:
Schmetterlinge im Bauch: Du erinnerst dich noch genau. Du warst verliebt und immer, wenn du an sie oder ihn dachtest, hattest du dieses Kribbeln in der Magengegend. Das gleiche Gefühl befällt dich jetzt, wenn du an Poker denkst, oder wenn du weißt, dass du gleich spielen kannst. Folge dieses nicht zu unterschätzenden Symptoms: Fehleinschätzung der Realität. So wie der Verliebte dahin tendiert, selbst die auffälligsten Macken seines Liebesobjekts auszublenden, übersieht der mit dem Pokervirus Infizierte alle negativen Begleiterscheinungen des Spiels. Er will doch nur spielen. Im ersten Fall führt das gelegentlich zur Komplett-Verblödung durch symbiotische Beziehung (Du bedeutest mir alles, du bist alles, was wichtig ist in meinem Leben, etc.), im letzteren zu einem nicht unerheblichen Verlust von Geld.
Besessenheit: Du textest Leute ohne Punkt Komma über Poker zu, die in ihrem Leben noch nicht mal Mau Mau gespielt haben. Du kannst in ihrem Gesicht lesen: Der Typ ist irre. Für dich noch lange kein Grund, das Thema zu wechseln.
Bewusstseinstrübung: Sprüche wie „Die ganze Welt ist Poker“, mit der eine deutsche Pokerseite für sich wirbt, deuten auf eine schwere Infektion hin, mit der mitunter eine irreversible Bewusstseinstrübung einhergeht. Die ganze Welt ist nicht Poker, nicht mal der größere Teil.
Größenwahn: Jeder Pokerspieler neigt dazu, sich für besser zu halten, als er ist. Was das Pokerspiel für frisch Infizierte so verführerisch macht, ist, dass auch sie mal einen großen Pot gewinnen und daher Glück mit Können verwechseln. Aber auch erfahrene Pokerspieler leiden unter Größenwahn, Phil Hellmuth zum Beispiel hält sich wirklich für besser als Tom Dwan:
Interessenverlust: Wenn du auf einer Party von schönen Frauen umringt bist und gelangweilt denkst: „Verdammt, ich könnte jetzt an einem Pokertisch sitzen oder wenigstens online spielen. Was zum Teufel mache ich hier?“ Du täuschst vor, dass es dir nicht gut geht. Du setzt eine nicht zu übersehende Leidensmiene auf, bittest um Entschuldigung, nimmst die Besserungswünsche der Damen entgegen und stiehlst dich aus der Affäre. Kaum fällt die Tür hinter dir in Schloss, fühlst du dich so gut wie lange nicht mehr und rennst los, um endlich an die Tische zu kommen.
Kontrollverlust: Schuldzuweisungen bei einem schlechten Lauf der Karten an Mitspieler, ihre fortgesetzte Betitelung als Donkeys oder Vollpfosten oder auch andere behandlungsbedürftige Ausraster
Erprobte Hausrezepturen bei schweren Infektionen sind ein Kino- oder Theaterbesuch oder das Lesen eines Buches, das sich nicht mit Poker beschäftigt. Der Vorsatz, mal wieder an etwas anderes zu denken, genügt meist nicht. Nach stundenlangem Spiel kann ein Eisbeutel an Schläfen und Stirn helfen, er verengt die Blutgefäße und lindert den Kopfschmerz. Es hat sich auch als hilfreich erwiesen, die Höhle zu verlassen und Freunde zu treffen und nicht über Poker zu reden. Zu Sport wird dringend geraten. Frisch Infizierte sollten sich Zeit geben, das Spiel zu lernen und sich einer Selbsthilfegruppe anschließen, zum Beispiel Pokern.com. Die Fixierung oder Zwangsmedikation uneinsichtiger Patienten ist nur in seltenen Fällen notwendig.
Victor Vega
Poker, Lügen und Video
„I’ll tell what I had for five bucks, I’ll tell you the truth for 10 bucks. I’ll tell you what - I’ll show you for 15.” -- Phil Laak
Wenn es darum geht, Informationen von ihren Gegnern zu bekommen, schrecken Pokerspieler wirklich vor nichts zurück. Nicht mal in Ruhe pinkeln lassen sie dich. Jedenfalls stand ich bei einem Turnier im letzten Oktober in einer Turnierpause endlich vor dem Pissoir, da pirschte sich ein Spanier an mich heran und fragte: What did you have?
Konversation vor den Pinkelbecken ist zwar nicht tabu, aber eher die Ausnahme unter fremden Jungs, findet also dann statt, wenn normal-nüchtern schon etwas länger her ist. Hier war ich unter Pokerspielern, da schien die übliche Zurückhaltung im nüchternen Zustand aufgehoben. Mag sein, dass Spanier das generell anders sehen. Jedenfalls wollte er es wissen. Natürlich hatte ich nicht vor die Wahrheit einfach so auszuplaudern. Wo kämen wir da hin? Pokerspieler sind notorische Lügner, wenn sie Auskunft geben sollen, welche Karten sie auf der Hand hatten. Da mache ich keine Ausnahme. Und schon gar nicht hatte ich vor zuzugeben, dass mein Re-Steal vom Big Blind gegen seine Bet vom Button ziemlich luftig war.
Ich musste mich zusammenreißen. Ich hatte mich vor dem Pinkelbecken sicher geglaubt, unbeobachtet, hatte die eiserne Maske gegen einen Augenblick der Entspannung eingetauscht, aber jetzt fühlte ich mich plötzlich wie Andie MacDowell als Ann Bishop Mullany, die die Frage beantworten soll, wie es ihr gefalle, verheiratet zu sein:
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What did you have? Natürlich musste ich annehmen, dass er wusste, dass ich nie und nimmer mit der Wahrheit rausrücken würde. Möglicherweise kam es ihm gar nicht darauf an, was ich sagte, sondern wie ich es sagte. Allerdings durfte die Hand auch nicht zu leichtfertig gewählt werden. Ass-Dame schien glaubwürdig, ich entschied mich aber binnen Zehntel-Sekunden für ein Paar Jungs, was unterbewusst vielleicht davon beeinflusst wurde, dass zwei Jungs diese Unterhaltung führten, eine Unterhaltung, die ohne Umschweife, lange Vorreden oder höfliche Vorstellungsarien auf den Punkt kam. Und dann sagte ich es: „I had jacks.“ Ich ließ es mir locker über die Zunge gleiten, so beiläufig, wie du an einem strahlend schönen Tag, der dir noch keine Demütigung verpasst hat, zu deinem Zeitungsverkäufer sagst: „Mensch, das ist aber ein Wetterchen heute.“ Er sah mich an, und ich hatte keine Ahnung, ob er mir glaubte; aber ich sah ihm an, dass er überlegte, ob er mir glauben durfte. Vielleicht war ich gar nicht so ein schlechter Schauspieler. So weit die Klogeschichte, so weit zur Ausweitung der Kampfzone.
Lügen gehören zum Pokerspiel, eigentlich dreht sich ein wichtiger Teil des Spiels darum: Sagst du die Wahrheit? Kann ich dir glauben? Bist du glaubwürdig? Oder nimmst du mich schon wieder auf den Arm? Neben der guten Hand, die du gelegentlich triffst, geht es immer um die gut und glaubhaft erzählte Geschichte. Das erfordert Phantasie, analytisches Denken und Kominationsgabe. Oder es geht um das Aufdecken der Lügen deiner Gegner, das Erkennen von Mustern und den angeblichen Tells. Ihr kennt den Witz von dem Poker spielenden Hund: Der Hund, der immer mit dem Schwanz wedelt, wenn er eine gute Hand hat, ist nicht wirklich ein guter Spieler. Denn er hat einen Tell.
Wer nicht lügen kann, der muss es lernen, um erfolgreich Poker spielen zu können. Aber es ist vermutlich eine irrige Annahme, dass am Pokertisch mehr gelogen wird als im richtigen Leben. Angeblich lügen Menschen bis zu 200 Mal am Tag, und zwar besonders gerne am Telefon, weil die Körpersprache hier die Lüge nicht preisgibt (http://www.3sat.de/dynamic/
Wer die meiste Zeit online und nur hin und wieder live spielt, der ist immer wieder überrascht, wie viele Informationen an den Tischen in der realen Welt durch die Gegend geistern und verarbeitet und gedeutet werden wollen. In dem folgenden Clip fragt sich Phil Ivey, ob sein Gegner in einer Hand der Hund ist, der mit guten Karten mit dem Schwanz wackelt, oder ob er das nur spielt. Are you doing that on purpose?
Ist das Zittern der Hand Stärke oder Schwäche? Ist es gespielt, ist es echt?
Du kennst die Situation, wenn du online spielst. Es ist ein guter Spot für einen Bluff, und du spielst ihn. Plötzlich rauscht ein Adrenalinschub durch deinen Körper. Dein Gegner kann online nicht sehen, was das mit deinem Körper anstellt, live schon. Der deutsche Poker-Pro Georg Danzer trägt deswegen einen Schal. Wenn er blufft, dann muss er schlucken. Und er wird froh sein, wenn das der einzige Tell ist, den er verdecken muss, weil er ihn offenbar nicht loswerden und auch nicht steuern kann. Andy Bellin erzählt in dem Buch „Poker Nation“, dass er einen Pokerspieler kannte, der über ein Jahr lang seine wöchentliche Pokerrunde aufzeichnete, um seine Tells erkennen und ausmerzen zu können. Mindestens 10 Tells fielen ihm auf, die er auch nach mehr als 30 Jahren Pokererfahrung nicht hatte ablegen können, Tells, die seiner Ansicht nach für jeden guten Beobachter zu erkennen seien. Also, glaub lieber nicht, du hast keine (http://www.youtube.com/v/E2iGJXJLuCI). Und frag dich: How does he know these things?
Victor VegaDie Poker-Sinnfrage oder warum Millionäre die Schulbank drücken
„My best advice to someone who is interested in playing poker is: Go back to school, get an education and do something with your life!” – Antonio Esfandiari anlässlich der aktuellen Staffel von High Stakes Poker
Link: http://player.theplatform.com/ps/player/pds/-mymw9FZK0?pid=xeFIMIYP6m7TMdFMcG4s1MPpQCMhNF0S
Was ist los mit Antonio Esfandiari? Läuft es derzeit schlecht für ihn? Leidet er an einer frühen Form von Altersweisheit? Wie alt ist er noch? 32 oder 33? Jedenfalls spricht da derselbe Esfandiari (http://de.wikipedia.org/wiki/Antonio_Esfandiari), der sich noch vor kaum mehr als sieben Jahren auf Poker stürzte – als gäbe es kein Morgen, als sei Poker die Antwort auf alle Sinnfragen in einer hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaft. Esfandiari, der Zauberer, war so besessen von Poker, dass er nie wieder damit aufhören wollte. In der Dokumentation „Beyond the felt“ aus dem Jahr 2005 sprach Esfandiari mit funkelnden Augen, manchmal wie im Rausch, über das Spiel. Aber auch damals gab es schon die andere Seite, diesen kleinen Schatten. In einer Szene des Films stellt Esfandiari ernüchtert fest, dass er etwas Produktiveres mit seiner Zeit anfangen könnte. Andererseits, Poker sei eben auch nur ein Job und er müsse Geld verdienen. Deshalb spiele er Tag für Tag.
Es treten viele Pokerspieler in dieser Folge von „Beyond the felt“ auf.
Matusow zum Beispiel: Der sagt, dass Poker als Lebensstil alles andere beeinflusse, deine Beziehungen, dein Zuhause, und nur selten wärst du glücklich. Was dir natürlich in jedem anderen Job auch passieren kann. Und Negreanu, der den Antrieb vermisst, um die Welt zu reisen und Turniere zu spielen. Dutch Boyd sagt, dass sich alles nicht mehr so gut anfühle, der Filz nicht, die Chips auch nicht. Abnutzungs -und Ermüdungserscheinungen wurden sichtbar. Ein wenig vom Zauber des Spiels geht verloren, wenn es dein Tagesgeschäft ist.
Das war 2005. Eine Generation von jungen Spielern hatte in kurzer Zeit sehr viel Geld mit Poker verdient, musste aber feststellen, dass sie dafür auch einen Preis zu entrichten hatte. Die Geschichte wiederholt sich immer wieder mal. Zuletzt war es Shaun Deeb, der sich Ende letzten Jahres ausgebrannt fühlte, angewidert von der schieren Menge an Turnieren, die er online spielte, obwohl sie ihm jede Menge Geld und Ruhm eingebracht hatten. Ein Pokerholic, der zur Besinnung kam und bemerkte, dass da draußen jenseits des Pokertischs noch eine richtige Welt existiert.
Zeit für den Gastauftritt von Ferris Bueller, der sich zum Glück nicht lange bitten ließ und bereit war, das Intermezzo zu übernehmen:
Nach diesen Fragmenten der Kulturindustrie geht es weiter im Text, obwohl Victor Vega just in diesem Moment ein Unbehagen verspürt, eine Ahnung, dass er in der nächsten Zeile von der Balance zwischen Arbeit und Leben und Poker zu faseln beginnen könnte.
Denken wir lieber von hinten nach vorne. Es ist wahr, das Leben schreitet schnell voran. Es ist aber auch wahr, dass es länger ist, als wir denken. Deswegen können ein paar Optionen nicht schaden. Und dafür müssen wir uns umschauen, auch wenn das diesen Zeiten nicht immer das reine Vergnügen ist. Kurz vor der EPT Berlin erschien im Tagesspiegel ein Portrait über einen Pokerspieler(http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/Poker-Online-Poker;art1117,3044474) und darin fanden sich drei Sätze, die auf den ersten Blick nicht so recht zusammenpassen, aber doch zeigen, wie vertrackt die Gegenwart ist: „Wenn Arbeit sich nicht mehr lohnt, dann suchen die Menschen nach etwas anderem. ‚Pokerspieler sind eben die letzten wirklich freien Menschen’, sagt Profi Negreanu. Aber kaum einer schafft es so weit wie er.“ Poker als Alternative zu den wenig attraktiven Angeboten einer Gesellschaft, die versucht eine Krise zu meistern, von der sich kaum noch einer erinnern kann und wann sie wieder aufhört. Aber kaum einer schafft es so weit wie er. Das ist die Warnung. Auch ist der Pokerlebensstil nicht immer so glamourös wie er scheint. Stefan Schüttler beschreibt das im Royal Flush Blog anhand von zwei Beispielen in einem Text über Poker als Beruf (http://community.magnus.de/blogs/royalflush/2010/02/25/warum-spiele-ich-poker-eine-annaherung-in-sechs-teilen-iv-2/#more-9545). Erstens, und das ist das Hauptproblem an diesem Beruf, liegen Sieg und Niederlage dicht beieinander. Da fällt das Aufstehen schon mal schwer, wenn es nicht so gut läuft (Mike Caro). Zweitens geht es um Leute, die 16 Stunden am Tag online spielen und vor sich hin hartzen. Kurzfristig ist es eine legitime Strategie, fraglich ist nur, ob das langfristig die richtige Strategie für ein geglücktes Leben ist. Das scheint eher wie der Ausnahmezustand in einer seltsamen Zeit, der besser nicht zum Normalfall wird. Freiheit Fehlanzeige.
Aber dann sind da ja auch noch die, die es geschafft haben. Die nächste Generation der Pokermillionäre, Leute wie Brian Hastings, David Benefield und Isaac Baron – sie beherzigen den Rat von Antonio Esfandiari. Sie gehen wieder aufs College, sie lesen Platon, besuchen Boxkurse und vertreiben sich die Zeit in Cafés mit Freunden. Isaac Baron (http://blogs.cardrunners.com/Mr-Menlo/back-to-school) begründete den Schritt damit, dass er sich eines Tages das ganz normale Leben eines Jugendlichen zurückwünschte. Was ihn und die anderen nicht hindert, weiter Poker zu spielen, aber im Grunde wehren sie sich gegen die Einseitigkeit, es gibt ein Leben jenseits des Pokertischs, welches auch immer. Zeit für Vegas Abgang:
„...I recall central park in fall
how you tore your dress
what a mess,
I confess...”
Victor Vega
“If it’s not money, what are we playing for?” – Johnny Chan
Mitte Februar gab Patrik Antonius ein bemerkenswertes Interview. Der große Gewinner des Jahres 2009, der an den virtuellen Pokertischen von Full Tilt Poker so um die neun Millionen Dollar verdient hatte, räumte ein, dass das Jahr deswegen noch lange kein gutes für ihn gewesen sei. Millionen habe er mit anderem Zeug verloren, nämlich mit Sportwetten und vor allem beim Golfen. Dann aber folgte ein Satz, den wir entweder für Koketterie halten können oder der vielleicht ein Fünkchen Wahrheit enthält: „Es scheint fast so zu sein, dass es egal ist, wieviel du gewinnst, du hast niemals viel Geld.“ Fast klingt Antonius wie Stu Ungar, der 1981 nach dem Gewinn der World Series of Poker auf die Frage, was er mit dem Preisgeld von 375.000 Dollar anfangen werde, antwortete: „Ich werd’s verlieren.“
Für Normalsterbliche schwer nachvollziehbar: Wie kann ein Patrik Antonius nicht viel Geld haben – einer, der gegen Isildur1 mit 1.35 Millionen Dollar den bislang größten Pot in der Geschichte des Online-Poker gewann ...
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... und auch sonst gern gegen Phil Ivey nicht unerhebliche Summen darauf setzt, welche Farbe oder Zahl auf dem Flop erscheint? Natürlich hat Patrik Antonius viel Geld, aber was ist schon viel Geld, wenn du am nächsten Tag schon wieder um $100.000 pro Loch Golf spielst und froh bist, wenn du auf 18 Löchern unter 100 Schlägen bleibst, also nicht gerade ein begnadeter Golfer bist. Dann ist viel wieder relativ. Wieviel Geld du hast, hängt im Grunde nur von der Höhe deines nächsten Einsatzes ab.
All das kann als dekadentes Treiben bezeichnet werden, aber das trifft heute auf viele Dinge unserer aus den Fugen geratenen Zeit zu. Deswegen ist Poker nicht schlimmer als das Geschachere, sagen wir mal, am Kunstmarkt. Der Pokerspieler Mickey Appleman (http://de.wikipedia.org/wiki/Mickey_Appleman) meinte,
Poker mit hohen Einsätzen sei eben ein Sport mit großem Risiko – wie das Fahren eines schnellen Rennwagens. Und es gebe einen Unterschied zwischen dem Grinder, der des Geldes wegen spielt und Poker wie ein Geschäft betreibt, und einem echten High Roller, für den das Spiel nicht nur Geschäft, sondern auch Vergnügen und vor allem Wettbewerb ist.
Antonius gab in dem Interview zu, dass ihn die Phasen, in denen die Bankroll abwärts rauscht, immer noch aus der Ruhe bringen. Das macht ihn menschlicher, Antonius, der sonst keine Miene verzieht, wenn ein großer Pot verloren geht. Auch erfolgsverwöhnte High-Stakes-Spieler leiden. Brian Townsend wünschte sich kürzlich gar ein Roboter zu sein, dann würde ihn ein schlechter Lauf nicht so frustrieren (http://blogs.cardrunners.com/brian/it-just-wont-end).
Und wahrscheinlich lässt sich nur erahnen, was der rasante Aufstieg und der noch schnellere Fall des Isildur1 mit seinem Nervenkostüm angestellt haben. Brian Hastings, der Isildur1 an einem Tag allein mehrere Millionen abknöpfte, schreibt in seinem Blog ziemlich unverhohlen darüber, dass Isildur1 Probleme mit Tilt habe (http://blogs.cardrunners.com/Stinger885/reflecting-on-a-very-special-day-1260413695). Als die Karten anfingen gegen ihn zu fallen, habe er noch aggressiver gespielt, als könnte seine Aggressivität die Karten zwingen. Und so verlor er mehr, als er hätte verlieren müssen.
Die Bankroll der oben genannten Spieler dürfte einen schlechten Lauf aushalten können. Und wenn nicht, müssen sie halt ein paar Limits tiefer spielen. Was ist tatsächlich daran so schlimm? Leute wie Antonius wissen das natürlich. Es ist die Spielsituation, auf die es ankommt und nicht die Höhe des Einsatzes. Im besten Fall denkst du über den realen Wert des Geldes gar nicht nach, sagte Antonius in einem Interview anlässlich des Full Tilt Million Dollar Cash Games 2009.
„Geld bedeutet gar nichts“, sagte der 2007 so früh verstorbene Chip Reese. „Wenn dir Geld wirklich viel bedeuten würde, dann könntest du dich nicht an einen Pokertisch setzen und $50.000 verbluffen. Wenn ich darüber nachdächte, was ich damit kaufen könnte, dann könnte ich kein guter Spieler sein.“ Für Reese, den Phil Ivey für den besten Pokerspielern aller Zeit hielt, war Geld nur die Einheit, in der Erfolg oder Misserfolg bemessen wurde. Im Spiel verschwendete er keine Gedanken an den realen Wert des Geldes. „Scared money“ spielt nicht gut Poker.
Im Grunde durchlaufen alle Pokerspieler eine Schule der Unempfindlichkeit gegenüber dem Geld, immer wieder und gerade dann, wenn sie ein Limit aufsteigen. Das Spiel ist immer noch Poker, aber der Pot um den es am River geht, ist plötzlich doppelt so groß, und du kannst dir doppelt so viel dafür kaufen. Am Pokertisch aber ist Geld nur ein Arbeitsmittel, die Sprache, in der kommuniziert wird. Es hat keinen Wert an sich. Es ist nur Poker, ein Wettbewerb. Wenn wir uns an den Pokertisch setzen, akzeptieren wir die Regeln dieses Wettbewerbs. Wenn wir es nicht tun, laufen wir Gefahr uns lächerlich zu machen. Am Rande des Million Dollar Cash Games wurde Phil Ivey danach gefragt, was er von einem der typischen Aussetzer von Phil Hellmuth hielt. Hellmuth war nach einem großen Pot, den er verloren hatte, aus dem Saal gestürmt. Ivey kommentierte das lakonisch: Manche Spieler seien einfach nicht darauf vorbereitet zu verlieren. Sie erwarteten, dass es immer zu ihren Gunsten ausging. Aber so sei Poker nunmal nicht. Und während er den Satz beendete, rollte er mit den Augen als sichtbares Zeichen seiner Geringschätzung. Am Ende des Tages aber, oder am Ende des Monats, das weiß auch Ivey, wird abgerechnet, und was dann unterm Strich steht, das bestimmt über die Höhe deines nächsten Einsatzes oder das Limit, das du spielst. Das gehört zur Disziplin des Pokerspielers und ist seine Art von Respekt gegenüber dem Geld.
Victor Vega
Link: Card Player-Interview mit Patrik Antonius
http://www.cardplayer.com/poker-news/8476-one-on-one-with-poker-pro-patrik-antonius-part-1
„You’ve got to play the player, not the cards.“ – Doyle Brunson
Full Tilt hat in letzter Zeit für Furore gesorgt - mit Rush Poker, so eine Art Blitzpoker, bei der du jede Hand an einem neuen Tisch mit anderen Spielern sitzt. Es gibt einen Quick Fold-Button. Gefällt dir deine Hand nicht, passt du und schon wirst du am nächsten Tisch platziert. Damit entfällt, was mancher vielleicht als unnötigen Ballast empfindet, nämlich sich tiefschürfend über die Spielweise seines Gegners Gedanken machen zu müssen. Denn es ist eher die Ausnahme, dass du in einer Session mehrmals mit dem gleichen Spieler in eine Hand verwickelt bist.
Howard Lederer sagte, Rush Poker sei ein guter Weg für Anfänger das Spiel zu erlernen. Über diesen Satz aus dem Munde des Pokerprofessors habe ich mich anfangs gewundert, entspricht Rush Poker so gar nicht der abwägenden Art von Lederer. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob dieser Satz ursprünglich nicht aus dem Skript der Marketingexperten stammt und Lederer in den Mund gelegt wurde. Schließlich gewinnt die Aussage an Glaubwürdigkeit, wenn der Pokerprofessor ihn sagt. Was also lernt der Anfänger durch Rush Poker? Es vermittelt wahrscheinlich ein gutes Gefühl für Position und die relative Stärke einer Hand in der jeweiligen Position, was eines der Schlüsselkonzepte des Poker ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es dafür Rush Poker gebraucht hätte, aber das ist noch lange kein Grund Rush Poker zu verteufeln. Rush Poker macht durchaus Spaß, und es machen sich bereits jede Menge Leute Gedanken darüber, was eine erfolgreiche Strategie für Rush Poker sein könnte – Position spielen, 3-Betting aus Position heraus mit einer relativ weiten Range, das dürfte zunächst einmal erfolgreich sein, zumindest oft genug.
Das will ich hier nicht vertiefen. Rush Poker hat mich eher auf etwas aufmerksam gemacht, was mir gelegentlich unterläuft, wenn ich multitable. Ich schalte auf Autopilot. Angeblich multitabeln wir, damit unsere Gewinnrate höher ist. Natürlich spielen wir auch gern, also warum nicht noch ein bisschen mehr davon, manchmal mehr als gut für unser Spiel ist. Warum nur drei oder vier Tische, wenn du auch acht, zwölf oder noch mehr Tische spielen kannst. Bei Hardcore-Grindern wie Ryan Daut oder Elky wird mir schon beim Zusehen schwindlig, obwohl es zugegeben ziemlich beeindruckend ist. Bei Elky sieht es immer noch relativ entspannt aus: Er nimmt nicht mal die Sonnenbrille ab und bewegt den Kopf wie eine Eule.
Im Sinne der Anklage aber bekenne ich mich schuldig. Ich spiele mehr Tische als gut für mein Spiel ist. Manchmal nehme ich mir vor, nur vier Tische gleichzeitig zu spielen, eine halbe Stunde später stelle ich fest, dass ich doch wieder an sieben oder acht sitze. Aus Neugier, könnte sich ja lohnen, vielleicht treffe ich an Tisch sieben oder acht den schönsten Fisch. Also, Gründe finden sich immer, und wenn sich keine finden, dann erfinde ich welche – na ja, ihr wisst schon, was ich meine.
Jedenfalls sind acht Tische für mich schon fast wie Rush Poker. Es fällt mir schwer, Reads zu entwickeln, ich denke nur schlampig darüber nach, wie mein Gegner da jetzt eigentlich spielt und verlasse mich viel zu oft auf die Statistiken von Poker Tracker anstatt auf meine Beobachtung –manchmal verpasse ich es einfach, wie eine Hand gespielt wurde, weil ich schon wieder mit einem anderen Tisch beschäftigt bin. Und nach einer Weile fällt mir auf, dass ich auf Autopilot spiele, ein Effekt, der sich bei mir nach einer Stunde Rush Poker auch einstellte. Mein Nachdenken über Spielsituationen hat sich verkürzt und richtig Spaß macht das gerade dann nicht, wenn es mir auffällt. Und es fällt mir auf, wenn ich genau die Informationen brauche, die ich vorher nur unzureichend gesammelt habe.
Natürlich weiß ich, warum ich diesen Weg gehe. Ich will Action, spielen, aber ich bin in diesen Momenten denkfaul, ich lasse mich einlullen vom Lauf der Karten, vom gleichmäßigen Klicken, ich spiele Poker wie ich Auto fahre, da brauchst du über das Schalten auch nicht nachzudenken. Das bringt dich aber auch um die guten Gefühle, die das Spiel hergibt, nämlich so tief in einer Spielsituation zu sein, dass du einfach genau weißt, wie dein Gegner spielt, sein Handspektrum relativ klar ist, sein Spiel auf dem Flop vorhersehbar, und du genau weißt, was nun zu tun ist. Du hast ein akkurates Bild von den Spielern an deinem Tisch, und auch von denen die dir falsche Bilder anbieten. Und wenn du dann gegen jeden dieser Spieler richtig spielst und nicht nur deine Karten, dann macht zumindest mir das Spiel einfach mehr Spaß.
Victor Vega
Mal ein großes Wort am Anfang. Revolutionen geschehen nicht durch neue Technologien, sie geschehen, wenn die Menschen ihr Verhalten ändern. Diesen Satz habe ich mir aus dem Buch „Here Comes Everybody“ von Clay Shirky ausgeborgt. Darin geht um die Frage, was es eigentlich bedeutet, wenn Menschen das Internet nicht nur nutzen, um einen Artikel zu lesen, für den sie sich früher vielleicht eine Zeitung gekauft hätten, sondern anfangen selbst Nachrichten zu produzieren, „Social Media Tools“ zu nutzen und was es da sonst noch alles gibt in der schönen Welt des Internet. Wenn sie es tun, verändern sie vieles, sich selbst, ihr Denken und ihr Leben, langfristig womöglich Machtstrukturen. Deswegen entsteht gelegentlich großes Geschrei, wenn es um das Internet geht. Selten wird aufrichtig zum Nachdenken angeregt, gelegentlich aber gibt es Impulse von außen: So befragte das Onlinemagazin Edge (http://www.edge.org/q2010/q10_index.html ) Wissenschaftler, Autoren und Künstler, wie das Internet ihr Denken verändert.
Lesenswert, und natürlich lag da die Frage nahe, wie sich mein und vermutlich auch euer Leben und Denken durch Online-Poker verändert hat, mal ganz abgesehen davon, dass innerhalb weniger Jahre eine Industrie entstanden ist, die ganz gut von uns, den Spielern, lebt. Vor gerade einmal zehn Jahren steckte all das noch in den Kinderschuhen. Ohne Breitbandtechnologie wäre die Industrie sicher nicht das geworden, was sie heute ist, ein Milliardengeschäft. Erinnert sich jemand an den kreischenden Singsang eines 56k-Modems? Und was wäre aus Online-Poker geworden, hätte nicht Chris Moneymaker die World Series of Poker im Jahre 2003 gewonnen und allen Hobbyspielern und Anfängern den Glauben gegeben, sie könnten der nächste Moneymaker sein? Seitdem hat sich der Pokervirus um den Globus verbreitet, unaufhaltsam.
Faszinierend würde Mr. Spock sagen - Leute aus aller Welt spielen online, mit- und gegeneinander, jenseits aller kulturellen und sprachlichen Barrieren.
Jedenfalls hat es meine Vorstellung schon immer beschäftigt, wie der Akt des Spielens in der Praxis so vor sich geht, also wer da wie auf der anderen Seite des Bildschirm hockt. Bildschirmnamen wie „Ähm_ich_spiele_nackt“ regen die Fantasie durchaus an, gelegentlich tauchen Videobeweise auf, dass die Leute zumindest mit freiem Oberkörper spielen, wie Chicago Joey (www.youtube.com/watch?v=4hVNvns4o4o) , der Ende November 2009 einen Weltrekord aufstellte und mehr als 50.000 Hände an einem Tag spielte. Begierig sauge ich die kurzen Meldungen der Pros zu diesem Thema auf. So zum Beispiel die unmissverständliche Aufforderung zum Duschen, die uns der aus „2Month. 2Million“ bekannte Jay Rosenkrantz mit auf den Weg gibt: „Wenn du ein Online-Pro bist und das gerade liest, dann riechst du wahrscheinlich.“ (http://www.dangerlion.com/?p=613). Duschen soll sich übrigens auch vielen anderen Bereichen des Lebens als bevorzugte Praxis durchgesetzt haben, also nicht nur vor der Online-Poker-Session, sondern auch vor dem Sex, das gilt insbesondere für Leute, die ihren Sexpartner erst noch finden müssen. Aber das nur nebenbei. Faszinierend finde ich Multitasking-Fähigkeiten, zum Beispiel die von Billy Kopp. Der spielt nicht nur Cash Games, und wir vermuten, nicht auf den untersten Limits, sondern bloggt zeitgleich und schaut dabei Folgen der TV-Serie „Lost“ – und das alles um drei Uhr morgens (http://blog.ultimatebet.com/2010/01/fancy-water-lost/). Was irgendwie anstrengend klingt und eher nicht meiner Vorstellung von einem spannenden Abend vor der Glotze entspricht. Und Lost ist die Aufmerksamkeit ja nun wirklich wert, was sich nur von wenigen anderen Produkten der Müllschleuder Fernsehen sagen lässt. Und was ist aus dem Sonntag geworden? Es soll mal eine Zeit gegeben haben, in der sich halb Deutschland am Sonntagabend den Tatort reingezogen hat. Heute ist das nur noch schwer vorstellbar, und für Pokerspieler schon gar nicht. Sonntag ist Großkampftag, Turniere stehen auf dem Programm. Und wenn es gut läuft, kann sich so ein Sonntagabend bis tief in die Nacht ziehen. Sonntage sind tendenziell anstregender geworden, seitdem wir Online-Poker spielen. Vielleicht können dich dafür Montage etwas weniger schocken, wenn du überhaupt noch mit Montagen zu tun hast. Oder wie sagte Daniel Negreanu, als er noch durch und durch Spieler war: „Ich weiß nie, welcher Tag ist. Warum auch?“
Zeit und Raum werden natürlich nicht aufgehoben, wenn wir online Poker spielen. Deswegen begegnen wir im Kosmos des Online-Poker all den Dingen, die so manchen Kulturpessimisten stöhnen lassen, wenn sie sehen, was das Internet mit der gewohnten Ordnung anstellt und manchmal auch mit den Menschen, die sich darin bewegen: Informationsüberlastung, Datensammlungen, die Art und Weise, wie wir Entscheidungen treffen, Ablenkung, enormer Zeitaufwand und vielleicht auch noch Suchtgefahren. Außerdem verlierst du beim Poker dazu manchmal auch noch Geld – was für ein seltsames Hobby! Hast du dir das etwa freiwillig ausgesucht?
Natürlich wissen wir, warum wir damit angefangen haben, wir wollten den Nervenkitzel, die Action, und die Aussicht auf einen Gewinn fanden wir nicht schlecht. Das Anreizsystem von Poker ist simpel und deswegen vermutlich wirksam. Auf den zweiten Blick gibt es Entdeckungen zu machen, die Tiefe und Schönheit des Spiels und sowie die Erkenntnis, dass das Spiel erlernt, studiert werden will. Wie auch immer wir es bewerten, was die Menschen beim Poker antreibt, es ist faszinierend zu sehen, mit welchem Eifer das Spiel nicht nur gespielt, sondern auch studiert wird, auf Trainingsseiten, in Foren oder mit Coaches.Würden Menschen mit der gleichen Energie andere Ziele verfolgen, wer weiß, was dann möglich wäre. So gesehen, ist die Kultur, die um Online-Poker entstanden ist, eine Art Laboratorium der Wissensvermittlung. Es werden neue Verhaltensmuster eingeübt. In Foren wird kollaboriert, es wird sich gegenseitig geholfen beim Verstehen des Spiels, es entstehen Netzwerke und Denkräume. Poker befreit aus Passivität, nicht nur ist passives Spiel nicht erfolgreich, ich muss mich auch selbst aktivieren, meinen Geist, meinen Körper, um besser zu werden. Und diese Erfahrung kannst du in andere Lebensbereiche mitnehmen, wenn dir danach ist.
Victor Vega
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