Victor Vega
Dies ist eher kein Blog, vielmehr eine Kolumne über Gedanken, Neuigkeiten und Erfahrungen zum Poker als Anregung, Information und Unterhaltung aller Blogleser einmal im Monat.Im ersten Leben ist Victor Vega ein netter Kerl mit Sinn für schwarzen Humor, im zweiten ist er Pokerspieler aus Überzeugung.
Victor Vega begann vor etwa vier Jahren mit dem Pokerspielen. Zu Anfang holte er sich ein paar mächtige Beulen ab, inzwischen sieht er gelegentlich Land und studiert weiter No Limit Holdem und PLO.
In "Dead Money" schreibt er über das Spiel, das er liebt.
Eigentlich wollte ich zu Beginn des neuen Jahres über den Sinn des Lebens schreiben, da ich aber angesichts der Lage um mich herum nicht zu einer beruhigenden Antwort gekommen bin und das Jahr auch noch 2012 heißt, verschiebe ich das und schreibe lieber über die tagtäglichen Herausforderungen eines Hobbyzockers, damit dessen Existenz entsprechend gewürdigt wird.
Der Hobbyzocker befreit sich von den drängenden Fragen seiner Existenz durch einen einfachen, aber geschickten Kunstgriff – er zockt, er ist abgelenkt, er denkt nicht darüber nach, ob es richtig oder falsch ist. Er spielt nicht nur Poker, sondern er versucht immer wieder Wetten zu finden, bei denen er sich im Vorteil wähnt. Mit seiner Moral ist es dabei nicht besonders weit her. Ihm kommt es nicht darauf an, ob seine Lieblingsmannschaft gewinnt, sondern nur darauf, ob er seine Wette ins Ziel bringt.
Wenn die Quote stimmt, wettet der fortgeschrittene Hobbyzocker, ohne mit der Wimper zu zucken, gegen seine Lieblingsmannschaft. Auf Dauer färbt dieses Wettverhalten auf seine Psyche und seine Bindung zu gewissen gesellschaftlichen Gruppen ab. Eine Gruppe Fußballfans ist für ihn nur noch eine Herde blökender Schafe, die es zu scheren gilt.
Beim Scheren geht er vorsichtig, aber kalt kalkulierend vor. Er schleicht sich bei den Fans einer Mannschaft ein, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit beim nächsten Spiel eine Niederlage kassieren wird und wettet gegen die Fans dieser Mannschaft, die das böse Ende aus falsch verstandenem Stolz nicht kommen sehen wollen. Eine anstrengende Tätigkeit, die genau vorbereitet werden will und kaum ausgebeutet werden kann – außer es tritt der unangenehme Fall ein, dass die dummen Fans ihre Wette gewinnen. Dann hört man den Hobbyzocker kurz vor Spielende, während er den Hinterausgang sucht, fluchen: „Scheiße, scheiße, scheiße, warum passiert das immer mir?“ Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Eben deswegen bleibt der Hobbyzocker Hobbyzocker. Die Tage, als er sich mit einer nicht unerheblichen Summe an einem Rennpferd namens Diamond beteiligte, sind lange vorbei.
Capuccino mit Goldpuder - 24 Karat
Der Hobbyzocker hat deswegen auch keine großen Ansprüche. Die vielen Niederlagen haben ihn abgehärtet. Er will seinen Capuccino nicht mit Goldpuder (24 Karat) trinken, wie er in dem einen oder anderen Luxushotel in Dubai für 30 Euro die Tasse gereicht wird – nicht, weil er sich nicht leisten könnte, sondern weil er den Betrag natürlich sofort umrechnet in mögliche Buy-Ins für Pokerturniere oder Sportwetten auf die Lakers, Baltimore Ravens oder Mannschaften wie Gladbach, die einen guten Lauf haben. Er hofft, dass dieser gute Lauf auf ihn überspringen könnte. Was er weit seltener tut, als er es statistisch sollte und unseren Hobbyzocker in gelegentliche Sinnkrisen stürzt (siehe oben).Das ewige Auf und Ab seiner Bankroll lässt ihn zweifeln, ob seine Zeit die Anstrengungen wert ist, die er damit verbringt, sich Informationen zu beschaffen, Ligen und Spiele zu verfolgen, dabei sein Pokerspiel zu verbessern und dann auch noch noch einer geregelten Tätigkeit nachzugehen. Er tröstet sich damit, dass es immerhin weniger schmerzlich ist, als sich mit vielen anderen Dingen zu beschäftigen.
Zocken und Poker als Zeitvertreib: Der ultimative Nervenkitzel des Pokerspielers bestünde wahrscheinlich darin, um Lebenszeit zu spielen. Da unsere Zeit abläuft, wäre der Gewinn einer Hand gleichbedeutend mit dem Gewinn zusätzlicher Lebenszeit. In dem Film „In Time“ von Andrew Niccol gibt es eine solche Szene. Zeit ist Geld, diese Wendung nimmt der Film wörtlich. Zeit ist das allgemeingültige Tauschmittel. Mit 25 Jahren altert man nicht mehr, aber jeder Mensch hat nur noch ein Jahr zu leben. Deine Uhr läuft ab. Wie viel Zeit dir bleibt, kannst du auf deinem Unterarm jederzeit lesen. Springt die Uhr auf null, stirbst du. Du kannst deine Lebenszeit durch Arbeit, durch Geschäfte, auch durch Glückspiel verlängern.
Justin Timberlake spielt Will Salas, der in einem Ghetto lebt, in dem sich die meisten von Tag zu Tag retten. Ihr Zeitkonto besteht meist nur aus wenigen Tagen und Stunden. Aber auch in dieser Welt gibt es eine Klasse der Reichen, die Zeit akkumuliert haben. Einer von ihnen ist des Lebens müde und vermacht Will Salas ein Jahrhundert, das er angesammelt hat. Es ist für Salas das Ticket, um dem Ghetto zu entfliehen. Der Film kippt nach gutem Anfang etwas und wird im zweiten Teil zu einer Art Bond-Verschnitt, in der Salas sein Glück in der Welt der Reichen versucht und alles bis auf ein paar Sekunden setzt:
Will Salas gewinnt dieses Spiel, wird aber wenig später der gewonnenen Zeit schon wieder vom herrschenden System beraubt, was aus ihm einen Revoluzzer macht. You win some, you lose some. Kein großer Film, aber kurzweilig. Wie das Zocken. Keine große Kunst, aber meistens nicht langweilig. Deshalb nennen wir es Fun. Und deshalb werde ich spielen bis ans Ende meiner Tage. Lange lebe Doyle. Und jetzt muss ich los, Leute, mein Geld liegt am heutigen Sonntag auf den Ravens (-7,5), den Packers, den Spurs (-7,5), den Jazz(+10) und Golden State (+5,5). Lasst die Spiele beginnen. Run good everyone!
Pius Heinz: „Der Hoodie ist sehr gefragt“
Im Pokern.com-Interview spricht WSOP-Champion Pius Heinz über das Leben nach dem großen Sieg, seine Anfänge und Vorbilder und die Träume, die er sich am Pokertisch noch erfüllen will. Im echten Leben will er sich nicht verbiegen lassen, und das ist dann fast schon wieder wie am Pokertisch.
Hallo Pius, erst mal herzlichen Glückwunsch zu deinem phänomenalen Erfolg und vielen Dank, dass Du Dir für Pokern.com Zeit nimmst. In der vergangenen Woche bist Du bei der EPT in Prag angetreten. Spielen die anderen Spieler anders gegen einen amtierenden Sieger des WSOP-Main-Events? Legen die es darauf an, Dich zu busten?
(Lacht) Eigentlich nicht. Hatte ich jetzt nicht den Eindruck. Kommt natürlich immer stark darauf an, ob man mehr gegen Amateure oder Profis spielt. Ich glaube, bei Amateuren wäre es durchaus so, bei Profis eher nicht, weil die einfach andere Denkansätze haben, als den Champion zu busten.
Gab es viele Respektbekundungen?
Ja, schon. Es kommen viele Leute an, die einem gratulieren, Leute, die das eine oder andere Foto machen wollen. Darüber freue ich mich immer. Das ist alles ganz cool. Respektbekundungen gab es auch teilweise, aber nicht übermäßig viele.
Ich habe heute Deinen Tweet gelesen, dass Du viele Termine hattest. Wie lebt es sich als Pokerweltmeister und Posterboy des deutschen Poker?
Man kommt unheimlich viel rum in der Welt und lernt viele interessante Leute kennen, die ich sonst wohl kaum getroffen hätte. Um ein paar Beispiele zu nennen, da wären dann Günter Jauch, Stefan Raab und Boris Becker. Das waren die drei coolsten Leute, die ich getroffen habe, und die drei größten Ikonen der deutschen Medienlandschaft. Das macht schon Spaß, die kennenzulernen und auch mal das eine oder andere Wort privat zu wechseln.
Hat die Angelegenheit auch eine Schattenseite?
Die Schattenseite ist, dass man mehr Pflichten hat als vorher und mehr zu tun hat. Wenn man ein so junger Typ wie ich ist, der das überhaupt nicht gewohnt war, ist das eine große Umgewöhnung, dass man plötzlich im öffentlichen Interesse steht.
Aber Du hast doch bestimmt eine schnelle Lernkurve.
(Lacht) Ich hoffe doch.
Eine Frage aus dem Pokern.com-Forum: Stehen die Frauen jetzt Schlange bei Dir?
(Lacht wieder, diesmal mehrfach) Wie sagt man da noch, glaube ich: Der Gentleman genießt und schweigt.
Gute Antwort. Was wurde eigentlich aus dem weißen Hoodie? Trägst Du ihn noch oder hat er inzwischen einen Ehrenplatz bekommen?
Nein, ich habe ihn sogar gerade an. Jedes Mal, wenn man Medieninterviews macht oder auch wenn Zeitungen vorbeikommen und man halt Fotos machen will, ist der Hoodie sehr gefragt, weil er ein Stück weit auch mein Markenzeichen geworden ist. Deswegen ist seine Einsatzzeit noch nicht ganz vorbei.
Den Traum aller Pokerspieler hast Du bereits mit 22 Jahren erreicht. Gibt es da noch Herausforderungen im Poker für Dich?
Definitiv. Ich finde es wichtig, und das habe ich in der Vergangenheit auch immer gedacht als Außenstehender, dass der Champion des Main Events auch beweist, dass er nicht nur eine Luckbox ist, sondern durchaus auch spielen kann. Deswegen finde ich schon, dass ich noch etwas zu beweisen habe. Ich will beweisen, dass es nicht nur eine einmalige Sache war, sondern dass ich wirklich gut Poker spielen kann. Ich habe ja noch keinen EPT-Finaltisch erreicht und auch keinen EPT-Titel. Und mir den zu holen, das ist schon ein Traum von mir, den ich mir gern erfüllen würde.
Und abseits des Pokertischs?
Mein Fokus liegt zurzeit beim Pokern. Abseits des Pokertischs ist es mir nur wichtig, dass ich mich nicht verbiegen lasse. Ich möchte der Typ bleiben, der ich bin und war. Ich möchte mir das Ganze nicht zu Kopf steigen lassen. Bis jetzt mache ich dabei, glaube ich, einen ganz guten Job.
Wenn Du zurückdenkst an deinen Weg als Pokerspieler, vom Anfänger bis heute - was waren die zwei, drei wichtigsten Erkenntnisse, die Knackpunkte, die Dein Spiel und Dein Denken über Poker verändert haben?
Das ist für mich schwierig, das an ganz konkreten Punkten festzumachen. Für meine Entwicklung war sicher wichtig, dass ich viel über Poker nachgedacht habe, viel mit Freunden über Strategien gesprochen habe. Im Idealfall sind es natürlich Leute, die besser als man selber oder auf dem gleichen Level sind. Bei Diskussionen über Hände kann man einfach unheimlich viel lernen.
Das hast Du über verschiedene Pokerforen gemacht, oder wie ist das bei Dir gelaufen?
So geht’s halt los, dann lernt man halt die Leute kennen und tauscht Skype-Nummern aus und freundet sich an. Dann schickt man zum Beispiel eine Hand, bei der man nicht genau weiß, was man machen soll, und fragt: Was meinst du dazu, was findest du hier besser? Und dann diskutiert man darüber und diese Diskussionen können auch richtig lang werden. Dadurch wird man dann einfach viel besser. In meiner Pokerkarriere war das für mich auf jeden Fall am wichtigsten.
Noch eine Frage zu Deinen Anfängen. Du hast Poker im Fernsehen gesehen und hast dann mit Freunden in einer Runde angefangen. Hattest Du ein Vorbild und hast Du heute noch eins?
Als ich angefangen, fand ich noch die typischen TV-Profis ziemlich cool, also Gus Hansen oder Phil Ivey. Bei Ivey hat sich das nach der „Full Tilt“-Geschichte etwas geändert. Seit den letzten zwei Jahren sind die Pokerspieler, die ich am meisten respektiere, Tom Dwan und Phil Galfond – nicht nur für ihr Pokerspiel an sich, auch dafür, wie sie viele Sachen angehen und wie sie denken und wie sich zu manchen Dingen äußern.
Ivey hält sich ja in letzter Zeit sehr bedeckt in Sachen Full Tilt. Was sagst Du zu dem Crash von Full Tilt?
Das ist absolut nicht meine Baustelle. Ich bin ja auch Member von Team Pokerstars.de. PokerStars hat die ganze Geschichte ja so gut gehandelt, wie man es sich überhaupt nur vorstellen kann. Von daher bin ich stolz, dass ich Mitglied von Team PokerStars bin. Zu der „Full Tilt“-Geschichte kann und will ich nichts sagen, denn so gut kenne ich mich mit der Materie auch nicht aus.
Du bist vor allem ein Turnierspieler. Warum hast Du Dich dafür entschieden?
An Turnieren fand ich faszinierend, dass man mit relativ kleinem Einsatz sehr viel gewinnen kann. Und den Nervenkitzel. Wenn man zum Beispiel bei Turnieren mit 5.000 Leute mitgespielt hat und dann ist man unter den letzten hundert, wo jeder Pot über das Turnierleben entscheiden kann. Dann gibt es auch viele Situationen, in denen man großen Druck auf seine Gegner aufbauen kann, was ja auch ein großer Teil meines Spiels ist. Deswegen fand ich Turniere immer schon interessanter als Cash Game.
In einem Interview hast Du erzählt, dass Du es vor der WSOP im Jahr 2011 nicht ganz so gut lief für Dich und Du einen ordentlichen Downswing erwischt hast. Du hast sogar überlegt, ob Du überhaupt zur World Series fahren willst. Wie gehst Du mit so Phasen um, wo es dann mal nicht so läuft?
Ja, diese Phasen sind halt schwierig, klar. Es ist dann einfach wichtig, dass man versucht, trotzdem seinem Spiel treu zu bleiben und sein Selbstvertrauen nicht zu verlieren. Manchmal gelingt es einem, manchmal halt nicht so gut, aber das ist definitiv sehr wichtig: Nicht aufgeben, denn man weiß ja eigentlich, dass man es kann. Und dann kannst du nur hoffen, dass die Varianz umschwingt. Was auch immer gut ist, ist einfach mal eine Pause von zwei, drei Wochen zu machen. Wenn man einfach merkt, ich spiele momentan nicht gut, es läuft nicht und danach wieder erfrischt an die Tische zurückkehrt.
Noch eine Frage aus dem Forum: Welche Limits hast Du vor der WSOP gespielt?
Ich habe im Prinzip alles gespielt. Die 1K-Turniere habe ich schon mal weggelassen und auch die wöchentlichen Rebuys, sonst habe ich aber alles gespielt.
Was war Dein größter Cash online?
$60.000 beim Sunday Mulligan auf Full Tilt.
Hattest Du vor der WSOP schon Erfahrung bei Live-Turnieren?
Nee, überhaupt nicht. Nur ab und zu mal Cash-Games gespielt in Kasinos in Deutschland und auch in Österreich. Die ersten vier, fünf Turniere habe ich da auch Lehrgeld gezahlt, glaube ich, konnte mich aber dann relativ schnell anpassen.
Wie hast Du Dich angepasst?
Es waren eigentlich relativ banale Sachen. Die Chips richtig zu handeln, nicht nervös zu sein, keine Tells wegzugeben, selber auf Tells zu achten. Dazu kommt, dass Live-Spieler ein bisschen anders spielen. Die raisen, um herauszufinden, wo sie in der Hand stehen, was ein Online-Spieler typischerweise eher nicht macht.
Sprechen wir über ein paar Hände der WSOP. Zunächst die berühmte Hand gegen O’Dea, auch wenn Du schon oft darüber gesprochen hast.
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Du hast lange überlegt, Du hast gesagt, Du hättest mehrfach Deine Meinung geändert. Woher hast Du am Ende den Mut genommen in dieser frühen Phase des Finaltischs?
Wie gesagt, ich habe meine Meinung in der Hand sehr oft geändert. Habe eigentlich überlegt, dass es ein sehr sicker Spot für ihn wäre light zu sein, also zu bluffen, dann habe ich mir gedacht, dass er auf jeden Fall sick genug, das zu tun. Er war der einzige am Tisch gegen den ich All-In gegangen wäre in dem Spot. Am Ende habe ich mir gedacht, ich riskiere es jetzt einfach und habe zum Glück recht gehabt.
Beruhte Deine Einschätzung auf der Analyse vor dem Spiel oder nur von der Entwicklung an diesem Tag?
Es war eine Kombination aus beidem.
Die erste Hand an Tag zwei des Finaltischs war auch bemerkenswert. Ihr hattet kaum Platz genommen, da hatten Ben Lamb und Martin Staszko ihre Chips schon in der Mitte – KJo gegen 77. Was ist Dir da durch den Kopf gegangen?
Ich war eigentlich sehr überrascht, dass es so schnell ging. Ich fand die Hand auch einigermaßen komisch, aber ich war natürlich nicht unglücklich darüber, es war natürlich auch ein Pay Jump für mich. Ich war dann relativ frohen Mutes gegen Martin Heads-Up zu spielen.
Hättest Du anstelle von Ben Lamb den gleichen Move gemacht?
Ich weiß es nicht genau. Ich würde ihn normalerweise immer machen. Ich hätte ihn eventuell in dem Fall nicht gemacht, weil es die erste Hand des Tages war. Und ich glaube einfach, dass die Leute bei der ersten Hand des Tages nicht so oft light sind, wenn sie 3betten in dieser Situation. Die 3bet von Martin finde ich nicht so gut. Ich hätte an seiner Stelle nur in Position gecallt.
Das Heads-Up war eine Achterbahnfahrt. Teilweise lagst Du deutlich hinten, die Karten fielen oft gegen Dich. War eher schwierig, oder? Wie hast Du es geschafft, nicht zu resignieren?
Es war auf jeden Fall schwierig. Ich war zwischendurch auch relativ frustriert, muss ich sagen. Aber ich habe versucht, mich nicht verrückt machen zu lassen und gehofft, dass die Karten wieder in meine Richtung fallen.
In einer Hand, als Du im Chip Count deutlich hinten lagst, hältst du mit Td5d auf einem Board von Jd5h4h das zweite Paar. Du spielst an und Martin check-raist auf über 10 Millionen. Nach etwa einer Minute gehst Du All-In. Hattest Du einen Tell und wie hast Du die Situation in Erinnerung?
Ich hatte zum einen einen Tell. Wenn er mich nicht angeguckt, wenn er eine große Bet machte, dann hatte ich immer das Gefühl, dass er schwächer ist als sonst. Zum anderen kann er den Flop halt sauoft bluff-raisen. Ich habe Second Pair und das ist im Heads-Up relativ stark. Und ich habe den Backdoor-Flushdraw, wenn er vorne liegt, und deswegen habe ich mich dann entschlossen, All-Inn zu gehen.
(Martin Staszko passte, d. Red.)
Pius, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viele Erfolg. Auf dass Du den Main Event back-to- back gewinnst.
Na Leute, habt ihr euch schon einen weißen Hoodie zugelegt, um ihn voller Stolz, als Bekenntnis und als Erkennungszeichen für Eingeweihte durch die graue, deutsche Vorweihnachtszeit zu tragen? Rot ist dieses Jahr out, Weiß ist das neue Rot oder Schwarz oder was auch immer. Lauter Pokermönche in weißer Kutte, überall in Deutschland. So wie sie im Penn & Teller in Las Vegas zu sehen waren, in der Ecke von Pius Heinz.
Okay, ich neige zu Übertreibungen, aber es war ein rührender Moment, als in der letzten Hand am River die Karo Vier fiel und den letzten Rest Hoffnung von Martin Staszko unter sich begrub. Es war aus und vorbei. Der Sieger stand fest. World Series of Pius.
Pius raste in seine Ecke und wurde von einer Horde hysterischer junger Menschen in weißen Kapuzenpullovern umarmt, gedrückt und über den Kopf gestreichelt, mittendrin auch eine junge Frau mit allen Symptomen einer verspäteten Beatlemania. Es war ein Wahnsinn, ein schöner, ein erlösender, und sie hätten ihn fast über die Bande gehoben - den ersten Deutschen, der das größte Pokerturnier der Welt gewinnt.
Doch ein Champion erinnert sich im Augenblick des größten Triumphs immer auch an den Verlierer. Pius Heinz löste sich aus der Menschentraube, ging auf Martin Staszko zu und tauschte ein paar respektvolle Worte mit ihm aus. Das hatte Klasse. Und der Verlierer Martin Staszko trug es mit Fassung. Das alles waren gute Bilder nach einem stundenlangen Menschen, in denen Pius Heinz lange nicht wie der Sieger aussah.
Es schien einfach nicht zu laufen im Heads Up gegen Staszko. Pius lag vorne, dann hinten, erholte sich, lag wieder deutlich hinten, fast im kritischen Bereich, wenn das Spiel sich auf die Entscheidung zwischen Push oder Fold beschränkt. Die Kommentatoren Lon McEachern und Antonio Esfandiari meinten, im Gesicht von Pius Heinz das langsame Einknicken des Siegeswillens beobachten zu können. Es waren schwierige Augenblicke. Aber irgendwie behielt er die Nerven.
Das war nicht bei allen so. Die erste Hand am zweiten Tag des Finaltischs war seltsam. Noch lagen die Worte des Ansagers in der Luft, gerade noch hatte Antonio Esfandiari Ben Lamb gelobt, wie kontrolliert dieser das gesamte Turnier gespielt habe, ja den Tisch und sich selbst zu jeder Zeit im Griff gehabt habe. Doch dann geht Ben Lamb in der ersten Hand mit KJo nach gegen Martin Staszko im Big Blind nach dessen Reraise auf sieben Millionen mit gut 55 Millionen all in. Und der macht den Call mit ein Paar Siebenern. Die erste Hand war leicht verrückt, irgendwie unwirklich, und gar nicht das, was von Ben Lamb zu erwarten war, nämlich die Gegner in den schwierigen Situationen auszuspielen. Stattdessen verlor er in der ersten Hand am zweiten Tag des Finaltischs die Nerven. Aber auch das ist Poker. Ein Favorit, Player of the Year, hat sich für einen Augenblick nicht im Griff und setzt zu leichtfertig alles aufs Spiel, anstatt zu spielen. Soll doch Esfandiari sagen, was er will. Er meinte: „I like his shove!“
Zurück zum Sieger: Vanessa Selbst wunderte sich noch über das glückliche Händchen das PokerStars jedes Jahr beweist, wenn es darum geht, vor dem Main Event Spieler unter Vertrag zu nehmen, die dann das Turnier gewinnen. Boris Becker hat seinem Tweet, dass Pius Heinz den Main Event der World Series of Poker gewonnen hat, drei Ausrufezeichen hinterhergeschickt !!! Er wird wissen warum (http://www.pokern.com/blog/victor-vega/unser-mann-in-vegas.html), schließlich war er der erste Deutsche, der in Wimbledon gewonnen hat. Danach war Tennis ein anderer Sport. Und nach allem, was ich an diesem Abend gesehen habe, ist Pius Heinz eine gute Wahl, wenn es um einen Botschafter für Poker in Deutschland geht. Wir werden sehen, wie die Medien reagieren, in welcher Talkshow Pius zu sehen sein wird, wie er seine Geschichte erzählt.
Schließen wir mit einer Lebensweisheit aus dem Mund eines 22-Jährigen, der soeben die World Series of Poker gewonnen hat: „Verliert nie den Spaß am Spiel und achtet auf eure Bankroll.“ Die ist gut, auch im übertragenen Sinn.
Er ist der Stolz der deutschen Zockergemeinde, denn er sitzt an diesem Wochenende am Finaltisch des WSOP-Main Events. Sein Name ist Pius Heinz, er ist unser Mann in Las Vegas. Kaum auszumalen, was ein Erfolg des 22-Jährigen für das deutsche Poker bedeuten könnte. Sein Sieg beim Main Event könnte eigentlich nur mit dem Sieg des jungen Boris Becker 1985 in Wimbledon verglichen werden.
Damals siegte Becker als ungesetzter und jüngster Spieler aller Zeiten und er war der erste Deutsche, der das bedeutendste Tennisturnier der Welt gewann. Er löste damit nicht nur Begeisterung für das Spiel aus, sein Sieg veränderte peu à peu auch das Image des Tennissports, das bis dahin das Spiel der Kinder aus besserem Haus war, irgendwie elitär und borniert.
Poker kommt eher wie ein Gossenjunge daher, das Kind einer dysfunktionalen Familie, das die eigene Großmutter check-raist, die Schwester beschummelt und, wenn wir die Pokerskandale des Jahres 2011 im Hinterkopf haben, das Konto der eigenen Eltern leer räumt und mit der Beute die große Flatter macht.
Ich kenne keine aktuellen Umfragen, und ich weiß auch nicht, ob es überhaupt eine gibt, aber ich würde darauf wetten, dass die Mehrheit der Deutschen Poker und das Spielen um Geld für ein gefährliches Laster hält – ein Laster, das der Persönlichkeitsentwicklung eher schadet als weiterhilft. Pokerspieler sehen das selbstverständlich differenzierter. So auch der gute Pius Heinz, und deswegen ist er unser Mann in Vegas.
Pius Heinz ist fast schon zu perfekt für diese Rolle. Er ist selbstbewusst, dabei bescheiden und scheint mit beiden Beinen auf den Boden zu bleiben. Dass er den Finaltisch erreicht habe, verdanke er zu 80 Prozent dem Glück und nur 20 Prozent Können. Über seine Gegner sagt er, es seien ein paar richtige Cracks dabei, aber der Schlechteste werde er mit Sicherheit nicht sein. In Interviews fasst er sich in der Regel kurz, kein falscher Ton ist dabei, Pius Heinz ist kein Angeber. Er würde sich nie Geld leihen, um einem Pokerturnier teilzunehmen: „Das ist ja nicht Sinn der Sache!“(http://www.einslive.de/magazin/interviews/2011/10/pokerstar_pius_heinz.jsp).
Er ist kein Gossenjunge, sogar seine Eltern vertrauen ihm. Sollte er gewinnen, würde er viel Geld in Aktien anlegen (http://www.bild.de/regional/koeln/poker/koelner-student-pokert-um-fast-6-mio-euro-19186844.bild.html) und seit er sich unter die Fittiche von Johannes Strassmann begeben hat, haben wir den Verdacht, dass er auf Fruchtsaft steht. Pius Heinz ist wie der nette Student der Wirtschaftspsychologie von nebenan, und das war er ja zumindest auch mal. Pius Heinz hat mit 22 Jahren das Image des völlig Unverdorbenen, ist am Pokertisch aber nervenstark wie ein alter Hase, was seine Lieblingshand des bisherigen Main Events belegt – eine Preflop-Schlacht mit A9o (http://bit.ly/tZ92bw).
Was uns zurück zu „Bumm-Bumm-Becker“ bringt. Auch Becker war furchtlos, ein „Löwenherz“ sprach ihm der Reporter zu (http://bit.ly/bszyMV). Becker gewann als Ungesetzter, Pius Heinz hatte vor dem Main Event auch keiner auf dem Zettel. Vor fünf Jahren, so erzählt er, habe er am Küchentisch angefangen zu pokern – gut, wer die Geschichte glaubt. Und vor drei Jahren habe er 250 Euro online eingezahlt und sich nach oben gearbeitet (http://bcove.me/fc2ldx90). Sein Englisch ist definitiv besser als das des jungen Becker. Der jüngste Main Event-Sieger kann Pius Heinz mit 22 Jahren zwar nicht mehr werden, aber der erste Deutsche. Wie gesagt, Pius Heinz ist unser Mann in Vegas. Mit etwas Glück kann er das neue Aushängeschild des deutschen Poker werden und das Ansehen von Poker in Deutschland für immer verändern – nämlich als Spiel, das nicht von rücksichtslosen Spielsüchtigen, sondern von Könnern gespielt wird.
„Sein Körper explodierte einfach wie ein mit Fleisch gefüllter Ballon.“ So berichtet Rose, Charly Harpers Stalkerin aus der Serie „Two and a half man“, vom wenig glamourösen Abgang des saufenden Schürzenjägers. Charly nahm das Leben leicht und kam meistens damit durch. Er verdiente sein Geld fast im Schlaf mit dem Schreiben von Werbejingles. Den größeren Teil davon verprasste er mit Frauen, Sportwetten und Ausflügen nach Vegas. Seine Philosophie war einfach: „Wenn du verlierst, dann musst du einfach höher setzen, um den Verlust wieder reinzuholen. Sonst stehen eines Tages Männer mit Hackfressen vor deiner Tür, die dein Bookie geschickt hat. Und dann hast du ein Problem!“Ich kann mich noch gut an die Wochen danach erinnern, als ich mich fragte, ob ich mein Geld wiedersehen würde. Es wäre das zweite Mal gewesen, dass ein Pokerraum einen Teil meiner Bankroll mit ins Nirvana genommen hätte. Ein Freund versuchte mich zu beschwichtigen. Ich wunderte mich überhaupt, über die überall zur Schau gestellte Gelassenheit, oder sagen wir den Mangel an Vorstellungsvermögen, dass Full Tilt vielleicht nicht so geführt worden war, wie man es sich gewünscht hätte. Der Freund wollte jedenfalls nicht glauben, dass Full Tilt sich ein derart gutes Geschäft vermiesen würde, indem man zum Beispiel die Spieler nicht auszahle. Er glaubte das noch, als PokerStars längst seine Spieler ausbezahlt hatte.
Es klingelt ...
Ivey schrie, und es klang nicht danach, als würde sich sein Anfall bald legen. Barry Greenstein, langjähriger Freund von Ivey und ein Vertrauter, hörte auf der anderen Seite des Apparats zu und kam nicht zu Wort. Ivey war auf Tilt.
Man muss sich das vorstellen, der coole Ivey, der am Pokertisch, auch wenn es mal nicht so läuft, kaum eine Miene verzieht, derselbe Ivey ist so getiltet, dass er einen seiner besten Freunde anschreit (http://www.pokerolymp.com/articles/show/news/10298/Barry+Greenstein+st%C3%A4rkt+Phil+Ivey+den+R%C3%BCcken). Und getiltet hat Ivey die Website, dessen Aushängeschild er war und an der er angeblich Anteile hält - Full Tilt Poker. Laut Greenstein ist Ivey verärgert darüber, wie das Management von Full Tilt die Pokerkrise seit dem Schwarzen Freitag handhabt. Viele Spieler warten noch immer auf ihr Geld, das seit Mitte April auf Konten von Full Tilt Poker eingefroren ist. Genau bestimmen lässt sich der Betrag nicht – häufig ist die Rede von 150 Millionen Dollar. Das ist genau der Betrag, auf den Philip Dennis Ivey, Jr. den Pokerraum Full Tilt Poker am Ende Mai verklagt hat (http://www.scribd.com/doc/56836292/Ivey-Tiltware-Complaint-060111). Und es ist auch genau der Betrag, den Full Tilt Poker bei der Suche nach Investoren oder Überbrückungskrediten genannt hat.
Das mag alles Zufall sein, aber Barry Greenstein hat angedeutet, dass da etwas im Busch sei. Ivey hatte bereits zuvor erklärt, dass er an der diesjährigen World Series of Poker nicht teilnehmen werden. Es sei schlicht nicht fair, wenn andere Spieler nicht an ihr Geld könnten, um sich einzukaufen.
Nicht alle haben Ivey so viel Ehrenhaftigkeit abgenommen. Andrew Robl warf ihm reinen Egoismus vor. Ivey versuche nur seinen “Arsch” zu retten (http://www.hochgepokert.com/2011/06/04/wsop-dramabomb-andrew-robl-kritisiert-phil-ivey-seine-aktion-war-%E2%80%9Eausschlieslich-egoistisch%E2%80%9C/). Robls Vorschlag wirkt jedoch reichlich naiv. Wenn es Ivey wirklich um die Spieler gehe, dann solle er doch die Spieler mit den Millionen entschädigen, die er als vermeintlicher Anteilseigner von Full Tilt Poker verdient habe. Nur warum sollte er das tun, wenn er zwar Anteilseigner, aber nicht verantwortlich für das schlechte Management von Full Tilt Poker ist. Inzwischen will sogar Pokernews-Eigentümer Tony G. nichts mehr von Full Tilt wissen und hat die Zusammenarbeit aufgekündigt. Die Seite sei nicht mehr sicher (http://forumserver.twoplustwo.com/29/news-views-gossip/pokernews-com-ends-business-ftp-1047495/).
Es ist inzwischen für jedermann ersichtlich, dass Full Tilt wesentlich schlechter auf die Ereignisse vorbereitet war als Poker Stars. Warum das so ist, hat Full Tilt bis zum heutigen Tag nicht plausibel erklärt. Das ist schlicht unentschuldbar. Online-Poker hat dadurch schweren Schaden genommen. Da kann Full Tilt, so oft sie wollen, behaupten, dass das Geschäft in Europa wie gewohnt weiterlaufe. Auch da dauert es teilweise Wochen, bis Spieler ihr Geld bekommen.
Die Retourkutsche von Full Tilt Poker ließ jedenfalls nicht lange auf sich warten. Ivey wurde vorgeworfen, er schulde Full Tilt Geld und habe Aufforderungen an der Bewältigung der Krise mitzuwirken, abgelehnt (http://www.pokern.com/news/online-poker/full-tilt-reagiert-auf-ivey-klage.html).
Es gibt Gerüchte, dass das Verhältnis zwischen Ivey und Full Tilt bereits vor dem Schwarzen Freitag getrübt gewesen sei. Angeblich habe er Geld auscashen wollen, sei aber gedrängt worden, darauf zu verzichten. Auch soll Ivey nach der Beschlagnahmung der Website und einiger Konten bereit gewesen sein, sich am Krisenmanagement zu beteiligen, seine Hilfe soll jedoch nicht erwünscht gewesen sein (http://sportofpoker.com/news/2011/6/1/phil-ivey-vs-full-tilt-early-analysis.html) .
Zugegeben, noch beruht vieles auf Spekulationen. Aber wenn nicht alles täuscht, hat Full Tilt wesentlich größere Probleme, als sie zugeben wollen. Dass Ivey nicht als Repräsentant einer Website auftreten will, die das Geld der Spieler nicht rausrückt, ist nicht nur verständlich, es ist auch konsequent dagegen vorzugehen. Wenn nicht er, wer dann? Ivey gegen Full Tilt – das könnte die größte Schlammschlacht werden, die die Welt des Online-Poker je gesehen hat.
Das erste Mal begegnete mir David “Viffer” Peat in einer Folge von Poker after Dark. Peat hatte seine Haare an den Schläfen lila gefärbt und sah irgendwie aus wie ein Cyberpunk-Verschnitt, der sich bei nächtlichen Touren durch das Internet eine mittelschwere Realitätsstörung eingefangen hatte. Jedenfalls blieb Viffer in der Folge von PAD trotz der Farbe im Haar ziemlich blass, zumindest in meiner Erinnerung.
Inzwischen weiß ich, dass er eine coole Sau ist, einer von den Jungs, die immer einen lässigen Spruch auf den Lippen haben und am Pokertisch hellwach sind.
David „Viffer“ Peat, irgendwie smart, wenn auch auf den ersten Blick nicht der große Sympath, nicht so bescheiden und zurückhaltend wie John Juanda, nicht so lässig kalt und kontrolliert wie Phil Ivey, nicht so fesch und manieriert wie Tom Dwan. Viffer ist Viffer, irgendwie schräg und schlagfertig. Und einer wie Viffer trägt einen Sack schräger Geschichten mit sich herum.
Die schrägste ist die Geschichte, wie er zu seinem Spitznamen gekommen ist – Viffer. Motorradfans glauben vielleicht, sie haben eine Ahnung, ist aber nur eine falsche Fährte. Vom Viffer kann es nur eine derbe Geschichte geben, aus der wilden, schweren Jugend des David Peat. Er war 16 Jahre alt und befriedigte während einer Party ein Mädchen mit einem Billard Queue, als jemand ins Zimmer kam. Angetörnt wie sie war, sagte das Mädchen „He viffed me“, obwohl sie wohl sagen wollte: „He sticked me.“ Dann lief sie aus dem Zimmer. Und, na ja, vielleicht stimmt’s.
Die harte Kindheit gilt als einigermaßen gesichert. Er wuchs auf in Ohio, irgendwo in der Gegend von Cleveland. Sein Vater verließ seine Mutter, als er drei war. Die Mutter heirate erneute, der Stiefvater wurde krank und verstarb, als David zehn war. Mit seinem Vater soll er seit 20 Jahren kein Wort mehr gesprochen haben, und mit seiner Mutter kommt er nicht klar. Nicht gerade das, was man enge Familienbande nennt.
Aber das kommt seinem Lebensstil entgegen. Andrew Brokos schrieb in seinem Blog mal, dass Viffer an den High Stakes Tischen von Pokerstars erzählte, dass er gerade den besten Sex seines Lebens gehabt hätte. Und es war irgendwie nicht klar, wie viel es ihn gekostet habe. Es soll irgendwo in London gewesen sein. Gewöhnlich macht Viffer keinen großes Getue um alle möglichen Eskapaden. Falls jemals ein Film über ihn gedreht würde, dann wäre es ein unterhaltsamer. Das sagt er selbst, es wäre eine Mischung aus Rounders, Farbe des Geldes und Blow. Obwohl Blow, das weiße Pulver, das mag Viffer nicht, die schlimmste Droge überhaupt. Viffer hat bis jetzt noch alles überstanden.
Viffer feiert viel und gern. Und wenn er dem vielen Geld und Frauen überdrüssig ist, beklagt er sich in Interviews, wie einsam das Pokerspiel mache und wie sehr er sich ein richtiges Lebens wünsche (http://pokergrump.blogspot.com/2008/10/poker-gems-174.html). Die üblichen menschlichen Probleme. Geld allein reicht nicht, macht die Sache aber tendenziell einfacher. Wer die Schule für Poker aufgebe, sei ein Idiot, findet Viffer. Für ihn selbst war nach der sechsten Klasse Schluss.
Angefangen hat Peat mit Poker auf Limits von $1 und $2 – in Zeiten, als die höchsten Einsätze $2 und $4 waren. Muss lange her sein. Es lief nicht gut, Viffer hatte zum Glück noch einen Job und musste sein Pokerspiel mehrmals mit Geld aus dem Job pampern. So um das Jahr 2000 herum ging er nach Vegas. Dort wurde er zu dem, was er ist. Einer der besten Cash Game Spieler der Welt. Viffer spielt eher selten online. Er spielt live. Die großen Online-Pros fordert er gelegentlich heraus, live gegen ihn zu spielen, zuletzt Viktor Isildur Blom.
Und immer, wenn ich mir Poker in der Glotze anschaue und Viffer sitzt mit am Tisch, dann weiß ich, dass die Zeit nicht ganz verloren ist. Zum Beispiel bei der ersten Episode der siebten Staffel von High Stakes Poker, zum Beispiel in dieser Hand. Vanessa Selbst hielt Damen, Esfandiari Td9d und der Amateur Phil Ruffin, der wohl auch Millionär ist, saß auf 33. Der Flop kam 4c9c3d. Esfandiari spielte $17.100 in den Pot von $20.800 an und Ruffin bezahlte. Doyle Brunson stieg mit einem Gut Shot aus. Selbst war an der Reihe und setzte $63.800, eine leichte Overbet, im Pot waren $55.000. Ruffin wurde nervös und wollte schon erhöhen, noch bevor Esfandiari seine Hand in den Muck senden konnte. Was der dann natürlich recht schnell tat. Ruffin erhöhte um $100.000. Das war der Moment, in dem sich Viffer einschaltete. “You got raised”, ahmte er eine irgendwie von einem Computer modulierte Stimme nach, die ich irgendwo schon mal gehört hatte. Als Warnung. War aber nicht genug. Selbst ging broke
Das hätte vielleicht auch ein anderer Spieler gesehen, auch Selbst, wenn sie nicht nervös gewesen wäre bei ihrem ersten Auftritt von HSP. Großartig aber war Viffers Read in einer Hand, die etwa 20 Minuten später gespielt wurde. Sechs Spieler sahen den Flop von Jd4d3c, der durchgecheckt wurde. Der Turn brachte eine 6c. Selbst checkt mit 5s5d, Barry Greenstein spielt $10.000 an – im Pot waren $17.000. Esfandiari passt 9h7h, Croak passt 8s6h. Der dritte Amateur am Tisch bezahlt mit einem Flush Draw und Qc7c. Selbst geht mit. Der River bringt die KaroDame, einer der beiden Flush Draws ist damit angekommen. Selbst checkt, Greenstein checkt, Klein, der die beste Hand hält, spielt an – $23.000 in den $47.000-Pot. Selbst steigt aus, aber Barry Greenstein etscheidet sich dafür den Flush zu repräsentieren. Greenstein erhöht um $100.000. Klein legt die beste Hand weg.
Selbst sagt: „Gute Hand.“
Doch Viffer hat alles ganz anders gesehen.
„Das war keine gute Hand. Guter Einsatz, Barry!“
Dann erklärt er, dass es ein Fehler gewesen sei, dass er vor dem Flop ausgestiegen sei.
„Wenn du den Nut Flush hattest, dann war er gut“, sagt Greenstein.
Viffer schüttelt den Kopf, wie es nur ein Cyberpunk mit Realitätsstörung kann, er gackert: „Ah..., he... ich hatte zwei Paare, und die waren gut.“
Oder ihr lest ein altes Stück von Phil Laak über Viffer und habt Spaß. http://www.bluffmagazine.com/magazine/The-Sickest-Hand-Phil-Laak-682.htm
Ziigmund, der auch unter dem bürgerlichen Namen Ilari Sahamis bekannt ist und online um die höchsten Einsätze spielt, braucht keinen HUD. Ziigmund braucht nicht mal Poker Tracker, um seine Ergebnisse aufzuzeichnen. In einem Interview gab er in seiner typischen Art zu Protokoll: “What the fuck is Poker Tracker?” Klingt, als sei es Ziigmund ziemlich egal, ob andere eine Analysesoftware benutzen oder nicht.
Aber das ist Ziigmund, und für einen wie Ziigmund gelten nicht die gleichen Regeln wie für normalsterbliche Pokerspieler. Alle anderen kleinen Fische, solche wie mich, freuen sich über jede kleine Hilfstellung. Poker Tracker oder Holdem Manager helfen nicht nur im Nachhinein dabei das eigene Spiel und das deiner Gegner zu analysieren, sondern durch das HUD (Head-up-Display) die wichtigsten Statistiken an den Tischen abzulesen, und das fast in Echtzeit (http://www.pokern.com/forum/poker-tools/15559-zeigt-her-eure-huds.html). Dein Gegner passt fast auf 100 Prozent deiner 3bets, dann wirst du ihn vermutlich ordentlich damit eindecken, oder zumindest solange, bis er sein Spiel anpasst. Spielt er auf dem Flop in 70 Prozent der Fälle eine sogenannte Continuation Bet und sinkt die Quote am Turn auf 30 Prozent, werden wir unseren Gegner am Flop oft bezahlen, um am Turn den Pot zu stehlen. Das HUD ersetzt nicht das Pokerspiel, aber es hilft.
Wer mehrere Tische gleichzeitig spielt, und wie ich meist mehr als gut für sein Spiel sind, der weiß, wie nützlich das HUD ist, um die vermeintlich schwächeren Spieler am Tisch ausmachen zu können. Das HUD lügt meistens nicht. Und wer die Statistiken seines HUD richtig interpretieren kann, der hat einen Vorteil gegenüber Spielern, die das nicht können oder gar keine Software zur Analyse benutzen.
Nur ist der Einsatz von Analysesoftware und HUD auch fair gegenüber Mitspielern, nur weil er auf den meisten Pokerseiten geduldet wird? Wäre es vielleicht besser, wenn zumindest das HUD untersagt wäre, damit Online-Poker für Gelegenheitsspieler wieder attraktiver würde und sie sich nicht benachteiligt fühlen müssten? Und müsste dann nicht auch unterbunden werden, dass eine Website wie Pokertableratings “Hand Histories” trackt und an Spieler verkauft, die damit die Datenbanken ihrer Software füttern.
Andrew Brokos, Mitglied vom PokerStars Team Online, ist der Meinung, dass es legitim sei einen HUD zu benutzen, solange sie auf der jeweiligen Seite nicht verboten sind. Denn dann seien sie Bestandteil des Spiels. Jeder, der spiele, akzeptiere das (http://www.thinkingpoker.net/2011/01/the-poker-ethicist-heads-up-displays/). Wer lange genug Online-Poker spielt, der wird wissen, welche Werkzeuge es gibt, welche von den Seiten akzeptiert werden und welche nicht. Irgendwie gehört diese technische Entwicklung zu Geschichte des Online-Poker-Boom. Nur der Neuling, der hat vielleicht davon gehört. Er ahnt, dass er einen Nachteil hat und macht deswegen lieber einen großen Bogen um Online-Poker. Dabei stehen die Chancen des Neulings eh nicht gut. Er hat nicht nur keinen HUD und keine Analysesoftware, er hat weniger Erfahrung, weniger Pokerbücher gelesen, weniger Videos gesehen. Braucht es da noch das HUD? Es könnte zumindest sein, dass die Hemmschwelle für Neulinge durch die ständige Weiterentwicklung der Werkzeuge beständig größer wird.
Pokerspieler sind immer auf der Suche nach dem kleinen Vorteil, nach dem “edge”. Es ist noch nicht lange her, da gab es Ärger, weil Brian Hastings, Cole South und Brian Townsend “Hand Histories” nach ihren Matches gegen Viktor “Isildur1” Blom getauscht hatten. Hastings knöpfte wenig später Blom ein paar Millonen ab. Das Studium der Hand Histories hat sicher nicht geschadet. Blom fühlte sich betrogen. Unter den damals herrschenden Bedingungen schien es ziemlich naiv von Blom, wenn er glaubte, dass sich South, Hastings und Townsend nicht austauschten. Der Reihe nach gegen die damaligen Cardrunner-Pros anzutreten, war sicher nicht die beste “Table Selection”. Es war klar, dass sie über die Spielweise von Blom redeten, wenn es um Millionen geht, schließlich kennen sich die drei seit Jahren. Nur: Ohne Analysesoftware hätten sie längst nicht so viel präzises Anschauungsmaterial gehabt.
Victor Vega
Nanonoko könnte ein Ausruf des Erstaunens sein, zum Beispiel, wenn etwas schwer Vorstellbares eingetreten ist oder ein Mensch etwas leistet, das irgendwie übermenschlich, außerirdisch oder gewöhnlich nur von Superhelden in Comic-Heften vollbracht wird. Mann, das ist so Nanonoko.
Dabei gibt es ihn wirklich, der Mann ist eine lebende Legende, und das mit Mitte zwanzig. Nanonoko ist der lebendig gewordene Traum eines jeden Pokeranfängers und ein Vorbild für alle, die nicht ganz so gut dastehen wie er. 2009 knackte Nanonoko die magische Millionen-Grenze – 1 Millionen Dollar hatte er online gewonnen. Im Sommer 2010 wurde er Mitglied im Team PokerStars online. Er hatte sich schriftlich beworben und wurde natürlich mit Kusshand genommen.
Es ist die Geschichte eines stetigen, scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs, ohne große Schwankungen. Ich erinnere mich noch genau, mit welcher Ehrfurcht ich seinen Graph zum ersten Mal betrachtete. Wie war das möglich? Angesichts der eigenen teilweise furchterregenden Swings, dachte ich, das kann nicht sein, das ist so krank, das muss eine Maschine sein, kein Mensch. Über 3 Millionen Hände und dabei fast 1,5 Millionen Dollar gewonnen. Kaum Swings. Wie geht das, bitte? ()
Selbst andere Superhelden des Online-Poker hatten große Swings erlebt und erlebten sie immer wieder. Nur Nanonoko nicht. Bis vor kurzem war es für mich unvorstellbar, dass ein Spieler wie Nanonoko tiltet, und zwar gründlich, und das dann auch noch mit Vorsatz. Nicht möglich. Nanonoko doch nicht. Dieser freundlich dreinschauende Kalifornier asiatischer Herkunft, den du dir auch jederzeit gut in einem Maschinenbauseminar vorstellen kannst, tiltet nicht. Er hat immer alles unter Kontrolle, sich selbst und die anderen Spieler. Wie sonst wäre sein Graph zu erklären, der fast nur eine Richtung kennt, nach oben, in einem Winkel von 45 Grad, ein Graph, der fast so aussieht, als wäre er mit einem Lineal gezogen. Wie geht das?
Fangen wir mit den Fakten an. Nanonoko heißt mit bürgerlichem Namen Randy Lew. Mit dem Pokerspiel begann Nanonoko im College in Kalifornien. Er studierte 2003 Betriebswirtschaftslehre und vertrieb sich die Zeit mit Videospielen, bis er an ein paar Freunde geriet, die Poker spielten. Er mochte den Wettbewerb, immer schon, und als er auf Online-Poker umstieg, war sein Weg so gut wie vorgezeichnet. Nanonoko fing auf den kleinsten Levels an, er probierte alles aus, Sit-and-Go’s, Turniere, Cash-Game. Immer habe er versucht sich zu verbessern, aber das eher als Autodidakt, ohne Trainingvideos oder viele Bücher. Selbst die gute, alte Analyse der Hand History hält sich in Grenzen, gelegentlich nach besonders schlechten Sessions, doch er probiere lieber neue Sachen aus. Das Spiel selbst sei sein Lehrer – „Play to learn!“ Obwohl auch Nanonoko gelegentlich eine Hand analysiert, das Ergebnis ist erwartungsgemäß unorthodox:
Es lief nicht von Anfang an gut. Auch er brauchte den einen glücklichen Sieg, der seiner Karrriere auf die Sprünge half. In einem Turnier kassierte er für den zweiten Platz ein paar tausend Dollar. Das war die Bankroll, die er brauchte. Er konzentrierte sich auf Cash-Games, und er fing an, mehr und mehr Tische zu spielen, erst neun, dann zwölf, und das in Zeiten, als es noch keine Time Bank gegeben habe. Für ihn sei es gut gewesen, denn so habe er gelernt, seine Entscheidungen noch schneller zu treffen. Inzwischen spielt er bis zu 24 Tische, er hat sich auch dabei hochgearbeitet und Tisch für Tisch hinzugefügt. Und weil ihm sechs Tische nie genug sind, ist er manchmal auf Limits von $3/$6 bis zu $25/$50 gleichzeitig anzutreffen.
Im 2+2 Pokercast fragte ihn Adam Schwartz im Scherz, wie er das mache: Bist du ein Bot? (http://pokercast.twoplustwo.com/listen_and_browse.php?episode=136) Schwartz fragte sich aber vor allem, ob das Spielen so vieler Tische nicht –EV sei, weil es schwierig sein müsse, die Tischdynamik und das Meta-Game im Griff zu haben. Die Antwort war überraschend, aber einleuchtend. Meist säßen die gleichen Spieler an mehreren seiner Tische, und er betrachte jeden dieser Tische nicht isoliert, sondern spiele alle wie einen. Gegen diese Spieler spiele er an allen Tisch gleichzeitig – wie bei einem Heads-Up-Match. Vielleicht kommt es deswegen schon mal zu einem 4Bet-Shove mit Q8c (http://www.tiltkontrolle.com/2010/10/bisschen-metagame-gefallig.html).
Und doch reduziere er mit seinem Spiel die Varianz. Je mehr Tische und je mehr Hände er spiele, desto geringer falle die Varianz aus, immer vorausgesetzt, dass du ein Spieler bist, der gewinnt. Und weil er so viel spiele, verschwänden die Swings in seinem Graph schlicht durch die Menge der Hände.
Statistiken beeindrucken ihn auch nicht besonders. Fragt man ihn nach der roten Linie in Poker Tracker oder Holdem Manager, dann muss er zunächst überlegen, was das genau bedeutet – „Gewinne ohne Showdown?“ Die hysterischen Debatten, die die Pokerwelt in Wellen durchziehen, lassen ihn kalt. Es komme nicht darauf an, wie tight oder loose ein Spieler sei. Es komme darauf an, den eigenen Stil zu entwickeln, der der für dich richtig und erfolgreich sei. Es gebe mehr als einen Weg zu gewinnen, und die guten Spieler würden ihren Weg finden. Und selbst wenn es um Tilt geht, hat Randy Lew seinen eigenen Weg gefunden. Er rät nicht, sofort alles stehen und liegen zu lassen, sondern weiter zu spielen im Bewusstsein, dass du auf Tilt bist, den Zustand dabei zu erforschen und in der Folge besser damit umgehen zu können, sogar richtig zu tilten(http://doubleflypoker.blogspot.com/2010/11/superman-is-dead.html), mit Absicht, um zu sehen, was das mit einem mache. Und das ist auch wieder so Nanonoko.
Victor Vega
Wieder verabschieden wir ein Jahr in die unendlichen Weiten der Zeit. Überall wird versucht, das Jahr irgendwie zu fassen. Im Fernsehen geschieht das mit einer ordentlichen Portion Kitsch und ganz ironiefrei. Sieht nicht immer schön aus, dafür kann sich der Zuschauer danach einbilden, er hätte was mitbekommen von dem Spektakel. Pokerspieler haben es einfacher, sie rechnen ab und schauen nach, was unterm Strich außer Erfahrung übrig blieb. Und die ganz Disziplinierten setzen sich schnell noch ein paar Ziele fürs neue Jahr. Ich zum Beispiel nehme mir vor, 2011 mein erstes Armband zu gewinnen. Von WSOP war nicht die Rede, zur Not nehme ich eins aus dem Kaugummiautomaten oder ersteigere es bei eBay. Ok, wie das auch ausgeht, was also lief gut, was lief schief im Pokerjahr 2010? Und wer liegt am Ende vorne?
2010 war das Jahr, in dem wir fast unbeschwert Online-Poker gespielt haben, zwar immer noch in einer rechtlichen Grauzone, aber nachdem andernorts Erfahrungen mit Regulierungen gemacht wurden, wissen wir, was uns die Grauzone wert ist. In Frankreich zum Beispiel kam die Regulierung Pokerspieler teuer zu stehen. Weil die Pokeranbieter viel Geld für die Lizenzen des französischen Staats hingeblättert hatten, erhöhten sie kurzerhand den Hausanteil, den Rake, Pokerstars.fr gleich auf 7,5 Prozent. Dafür hätte PokerStars gern noch das Mitleid der Spieler bekommen, stattdessen gab es den ersten Streik in der Geschichte des Online-Poker (http://www.pokerolymp.com/articles/show/news/8660/Der+Poker-Streik+in+Frankreich+-+Zusammen+gegen+den+Rake). Eine andere unschöne Begleiterscheinung: Die Franzosen müssen fortan unter sich bleiben. Kein Pokerspieler kann so eine Regulierung wollen. So wie es derzeit aussieht, bleibt in Deutschland die Grauzone erhalten.
Wo Geld fließt, sind Gangster unterwegs, manchmal auch blutige Anfänger. Es war im März, als vier maskierte und mit Machete und Schrecksschusspistole bewaffnete Männer im Alter von 19 bis 21 Jahren das Turnier der EPT in Berlin überfielen. Kein Geniestreich, eher tölpelhaft gingen die Pokerräuber vor, an den Tischen brach Panik aus.
„Schüsse, Raubüberfall, Massenpanik“, schrieb Marc Gork auf Facebook. „Der schwärzeste Tag in der Geschichte des deutschen Pokers. Wahrscheinlich der größte Alptraum bei einem Poker Event den die Welt bisher erlebt hat." Zwei Wochen später waren alle Täter gefasst. Mehr als drei Jahre Knast müssen sie absitzen. Nur die Beute von rund 240.000 Euro scheint für immer verschwunden (http://www.tagesspiegel.de/berlin/die-beute-bleibt-wohl-fuer-immer-verschwunden/1894982.html).
Auch an den Tischen gab es Gauner. Auf PokerStars flogen ein Bot-Ring und eine Truppen Chinesen auf, die sich bei Sit-and-Gos absprachen. Und die gute Nachricht dabei ist, dass sie aufflogen (http://www.pokern.com/blog/victor-vega/spieler-hasardeure-gauner-pokerfluffer.html). Schlagzeilen machte der Fall Ali Tekintamgac. Er wurde beim Finale der Partouche Poker Tour überführt. Er hatte Blogger, die angeblich über das Turnier berichteten, darauf angesetzt, die Karten seiner Gegner auszuspähen. Wenigstens gewann mit Vanessa Selbst eine Spielerin, die zu den außergewöhnlichen Persönlichkeiten der Pokerwelt gehört. Das tröstet.
Full Tilt und PokerStars gönnten sich auch 2010 nichts. Den Preis zahlen die Fans von High Stakes Poker. Die beliebte Sendung wird in diesem Jahr ohne die Full Tilt-Pros aufgezeichnet. Dwan, Antonius und Ivey spielen nicht mit, weil PokerStars der Sponsor ist. Full Tilt fürchtet, dass die eigenen Spieler unfreiwillig dem Marketing des Konkurrenten PokerStars dienen könnten. Und alles fing damit an, dass PokerStars 2009 nicht mehr zuließ, dass Pokerstars-Pros bei der Full Tilt Show „Poker after dark“ spielten. High Stakes Poker ohne Dwan und Ivey – derber Cooler.
Dafür spielt Phil Laak mit, der 2010 kurzfristig den Weltrekord im Dauerpoker von 115 Stunden aufstellte und überlebte, wie wenig später auch einen Unfall mit einem ATV (http://pokerati.com/2010/08/05/ouch-unabomber-hospitalized-after-atv-crash-picture-of-bloody-phil-laak/). Wer weiß, vielleicht spielt Isildur1 bei HSP mit, der inzwischen bei PokerStars unter Vertrag steht, und das könnte der Moment sein, in dem wir endlich erfahren, wer der große Unbekannte wirklich ist.
Ohne die WSOP geht es auch in diesem unvollständigen Jahresrückblick nicht. Die WSOP sah zunächst aus wie eine Familienfeier aus dem Hause Mizrachi. Beim Event Nr. 2, der $50.000 Poker Player Championchip, saßen die Brüder Robert und Michael am Finaltisch. Der Grinder, Michael Mizrachi, gewann schließlich, sein Bruder wurde Fünfter. Beim Main Event kamen gleich alle vier Brüder ins Geld - Eric wurde 718., Donny 345., Robert schied als 116. aus und Michael erreichte den Final Table. Zwischenzeitlich hatte Tom Dwan seinen Pokerfreunden in Las Vegas das Fürchten gelehrt. Fast hätte er sein erstes Armband gewonnen und damit durch Seitenwetten ein paar Millionen verdient. Gerüchten zufolge standen 5 bis 20 Millionen auf dem Spiel. Dwan verlor jedoch im Heads Up des Event Nr. 8, $1.500 No Limit Holdem, gegen Simon Watt.
Große Dramen spielten sich wie gewohnt beim Main Event ab. Der spätere Sieger Jonathan Duhamel brauchte jede Menge Dusel, um Matt Affleck aus dem Turnier zu werfen. Es war eine wichtige Hand für Duhamel, und eine brutale Riverkarte für Affleck, mit der sich sein großer Traum in Luft auflöste. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen, der Rest war ein minutenlanger Schock und ein Ringen um Fassung.
Duhamel war auch das Schicksal von Michael Mizrachi, der einen respektablen 5. Platz belegt.
Duhamel erledigte auch Joseph Cheong, der lange den Chiplead hatte. Eine legendäre Blind Battle vor dem Flop.
Vielleicht ein Blow up und auf jeden Fall eines der lässigsten Bust-Out-Interviews in der Geschichte des Poker. Ein Preisgeld von gut vier Millionen Dollar hat vermutlich eine ungemein entspannende Wirkung.
Joseph Cheong liegt vorne. Bleibt lässig.
Victor Vega
Vor ein paar Wochen wachte ich nachts auf, und sie stand ganz klar vor mir, die Formel von der verdichteten Varianz. Die Formel konnte nicht nur mathematisch alle Spielsituationen erfassen, mit ihrer Hilfe ließ sich auch berechnen, wie deine Winrate durch glückliche und weniger glückliche Zufälle, die psychische Verfassung, die Kraft deines Denkens und aller Wahrscheinlichkeit nach auch durch Karma beeinflusst wurde. Sie vereinte Equity und Varianz zu einer Pokerweltformel, so eine Art Stringtheorie des Poker. Ich war bereit die Parallelwelten des Poker zu betreten.
Denn was bedeutete es schon, wenn du zum x-ten Mal am Turn das Geld mit der Nut Straight in die Mitte brachtest und deine Hand wieder nicht hielt. Das waren nur Ereignisse, die in einer Welt stattfanden, in den Pokerparallelwelten aber zur gleichen Zeit ganz anders ausgingen. Schau einfach zwei Tische weiter, online, und du wirst sehen, es geht ganz anders aus. Es handelt sich nur um eine Kränkung deines Ego, die dir natürlich nicht gefällt. Erinnert sich wer an den folgenden Dialog:
„Könntest du deinen Egotrip mal kurz unterbrechen? Es ist was Wichtiges passiert.“
„Wenn es irgendwas Wichtigeres als mein Ego gibt, verlange ich, dass man es auf der Stelle verhaftet und erschießt.“
Ja, einige von uns neigen dazu, die Sache persönlich zu nehmen und wehren sich oder suchen zumindest nach einer Erklärung, die Narren. Sie weigern sich die Fakten anzuerkennen, und das ist auch der Grund, warum alle Pokerspieler zeitweise psychotisch oder paranoid erscheinen. Denn es könnte ja sein: „Is spew ever really spew?“ (http://doubleflypoker.blogspot.com/2010/11/well-obviously-i-shouldnt-go-into.html)
Fragen wir in dieser Sache mal vorsichtig bei Joseph Cheong nach, der heute Nacht am Finaltisch des WSOP Main Events den bislang größten Pott in der Geschichte der World Series of Poker spielte. Noch drei Spieler am Tisch, John Racener passt am Button, Joseph Cheong hält As7h im Small Blind und raist auf 2,9 Millionen. Jonathan Duhamel im Big Blind reraist auf 6,75 Millionen. Das macht keinen Eindruck auf Cheong, er greift zu den Chips und spielte seine 4Bet, die Ansage lautet 14,25 Millionen. Duhamel erhöht furchtlos auf 22,75 Millionen (5Bet). Jetzt wäre es an der Zeit für Joseph Cheong sich zu sagen, dass er alles versucht hat, und A7o zu passen - doch was macht er? Nach einer Minute Bedenkzeit, in der er seine Hole Cards noch einmal überprüft hat und spätestens jetzt hätte feststellen können, dass die 7h immer noch nicht zu einem Ass geworden ist, schiebt er seine 95 Millionen Chips in die Mitte (http://www.pokernews.com/live-reporting/2010-wsop/main-event/post.167604.htm). Wir fragen nach: Psychoplayer - Qu'est-ce que c'est?
Die Geschichte wird hier nicht ganz einfach, und es ist nicht auszuschließen, dass sie mir entgleitet. Inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher, ob die ganze Sache nicht von vornherein darauf angelegt war. So wie in der A7-Hand des Joseph Cheong, bei der durch einen Fehler im Unterbewusstsein die Selbstzerstörungssequenz aktiviert wurde und dabei, um den Sabotageakt perfekt zu machen, alle Leitungen zum Restverstand gekappt wurden.
Der gesunde Menschenverstand, wenn es denn so etwas gibt, hilft hier nur in seltenen Fällen weiter. Jeder Pokerspieler weiß das, eigentlich, was nicht heißt, dass er es kapiert. Die Spielweise des Daniel „jungleman12“ Cates (http://www.pokern.com/blog/victor-vega/poker-patzer-positives-denken.html), zum Beispiel, stammt aus einer Pokerparallelwelt. Bewohner einer dreidimensionalen Pokerwelt kapieren’s nicht. Ist ja auch schwer: „...aber die ganzen calls immer mit nichts. manchmal hat er einfach garnix und callt und callt und callt und verliert sinnlos $ :“ (http://www.pokern.com/forum/poker-strategien/18934-wtf-jungleman12.html) Harte Suppe aus der Pokerparallelwelt. Und köstlich, irgendwie.
Geld? Baller!
"Das hier ist 'ne verdammt harte Galaxis. Wenn man hier überleben will, muss man immer wissen, wo sein Handtuch ist!"
Nicht immer so einfach. Leveling, Balancing, all dieses Zeuch, und das auch noch immer gegen die richtigen Spieler. Gegen Level eins Poker spielst du Level 2 Poker, und wenn du dich vertan hast, spielt er Level 4 Poker, in etwa: Er weiß, dass wir wissen, dass unsere Hand sehr stark aussieht, wenn wir am Turn wetten, was damit gleichzeitig ein guter Spot für einen Bluff ist. Da es ein guter Spot zum Bluffen für uns ist, kann er mit einer weiten Range von Bluffcatchern bezahlen. Ein bisschen paranoides Poker, aber unterhaltsam.
Die Berechnungen der Pokerformel haben übrigens folgendes Ergebnis hervorgebracht: 42. Tja, was habt ihr erwartet?
Victor Vega
Same procedure as every year. In der Poker Hall of Fame wurde kürzlich Platz gemacht für zwei neue, aber natürlich allseits bekannte Gesichter: Eric Seidel und Dan Harrington. Ich habe mich umgehört und habe niemanden gefunden, der sagte, die beiden hätten es nicht verdient. Beide erfüllen die Bedingungen (http://de.wikipedia.org/wiki/Poker_Hall_of_Fame), ihre Erfolge sprechen für sich (http://www.pokern.com/news/allgemein/seidel-und-harrington-schaffen-es-in-die-poker-hall-of-fame.html). Beide sind außerdem langjährige Freunde und haben ihr Pokerspiel im berühmten Mayfair Club in New York geformt.
Es gibt aber etwas, was sie unterscheidet. Harrington ist ein Lehrer, ein Wissensvermittler. Seine Bücher über Turnierpoker hatten großen Einfluss auf die Entwicklung des Spiels. Und es gibt wohl kaum einen Turnierspieler, der sich daran nicht geschult hätte. Seidel hingegen ist ein Schweiger, der sich wahrscheinlich lieber die Zunge abbeißen würde, als die Geheimnisse seines Pokererfolgs unters Volk zu streuen.
Seidel glaubt sogar, dass Poker-Trainingsseiten wie Cardrunners schlecht für das Pokerspiel seien. Zu viele Spieler würden dadurch zu schnell gut, sie zahlten dafür wenig Lehrgeld und das Spiel wird allgemein schwerer.
Seine Vorstellung, wie man ein guter Spieler wird, sieht so aus: Du spielst 10.000 Stunden mit guten Spielern und dann bekommst du den Dreh irgendwie raus. Und wenn nicht, Pech gehabt. Es sei ihm ein Rätsel, warum so viele gute Spieler so begierig darauf seien ihr mühsam erworbenes Wissen zu teilen und damit bereitwillig ihren Vorteil preiszugeben. Schließlich würde ein Phil Ivey auch nicht in der Gegend herumlaufen und Ratschläge verteilen, sondern sich einfach an den Tisch setzen und spielen (http://www.pokerplayer.co.uk/news/features/10783/are_training_sites_good_for_poker.html).
Das Dilemma ist alt. Schon Doyle Brunson fand, dass ihn sein Bestseller Super System vermutlich mehr Geld gekostet als es ihm eingebracht hat, weil eben die Spieler dadurch so viel besser geworden seien. Das ist ein bisschen kokett. Andererseits unterschlägt es wie wichtig sein Buch, die Bücher von Harrington und viele andere Bücher für die Entwicklung des Spiels und den Boom waren, den Poker in den letzten Jahren erlebt hat.
Seidel ist die Trainingsindustrie, die um das Spiel entstanden ist, aber nicht nur deswegen nicht ganz geheuer. Er sieht da jede Menge Self-Promoter, die andere davon überzeugen müssten, dass sie großartige Spieler sind. Mag sein, dass für manchen Coach das Training der anderen schon wichtiger ist als das eigene Spiel. Und ich erinnere mich, dass es noch nicht so lange her ist, dass ich selbst etwas genervt war von den Trainingsseiten weil ich drei Stunden mit eher schlechten Videos verbracht hatte.
Aber dann gibt es eben auch die Sternstunden, in denen dem Durchschnittspieler klar wird, was es wirklich bedeutet ein guter Spieler zu sein - zu sehen wie sie diese Spielsituationen durchdenken und ihre verschiedenen Optionen analysieren.
Ich hatte kürzlich so ein Erlebnis, als ich das erste Video von John „Nicolak“ Kim sah (http://nicolakpoker.blogspot.com/). Kim rang übrigens mit sich, ob es denn der richtige Schritt sei Videos zu machen, wenn er doch mehr Geld durch das Spielen verdienen könne. Er fürchtete, dass es seinen Gegnern leichter fallen könnte sein Spiel zu durchschauen, nahm es dann aber als Herausforderung. Und vermutlich spielten auch noch ein paar langfristige Überlegungen eine Rolle, mögliche Deals mit Pokerseiten etc.
Oder nehmen wir Vanessa Selbst, die kürzlich die NAPT Mohegun Sun gewann (http://en.wikipedia.org/wiki/Vanessa_Selbst). Ich könnte ihr stundenlang zuhören, wenn sie über Poker spricht. Sie tut das mit Begeisterung für das Spiel, völlig frei von Arroganz oder dem Willen unbedingt Recht haben zu müssen. Mir wird dann immer schlagartig klar warum ich das Spiel mag und nie aufgeben würde auch wenn es mal nicht so läuft. It’s fun to think poker.
Deswegen sind Trainingsseiten gut für das Spiel. Sie machen klar, dass Poker eine echte Herausforderung ist, dass es viel Zeit und viel Arbeit kostet ein besserer Pokerspieler zu werden. Und dass Poker nicht nur Glücks- sondern Geschicklichkeitsspiel ist. Deswegen werden eines Tages wahrscheinlich auch Taylor Caby und Jay Rosenkrantz in die Hall of Fame aufgenommen, sie werden ihren Platz finden an der Seite von Henry Orenstein, dem Erfinder der Hole Cam. Bis es soweit ist, vertreiben sich Caby und Rosenkrantz die Zeit mit einem Film, den sie produzieren wollen: Boom – The Incredible True Story Of Online Poker. (http://www.dangerlion.com/?p=750)
Victor Vega
Früher einmal galt Poker als das Spiel der großen und kleinen Gauner, die aus der Spiellust und der Gutgläubigkeit der Gelegenheitsspieler Kapital zu schlagen versuchten. Wenn es ums Spiel ging, war der Betrug, so will es die Legende, an der Tagesordnung. Und zu Zeiten von Wild Bill Hickock flogen sogar die Kugeln.
Das Spiel zog genug Charaktere an, die das bürgerliche Leben fürchteten wie der Teufel das Weihwasser und sich deshalb auf etwas waghalsigere Karrieren einließen, auf eine Existenz als Spieler. Der Spieler kannte keinen steten Lebenswandel, der Spieler fühlte sich frei und war es vielleicht auch, er war unterwegs, immer auf der Suche nach dem richtigen, dem guten Spiel. Der Spieler galt aber auch als Grenzgänger, als Hasardeur, als Gegenteil des guten Bürgers. Doyle Brunson berichtete von einer Begegnung mit einem ehemaligen Schulkameraden, der ostentativ die Straßenseite wechselte, als er sah, dass Brunson ihm entgegen kam.
In dem Spielfilm „How the West Was Won“ von 1962 bezeichnet eine Szene das Verhältnis zwischen Spieler und gutem Bürger. Gregory Peck spielt den smarten Zocker Cleve van Valen, der sich einem Treck nach Westen anschließen will, aber zurückgewiesen wird. „Wenn ein Wagenrad bricht“, begründet der Treckführer seine Entscheidung, „dann will ich Männer haben, die ein Rad reparieren können, und keine, die darauf wetten, wie lange es dauert.“ Pokerspieler wetten auch heute auf so ziemlich alles, aber sie wirken im Vergleich zu Börsenspekulanten fast wie brave Mitglieder der Gesellschaft, mit Starpotenzial noch dazu. Ein Pokerspieler wird nicht mehr unbedingt als schlecht angesehen, zumindest nicht mehr von allen.
Tarnen und Tricksen gehört dennoch zu seinem Geschäft. Der Spieler ist in den meisten Fällen ein Individualist, der auf seinen Vorteil bedacht ist und ihn in jeder Situation suchen muss. In dem Film „The Hustler“ von 1961 spielt Paul Newman Fast Eddie Felson, einen Poolprofi, der von Stadt zu Stadt zieht und seine Opfer zunächst anfüttert. In der Anfangszene des Films besucht er mit seinem Partner eine Kneipe und spielt. Fast Eddie mimt den Betrunkenen, dem ein Kunstschuss gelingt. Sein Partner erklärt für alle Anwesenden hörbar: Ein Sonntagsschuss, reines Glück, unmöglich zu wiederholen. Sie fangen an zu wetten, was die Aufmerksamkeit aller erregt, und natürlich gelingt Eddie der Schuss nicht ein weiteres Mal. Es sieht so aus, als wisse Eddie nicht, was er tue, zu betrunken und zu sehr von sich selbst besoffen. Nun wollen andere gegen ihn wetten, und Eddie wird immer verlieren, bis die Einsätze schließlich hoch genug sind. Eddie nutzt sein Image aus. Und das ist ein Konzept, mit dem die meisten Pokerspieler vertraut sind.
Sie nennen es Skill oder Geschick. Es ist Teil des Spiels. Etwas anders verhält es sich mit dem so genannten „Angle Shooting“. Das sind die fiesen, kleinen Tricks, die sich an der Grenze des Erlaubten bewegten. Spieler, die zum Beispiel die Stärke ihrer Hand am River falsch ansagen und dich damit zum Passen bewegen wollen. Sie sagen Flush, du passt und sie zeigen dir Ass hoch. Das Antäuschen eines Einsatzes fällt ebenso darunter. Diskussionen gab es kürzlich um eine Hand, die Prahlad Friedman in diesem Jahr im Main Event der WSOP gespielt hat. Sein Gegenspieler, der während der Hand auch gerne mal bellte, hatte nach der Uhr verlangt. Friedman machte den Call Zehntelsekunden, bevor die Uhr abgelaufen war, und war offenbar geschlagen. Doch der Floorman erklärte die Hand für tot und rettete Friedman dadurch vor dem Turnier-Aus. Glück für ihn, aber meiner Meinung nach kein Angle Shooting, was ihm so mancherorts vorgeworfen worden war
#t=8m42s
Nicht ganz die feine Art ist es, wenn Profis in Las Vegas oder anderswo an einem Tisch sitzen und gemeinsame Kassen machen, während der gutgläubige Tourist noch glaubt, er spiele gegen jeden von ihnen allein und dabei doch gegen alle gleichzeitig antritt. Auch online hat es solche Arbeitsgemeinschaften schon gegeben. Was nicht heißt, dass ein Online-Spieler an jeder Ecke den Betrug fürchten muss. Die meisten Pokerräume versuchen Spieler, so gut es geht, zu schützen. Nur, wo Geld im Spiel ist, gibt es auch Betrüger. Manchmal geht es nur um einen kleinen Vorteil, dann wieder um das gnadenlose Abzocken. Die Bande von Russ Hamilton, der Mann hinter dem Ultimate Bet-Skandal, spielte und konnte dabei die Hole Cards ihrer Gegner sehen. Ihre Gier war so groß, dass sie durch ihre zum Teil wahnwitzige Spielweise und die außerordentliche Höhe ihrer Gewinne auffielen. Sie folgten nicht den Ratschlägen, die David Sklansky allen künftigen Superusern in seiner typischen Art vor gut einem Monat gab, frei nach dem Motto, wenn ihr schon bescheißt, seid wenigstens nicht dämlich (http://forumserver.twoplustwo.com/29/news-views-gossip/catching-superusers-847916/).
Solche Horrorgeschichten beschädigen das Ansehen des Spiels. Ganz ausbleiben werden sie wohl auch in Zukunft nicht. Es besteht aber die Hoffnung, dass die meisten Betrüger irgendwann auffliegen und ihre Opfer vom Pokerraum entschädigt werden. Das zumindest war der Fall, als auf PokerStars in diesem Jahr ein Bot-Ring (http://www.examiner.com/online-poker-in-national/online-poker-scandal-poker-bots-caught-after-winning-58k-at-pokerstars) aufflog. Ebenso wie eine Truppe Chinesen, die sich bei Sit-and-Gos absprachen und dadurch fast eine halbe Million erbeuteten (http://www.pokernewsdaily.com/pokerstars-responds-to-chinese-collusion-ring-scandal-14892/). Diese Geschichte war auch der Aufhänger für einen BBC-Recherche, die im September gesendet wurde. Darin ist unter anderem zu erfahren, wie PokerStars versucht, den Betrügern auf die Schliche zu kommen. Es gibt offenbar automatische Systeme, die das Spiel überwachen und bei Unregelmäßigkeiten Alarm schlagen. Über 70 Prozent der Untersuchungen gehen auf Hinweise von Spielern zurück. In Zeiten des Pokerbooms soll es mitunter so viele Beschwerden gegeben haben, dass die Mitarbeiter sich schwer getan haben, diese abzuarbeiten.
Dann wäre da noch das Multi-Accounting, dessen sich schon eine ganze Reihe von Pros schuldig gemacht haben (http://www.fuckonlinepoker.com/cheaters.html). Einige wurden bestraft, andere nicht, manche kostete es ihren Ruf, andere erstmal ihren Job als Coach wie zum Beispiel Nick „stoxtrader“ Grudzien, der außerdem seine Anteile an „stoxpoker“ verkaufen musste (http://www.examiner.com/online-poker-in-national/nick-grudzien-resigns-from-stox-poker-for-multi-accounting). Stoxpoker ist heute unter dem Dach von Cardrunners zu finden. Angeblich wusste CR-Chef Taylor Caby vom Multi-Accounting von Nick Grudzien, unternahm aber nichts. Dabei ist Multi-Accounting nicht gerade ein Kavaliersdelikt, auch und gerade weil der tatsächlich entstandene Schaden nicht leicht nachzuweisen ist. Beliebt ist es aber immer noch, mit mehreren Accounts ein- und dasselbe Turnier zu spielen und sich dadurch gegenüber anderen Spieler einen großen Vorteil zu verschaffen. Unterwegs sind gegenwärtig offenbar Pokerfluffer (http://www.thinkingpoker.net/2010/08/poker-fluffer/). Sie lassen sich von einem sehr guten Spieler bei lukrativen Turnieren staken. Schaffen Sie es tatsächlich weit ins Turnier, übernimmt der bessere Spieler ihren Account über einen Dienst wie GoToMyPC und verschafft sich damit sehr gute Aussichten auf einen Turniererfolg. Die Gefahr aufzufliegen, ist relativ gering. Ob, wie oft und wie organisiert das tatsächlich praktiziert wird, ist nicht bekannt. Die Sache hat außerdem einen kleinen Haken. Der Spieler, unter dessen Account gespielt wurde, könnte das Geld einfach einsacken. Doch solange wir nicht mehr wissen, bleibt uns die Hoffnung, dass die Mehrheit der Pokerspieler heute edel, hilfreich und gut ist.
Victor Vega
Am Pokerhimmel ist ein neuer Stern aufgegangen. Er heißt Daniel „jungleman12“ Cates und ist gerade einmal 20 Jahre alt. Wie lange sein Stern scheint, wird davon abhängen, wie er als Herausforderer von Tom Dwan bei dessen „durrrr-Challenge“ (http://www.fulltiltpoker.com/de/durrrr-vs-antonius) abschneidet. Wird Dwan ihm den Hintern so heftig versohlen, wie er es schon mit Antonius gemacht hat, dann dürfte Cates vorerst in die jüngere Pokergeschichte eingehen als ein Stern, der nur kurzfristig von einer Sonne namens Dwan angestrahlt wurde.
Aber natürlich ist Cates mehr als ein One-Hit-Wonder oder das Produkt eines extrem guten Laufs. Wer es mit Dwan aufnimmt und 50.000 Hände gegen ihn spielen will, der muss schon ein paar Qualitäten mitbringen, und seien es, je nach Standpunkt des Betrachters, Risikobereitschaft, Waghalsigkeit oder Selbstbewusstsein. An diesen Eigenschaften fehlt es Cates bestimmt nicht, Cates hat aber noch mehr zu bieten, nämlich eine gute Geschichte. Er kam von unten, ganz unten, arbeitete sogar mal einen Monat bei einer in aller Welt bekannten Burgerbraterei, weil sich seine Pokerkarrierre anfänglich schwierig gestaltete, und so einer steht jetzt tatsächlich vor dem Pokerhimmel und will rein.
„On the Doorstep to the Sky“ überschrieb Cates kürzlich einen Eintrag in seinem Blog und fragte sich, warum er so verdammt erfolgreich beim Poker sei (http://www.cardrunners.com/blog/JungleMan/on-the-doorstep-to-the-sky). Sein Erklärung war einfach. Der Mensch habe die Wahl, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die er beeinflussen könne, oder auf die Dinge, die ihm nicht nur nicht gefallen und die er dazu auch nicht ändern könne. Es nütze ja nichts sich darüber aufzuregen, wie viel Geld wir an einem schlechten Pokertag verloren hätten, oder darüber nachzudenken, wie sehr wir es hassen, dass irgendein Penner sein zweites Paar an einem Spot trifft, wo er auch sonst seinen Stack verblasen hätte. Selbstmitleid sei keine gute Antwort, es käme lediglich darauf an, ob und was aus dem unglücklichen Verlauf zu lernen sei. Cates setzte nach: Positives Denken würde noch mehr positive Gedanken hervorbringen und sogar gute Gewohnheiten formen, schließlich seien wir glücklicher. Das klingt amerikanisch, wo mitunter mit Optimismus und positivem Denken jeder Widerspruch zugekleistert werden soll. Wie ein Arzt, der dem todkranken Patienten rät, die Krankheit positiv und als eine Art Geschenk zu sehen (http://www.tagesspiegel.de/zeitung/positives-denken-macht-uns-alle-dumm/1907594.html). Mancher Pokerschreiber fand das reflexhaft „geradezu unerträglich“, aber das ist nicht ganz fair. Denn Cates fordert ausdrücklich realistische, positive Gedanken, keine zwanghaften. Das sei es gewesen, was ihn in seinen Anfängen als Pokerspieler, als er verlor und schlecht spielte, bei der Stange gehalten hätte. Nicht der kurzfristige Gewinn habe ihn interessiert, er glaubte daran, dass er auf lange Sicht gewinnen könnte, solange er nur seinen Verstand einsetzte und hart genug an seinem Spiel arbeitete.
Ob das gegen Dwan reicht, wird sich zeigen. Denn Dwan hat was Radfahrer Tempohärte nennen. Mal eben eine knappe halbe Million in den Sand gesetzt und immer noch zum Scherzen aufgelegt.
Das sah bei Cates schon mal anders aus, als er eine halbe Million gegen Isildur verloren hatte. Er starrte auf den Bildschirm und wollte weinen.
Und falls das alles nichts hilft, wenn dich der nächste Bad Beat oder eine miese Session ereilt, dann sing doch einfach...
And although there’s
Pain in my chest
I still wish you the best
With a
F...
Victor Vega
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