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Victor Vega

vicrotvegaDies ist eher kein Blog, vielmehr eine Kolumne über Gedanken, Neuigkeiten und Erfahrungen zum Poker als Anregung, Information und Unterhaltung aller Blogleser einmal im Monat.

Im ersten Leben ist Victor Vega ein netter Kerl mit Sinn für schwarzen Humor, im zweiten ist er Pokerspieler aus Überzeugung.
Victor Vega begann vor etwa vier Jahren mit dem Pokerspielen. Zu Anfang holte er sich ein paar mächtige Beulen ab, inzwischen sieht er gelegentlich Land und studiert weiter No Limit Holdem und PLO.
In "Dead Money" schreibt er über das Spiel, das er liebt.

Ivey, Antonius, Isildur1 und der Respekt vor dem Geld


“If it’s not money, what are we playing for?” – Johnny Chan

Mitte Februar gab Patrik Antonius ein bemerkenswertes Interview. Der große Gewinner des Jahres 2009, der an den virtuellen Pokertischen von Full Tilt Poker so um die neun Millionen Dollar verdient hatte, räumte ein, dass das Jahr deswegen noch lange kein gutes für ihn gewesen sei. Millionen habe er mit anderem Zeug verloren, nämlich mit Sportwetten und vor allem beim Golfen. Dann aber folgte ein Satz, den wir entweder für Koketterie halten können oder der vielleicht ein Fünkchen Wahrheit enthält: „Es scheint fast so zu sein, dass es egal ist, wieviel du gewinnst, du hast niemals viel Geld.“ Fast klingt Antonius wie Stu Ungar, der 1981 nach dem Gewinn der World Series of Poker auf die Frage, was er mit dem Preisgeld von 375.000 Dollar anfangen werde, antwortete: „Ich werd’s verlieren.“

Für Normalsterbliche schwer nachvollziehbar: Wie kann ein Patrik Antonius nicht viel Geld haben – einer, der gegen Isildur1 mit 1.35 Millionen Dollar  den bislang größten Pot in der Geschichte des Online-Poker gewann ...

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... und auch sonst gern gegen Phil Ivey nicht unerhebliche Summen darauf setzt, welche Farbe oder Zahl auf dem Flop erscheint? Natürlich hat Patrik Antonius viel Geld, aber was ist schon viel Geld, wenn du am nächsten Tag schon wieder um $100.000 pro Loch Golf spielst und froh bist, wenn du auf 18 Löchern unter 100 Schlägen bleibst, also nicht gerade ein begnadeter Golfer bist. Dann ist viel wieder relativ. Wieviel Geld du hast, hängt im Grunde nur von der Höhe deines nächsten Einsatzes ab.

 

All das kann als dekadentes Treiben bezeichnet werden, aber das trifft heute auf viele Dinge unserer aus den Fugen geratenen Zeit zu. Deswegen ist Poker nicht schlimmer als das Geschachere, sagen wir mal, am Kunstmarkt. Der Pokerspieler Mickey Appleman (http://de.wikipedia.org/wiki/Mickey_Appleman) meinte,

Poker mit hohen Einsätzen sei eben ein Sport mit großem Risiko –  wie das Fahren eines schnellen Rennwagens. Und es gebe einen Unterschied zwischen dem Grinder, der des Geldes wegen spielt und Poker wie ein Geschäft betreibt, und einem echten High Roller, für den das Spiel nicht nur Geschäft, sondern auch Vergnügen und vor allem Wettbewerb ist.

 

Antonius gab in dem Interview zu, dass ihn die Phasen, in denen die Bankroll abwärts rauscht, immer noch aus der Ruhe bringen. Das macht ihn menschlicher, Antonius, der sonst keine Miene verzieht, wenn ein großer Pot verloren geht.  Auch erfolgsverwöhnte High-Stakes-Spieler leiden. Brian Townsend wünschte sich kürzlich gar ein Roboter zu sein, dann würde ihn ein schlechter Lauf nicht so frustrieren (http://blogs.cardrunners.com/brian/it-just-wont-end).

Und wahrscheinlich lässt sich nur erahnen, was der rasante Aufstieg und der noch schnellere Fall des Isildur1 mit seinem Nervenkostüm angestellt haben. Brian Hastings, der Isildur1 an einem Tag allein mehrere Millionen abknöpfte, schreibt in seinem Blog ziemlich unverhohlen darüber, dass Isildur1 Probleme mit Tilt habe (http://blogs.cardrunners.com/Stinger885/reflecting-on-a-very-special-day-1260413695). Als die Karten anfingen gegen ihn zu fallen, habe er noch aggressiver gespielt, als könnte seine Aggressivität die Karten zwingen. Und so verlor er mehr, als er hätte verlieren müssen.

Die Bankroll der oben genannten Spieler dürfte einen schlechten Lauf aushalten können. Und wenn nicht, müssen sie halt ein paar Limits tiefer spielen. Was ist tatsächlich daran so schlimm? Leute wie Antonius wissen das natürlich. Es ist die Spielsituation, auf die es ankommt und nicht die Höhe des Einsatzes. Im besten Fall denkst du über den realen Wert des Geldes gar nicht nach, sagte Antonius in einem Interview anlässlich des Full Tilt Million Dollar Cash Games 2009.


„Geld bedeutet gar nichts“, sagte der 2007 so früh verstorbene Chip Reese. „Wenn dir Geld wirklich viel bedeuten würde, dann könntest du dich nicht an einen Pokertisch setzen und $50.000 verbluffen. Wenn ich darüber nachdächte, was ich damit kaufen könnte, dann könnte ich kein guter Spieler sein.“ Für Reese, den Phil Ivey für den besten Pokerspielern aller Zeit hielt, war Geld nur die Einheit, in der Erfolg oder Misserfolg bemessen wurde. Im Spiel verschwendete er keine Gedanken an den realen Wert des Geldes. „Scared money“ spielt nicht gut Poker.

 

Im Grunde durchlaufen alle Pokerspieler eine Schule der Unempfindlichkeit gegenüber dem Geld, immer wieder und gerade dann, wenn sie ein Limit aufsteigen. Das Spiel ist immer noch Poker, aber der Pot um den es am River geht, ist plötzlich doppelt so groß, und du kannst dir doppelt so viel dafür kaufen.  Am Pokertisch aber ist Geld nur ein Arbeitsmittel, die Sprache, in der kommuniziert wird. Es hat keinen Wert an sich. Es ist nur Poker, ein Wettbewerb. Wenn wir uns an den Pokertisch setzen, akzeptieren wir die Regeln dieses Wettbewerbs. Wenn wir es nicht tun, laufen wir Gefahr uns lächerlich zu machen.  Am Rande des Million Dollar Cash Games wurde Phil Ivey danach gefragt, was er von einem der typischen Aussetzer von Phil Hellmuth hielt. Hellmuth war nach einem großen Pot, den er verloren hatte, aus dem Saal gestürmt. Ivey kommentierte das lakonisch: Manche Spieler seien einfach nicht darauf vorbereitet zu verlieren. Sie erwarteten, dass es immer zu ihren Gunsten ausging. Aber so sei Poker nunmal nicht. Und während er den Satz beendete, rollte er mit den Augen als sichtbares Zeichen seiner Geringschätzung.  Am Ende des Tages aber, oder am Ende des Monats, das weiß auch Ivey, wird abgerechnet, und was dann unterm Strich steht, das bestimmt über die Höhe deines nächsten Einsatzes oder das Limit, das du spielst. Das gehört zur Disziplin des Pokerspielers und  ist seine Art von Respekt gegenüber dem Geld.

 

Victor Vega

Link: Card Player-Interview mit Patrik Antonius

http://www.cardplayer.com/poker-news/8476-one-on-one-with-poker-pro-patrik-antonius-part-1

 

Rush Poker oder gegen den Autopiloten in mir

„You’ve got to play the player, not the cards.“ – Doyle Brunson

Full Tilt hat in letzter Zeit für Furore gesorgt - mit Rush Poker, so eine Art Blitzpoker, bei der du jede Hand an einem neuen Tisch mit anderen Spielern sitzt. Es gibt einen Quick Fold-Button. Gefällt dir deine Hand nicht, passt du und schon wirst du am nächsten Tisch platziert. Damit entfällt, was mancher vielleicht als unnötigen Ballast empfindet, nämlich sich tiefschürfend über die Spielweise seines Gegners Gedanken machen zu müssen. Denn es ist eher die Ausnahme, dass du in einer Session mehrmals mit dem gleichen Spieler in eine Hand verwickelt bist.

Howard Lederer sagte, Rush Poker sei ein guter Weg für Anfänger das Spiel zu erlernen. Über diesen Satz aus dem Munde des Pokerprofessors habe ich mich anfangs gewundert, entspricht Rush Poker so gar nicht der abwägenden Art von Lederer.  Ganz sicher bin ich mir nicht, ob dieser Satz ursprünglich nicht aus dem Skript der Marketingexperten stammt und Lederer in den Mund gelegt wurde. Schließlich gewinnt die Aussage an Glaubwürdigkeit, wenn der Pokerprofessor ihn sagt. Was also lernt der Anfänger durch Rush Poker? Es vermittelt wahrscheinlich ein gutes Gefühl für Position und die relative Stärke einer Hand in der jeweiligen Position, was eines der Schlüsselkonzepte des Poker ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es dafür Rush Poker gebraucht hätte, aber das ist noch lange kein Grund Rush Poker zu verteufeln. Rush Poker macht durchaus Spaß, und es machen sich bereits jede Menge Leute Gedanken darüber, was eine erfolgreiche Strategie für Rush Poker sein könnte – Position spielen, 3-Betting aus Position heraus mit einer relativ weiten Range, das dürfte zunächst einmal erfolgreich sein, zumindest oft genug.

 

Das will ich hier nicht vertiefen. Rush Poker hat mich eher auf etwas aufmerksam gemacht, was mir gelegentlich unterläuft, wenn ich multitable. Ich schalte auf Autopilot. Angeblich multitabeln wir, damit unsere Gewinnrate höher ist. Natürlich spielen wir auch gern, also warum nicht noch ein bisschen mehr davon, manchmal mehr als gut für unser Spiel ist. Warum nur drei oder vier Tische, wenn du auch acht, zwölf oder noch mehr Tische spielen kannst. Bei  Hardcore-Grindern wie Ryan Daut oder Elky wird mir schon beim Zusehen schwindlig, obwohl es zugegeben ziemlich beeindruckend ist. Bei Elky sieht es immer noch relativ entspannt aus: Er nimmt nicht mal die Sonnenbrille ab und bewegt den Kopf wie eine Eule.

 

Im Sinne der Anklage aber bekenne ich mich schuldig. Ich spiele mehr Tische als gut für mein Spiel ist. Manchmal nehme ich mir vor, nur vier Tische gleichzeitig zu spielen, eine halbe Stunde später stelle ich fest, dass ich doch wieder an sieben oder acht sitze. Aus Neugier, könnte sich ja lohnen, vielleicht treffe ich an Tisch sieben oder acht den schönsten Fisch. Also, Gründe finden sich immer, und wenn sich keine finden, dann erfinde ich welche – na ja, ihr wisst schon, was ich meine.

Jedenfalls sind acht Tische für mich schon fast wie Rush Poker. Es fällt mir schwer, Reads zu entwickeln, ich denke nur schlampig darüber nach, wie mein Gegner da jetzt eigentlich spielt und verlasse mich viel zu oft auf die Statistiken von Poker Tracker anstatt auf meine Beobachtung –manchmal verpasse ich es einfach, wie eine Hand gespielt wurde, weil ich schon wieder mit einem anderen Tisch beschäftigt bin. Und nach einer Weile fällt mir auf, dass ich auf Autopilot spiele, ein Effekt, der sich bei mir nach einer Stunde Rush Poker auch einstellte. Mein Nachdenken über Spielsituationen hat sich verkürzt und richtig Spaß macht das gerade dann nicht, wenn es mir auffällt. Und es fällt mir auf, wenn ich genau die Informationen brauche, die ich vorher nur unzureichend gesammelt habe.

 

Natürlich weiß ich, warum ich diesen Weg gehe. Ich will Action, spielen, aber ich bin in diesen Momenten denkfaul, ich lasse mich einlullen vom Lauf der Karten, vom gleichmäßigen Klicken, ich spiele Poker wie ich Auto fahre, da brauchst du über das Schalten auch nicht nachzudenken. Das bringt dich aber auch um die guten Gefühle, die das Spiel hergibt, nämlich so tief in einer Spielsituation zu sein, dass du einfach genau weißt, wie dein Gegner spielt, sein Handspektrum relativ klar ist, sein Spiel auf dem Flop vorhersehbar, und du genau weißt, was nun zu tun ist. Du hast ein akkurates Bild von den Spielern an deinem Tisch, und auch von denen die dir falsche Bilder anbieten. Und wenn du dann gegen jeden dieser Spieler richtig spielst und nicht nur deine Karten, dann macht zumindest mir das Spiel einfach mehr Spaß.

Victor Vega

 

Wie Online-Poker unser Leben veränderte

Mal ein großes Wort am Anfang. Revolutionen geschehen nicht durch neue Technologien, sie geschehen, wenn die Menschen ihr Verhalten ändern. Diesen Satz habe ich mir aus dem Buch „Here Comes Everybody“ von Clay Shirky ausgeborgt. Darin geht um die Frage, was es eigentlich bedeutet, wenn Menschen das Internet nicht nur nutzen, um einen Artikel zu lesen, für den sie sich früher vielleicht eine Zeitung gekauft hätten, sondern anfangen selbst Nachrichten zu produzieren, „Social Media Tools“ zu nutzen und was es da sonst noch alles gibt in der schönen Welt des Internet. Wenn sie es tun, verändern sie vieles, sich selbst, ihr Denken und ihr Leben, langfristig womöglich Machtstrukturen. Deswegen entsteht gelegentlich großes Geschrei, wenn es um das Internet geht. Selten wird aufrichtig zum Nachdenken angeregt, gelegentlich aber gibt es Impulse von außen: So befragte das Onlinemagazin Edge (http://www.edge.org/q2010/q10_index.html ) Wissenschaftler, Autoren und Künstler, wie das Internet ihr Denken verändert.


Lesenswert, und natürlich lag da die Frage nahe, wie sich mein und vermutlich auch euer Leben und Denken durch Online-Poker verändert hat, mal ganz abgesehen davon, dass innerhalb weniger Jahre eine Industrie entstanden ist, die ganz gut von uns, den Spielern, lebt. Vor gerade einmal zehn Jahren steckte all das noch in den Kinderschuhen. Ohne Breitbandtechnologie wäre die Industrie sicher nicht das geworden, was sie heute ist, ein Milliardengeschäft. Erinnert sich jemand an den kreischenden Singsang eines 56k-Modems? Und was wäre aus Online-Poker geworden, hätte nicht Chris Moneymaker die World Series of Poker im Jahre 2003 gewonnen und allen Hobbyspielern und Anfängern den Glauben gegeben, sie könnten der nächste Moneymaker sein? Seitdem hat sich der Pokervirus um den Globus verbreitet, unaufhaltsam.

Faszinierend  würde Mr. Spock sagen  - Leute aus aller Welt spielen online, mit- und gegeneinander, jenseits aller kulturellen und sprachlichen Barrieren.

Jedenfalls hat es meine Vorstellung schon immer beschäftigt, wie der Akt des Spielens in der Praxis so vor sich geht, also wer da wie auf der anderen Seite des Bildschirm hockt. Bildschirmnamen wie „Ähm_ich_spiele_nackt“ regen die Fantasie durchaus an, gelegentlich tauchen Videobeweise auf, dass die Leute zumindest mit freiem Oberkörper spielen, wie Chicago Joey (www.youtube.com/watch?v=4hVNvns4o4o) , der Ende November 2009 einen Weltrekord aufstellte und mehr als 50.000 Hände an einem Tag spielte. Begierig sauge ich die kurzen Meldungen der Pros zu diesem Thema auf. So zum Beispiel die unmissverständliche Aufforderung zum Duschen, die uns der aus „2Month. 2Million“ bekannte Jay Rosenkrantz mit auf den Weg gibt: „Wenn du ein Online-Pro bist und das gerade liest, dann riechst du wahrscheinlich.“ (http://www.dangerlion.com/?p=613). Duschen soll sich übrigens auch vielen anderen Bereichen des Lebens als bevorzugte Praxis durchgesetzt haben, also nicht nur vor der Online-Poker-Session, sondern auch vor dem Sex, das gilt insbesondere für Leute, die ihren Sexpartner erst noch finden müssen. Aber das nur nebenbei. Faszinierend finde ich Multitasking-Fähigkeiten, zum Beispiel die von Billy Kopp. Der spielt nicht nur Cash Games, und wir vermuten, nicht auf den untersten Limits, sondern bloggt zeitgleich und schaut dabei Folgen der TV-Serie „Lost“ – und das alles um drei Uhr morgens (http://blog.ultimatebet.com/2010/01/fancy-water-lost/). Was irgendwie anstrengend klingt und eher nicht meiner Vorstellung von einem spannenden Abend vor der Glotze entspricht. Und Lost ist die Aufmerksamkeit ja nun wirklich wert, was sich nur von wenigen anderen Produkten der Müllschleuder Fernsehen sagen lässt. Und was ist aus dem Sonntag geworden? Es soll mal eine Zeit gegeben haben, in der sich halb Deutschland am Sonntagabend den Tatort reingezogen hat.  Heute ist das nur noch schwer vorstellbar, und für Pokerspieler schon gar nicht. Sonntag ist Großkampftag, Turniere stehen auf dem Programm. Und wenn es gut läuft, kann sich so ein Sonntagabend bis tief in die Nacht ziehen. Sonntage sind tendenziell anstregender geworden, seitdem wir Online-Poker spielen. Vielleicht können dich dafür Montage etwas weniger schocken, wenn du überhaupt noch mit Montagen zu tun hast. Oder wie sagte Daniel Negreanu, als er noch durch und durch Spieler war: „Ich weiß nie, welcher Tag ist. Warum auch?“

Zeit und Raum werden natürlich nicht aufgehoben, wenn wir online Poker spielen. Deswegen begegnen wir im Kosmos des Online-Poker all den Dingen, die so manchen Kulturpessimisten stöhnen lassen, wenn sie sehen, was das Internet mit der gewohnten Ordnung anstellt und manchmal auch mit den Menschen, die sich darin bewegen: Informationsüberlastung, Datensammlungen,  die Art und Weise, wie wir Entscheidungen treffen, Ablenkung, enormer Zeitaufwand und vielleicht auch noch Suchtgefahren. Außerdem verlierst du beim Poker dazu manchmal auch noch Geld – was für ein seltsames Hobby! Hast du dir das etwa freiwillig ausgesucht?

Natürlich wissen wir, warum wir damit angefangen haben, wir wollten den Nervenkitzel, die Action, und die Aussicht auf einen Gewinn fanden wir nicht schlecht. Das Anreizsystem von Poker ist simpel und deswegen vermutlich wirksam. Auf den zweiten Blick gibt es Entdeckungen zu machen, die Tiefe und Schönheit des Spiels und sowie die Erkenntnis, dass das Spiel erlernt, studiert werden will. Wie auch immer wir es bewerten, was die Menschen beim Poker antreibt, es ist faszinierend  zu sehen, mit welchem Eifer das Spiel nicht nur gespielt, sondern auch studiert wird, auf Trainingsseiten, in Foren oder mit Coaches.Würden Menschen mit der gleichen Energie andere Ziele verfolgen, wer weiß, was dann möglich wäre. So gesehen, ist die Kultur, die um Online-Poker entstanden ist,  eine Art Laboratorium der Wissensvermittlung. Es werden neue Verhaltensmuster eingeübt. In Foren wird kollaboriert, es wird sich gegenseitig geholfen beim Verstehen des Spiels, es entstehen Netzwerke und Denkräume. Poker befreit aus Passivität, nicht nur ist passives Spiel nicht erfolgreich, ich muss mich auch  selbst aktivieren, meinen Geist, meinen Körper, um besser zu werden. Und diese Erfahrung kannst du in andere Lebensbereiche mitnehmen, wenn dir danach ist.

Victor Vega

 

Poker ist ein Marathon

 

„It takes five minutes to learn but a lifetime to master.“ Mike Sexton

Fast alle Pokerspieler haben diesen Satz schon mal gehört. Ihn zu hören ist eine Sache, ihn zu verinnerlichen wäre besser. Wie zum Beispiel Phil Ivey. Im Vorfeld des Final Table der WSOP 2009 sagte er: „Du kannst dich immer verbessern.“ Der da spricht, ist einer der besten und erfolgreichsten Pokerspieler der Welt. Seine Botschaft ist leicht zu verstehen. Egal, wer du bist und wie gut du zu sein glaubst, du kannst dich immer verbessern.

 

Wer sich diese Einstellung zu Herzen nimmt, der ist vor einem unter Pokerspielern weit verbeiteten Irrtum geschützt – meist halten wir uns für besser, als wir es in Wirklichkeit sind. Das Spiel selbst macht es uns leicht, das zu glauben. Habe ich nicht gerade eine sehr gute Session gespielt? Habe ich meine Gegner etwa nicht wunderbar ausgespielt? Kaum haben wir einen Aspekt des Spiels auch nur ein wenig besser verstanden, sind wir geneigt zu glauben, jetzt hätten wir alle Klippen umschifft.  Endlich! Wahrscheinlicher ist, dass wir die anderen Gefahren, die uns begegnen werden, noch nicht erkannt haben. Poker verführt zu diesem Denken. Es befällt den Anfänger, aber auch den fortgeschrittenen Spieler immer wieder. Es ist ein ziemlich guter Kniff: Die Ergebnisse gaukeln uns etwas vor und die menschliche Psyche fällt bereitwillig darauf herein.

Das Schlimmste, was einem Anfänger passieren kann, ist wahrscheinlich, dass er gleich zu Beginn seiner Pokerkarriere einen guten Lauf hat. Er gewinnt und mit jeder gewonnenen Hand bauen sich falsche Erwartungen über das Spiel auf. Gewinnen ist scheinbar leicht, der Spieler hält sich für ein Naturtalent, dem die erfolgreichen Strategien quasi in den Schoss fallen – und verkennt dabei die Tiefe des Spiels. Von außen betrachtet sieht das Bild in etwa so aus: Tatsächlich steht der Spieler am Rande des Abgrunds, nur er sieht ihn nicht. Fällt er hinein, wird er nicht wissen, wie ihm geschieht.  Dieser Abgrund ist all das, was es über Poker zu lernen gibt, und sei es nur über Texas Hold’em. Fürchten musst du diesen Abgrund nicht, nur wenn du ihn nicht siehst, ihn nicht wahrhaben willst, wirst du es als Pokerspieler schwer haben.

Vor ein paar Tagen las ich einen Artikel des Programmierers und „Director of Research“ von Google Inc., Peter Norvig, in dem es darum ging, wie lange ein Mensch benötigt, um es in einer bestimmten Sache zu einer Art Meisterschaft zu bringen (http://norvig.com/21-days.html). Etwa zehn Jahre lautete seine Antwort. Dabei könne es um so unterschiedliche Bereiche wie Schach, Schwimmen, Malen oder das Komponieren von Musik gehen, das spiele eigentlich keine Rolle. Um sich zu verbessern, sei nicht nur die ständige Praxis entscheidend, sondern auch dir selbst Aufgaben zu stellen, die jenseits deines gegenwärtigen Könnens liegen, es auszuprobieren, das Ergebnis zu analysieren und die Fehler zu korrigieren. Und genau das ist, was es die meisten erfolgreichen Pokerspieler tun.  Sie geben sich dem Kreislauf von Analyse und Verbesserung hin. Es ist ein Teil des Spiels, den es zu erlernen und zu meistern gilt.

 

Lernerfolge stellen sich nicht von heute auf morgen ein. Du brauchst Geduld und Ausdauer. Falsche Erwartungen müssen durch realistische Ziele ersetzt werden. Sie können auch ein Gegengift gegen den Frust sein, wenn es mal nicht so läuft. Wie oft habe ich schon gelesen, dass Leute aus Frust über ihre mittelmäßigen Ergebnisse über ihrem Limit gespielt haben.  Weil sie sich zu schade waren für das Limit darunter und weil sie den Erfolg erzwingen wollten. Meist gehen solche Experimente in die Hosen, und zwar so gründlich, dass so mancher die Karten ganz an den Nagel hängen will. Vielleicht besser für sie, wer weiß. Denn zwei Tugenden muss ein Pokerspieler mitbringen: Geduld und Ausdauer.

 

Wer mit Poker Geld verdienen möchte, akzeptiert die kurzfristigen Risiken und spielt für den langfristigen Erfolg. Du wirst dich an die Regeln für solides Bankrollmanagement halten. Die Bad Beats, die dich ereilen, interessieren dich nur, um zu überprüfen, ob du die Hand in der bestmöglichen Weise gespielt hast. Den Traum vom schnellen Geld überlässt du den Träumern. Poker ist kein Sprint, Poker ist ein Marathon. Wer sich darauf einlässt, dabei die Freude am Spiel bewahrt und seine Rätsel als geistige Herausforderung begreift, der wird erfolgreich sein. Und wenn dich das Glück dann doch noch ereilt, hast du es dir wahrscheinlich verdient.

 

Victor Vega

 

Implied Tilt Odds oder die Weisheit des Tiltens

Poker wäre nicht Poker ohne seine Schattenseiten. Sonst könntest du ja auch Monopoly oder Halma spielen. Pokerspieler sind Grenzgänger, sie wandeln zwischen Himmel und Hölle, mal läuft es, mal nicht. Alle Pokerspieler kennen das. Die Engel des Himmels sitzen ebenso mit am Pokertisch wie finstere Dämonen. Die Engel sorgen dafür, dass Darvin Moon, ein Holzfäller aus Maryland, fast die World Series of Poker gewinnt, während die finsteren Dämonen den Charakter der anderen vor schwere Prüfungen stellen. Das macht Pokern so wunderbar. Es bringt die Weisen zum Lachen und die Verrückten zum Heulen. Und die meisten von uns sind nicht weise genug, als dass wir nicht bei Gelegenheit auch zu den Verrückten gehören. Willkommen im Club!

Wenn von Pokerdämonen die Rede ist, dann führt an Tilt kein Weg vorbei. Tilt ist sowas wie die Todsünde des Pokerspielers. Deswegen geben Pokerspieler nicht gerne zu, dass sie tilten. Vor kurzem las ich das Ergebnis einer Umfrage in einem Pokerforum, ob die Spieler gelegentlich tilten. Deutlich mehr als 60 Prozent gaben an niemals zu tilten. Ich musste lachen und dachte, das hättet ihr gern. Was seid ihr? Zen-Meister? Durch einen Trick auf einer höheren Stufe der Evolution angekommen? Oder gleich von einem anderen Planeten?

Jedenfalls hatte ich meine Zweifel, ob da draußen wirklich eine Bande von vollkommenen, erleuchteten Geschöpfen an den Pokertischen saß. Die nie tilten, also bitte! Perry Friedman, einer der berühmten Tiltboys um Phil Gordon, hätte das für ein Gerücht gehalten. Tilt erwischt sie alle und immer wieder, auch die High Stakes Pros. Brian Townsend sagte nach einer Session, die ihn ziemlich tiltete: „Das Blut schoss mir in den Kopf, ich schwitzte und mein Gesichtshaut war gerötet.“ Mike Matusow entsorgte seinen Laptop im Pool. Patrik Antonius warf Gegenstände, die gerade in Reichweite waren, gegen eine Wand, wo sie hässliche Löcher hinterließen. Und Jay Rosenkrantz, der sich mit drei anderen Pokerspieler der Herausforderung stellte in zwei Monaten zwei Millionen zu erpokern und daraus eine TV-Show zu machen, mit Glanz und Glamour in Las Vegas, wusste, was er brauchte – einen Tiltraum, in dem wehrloses Gemüse beim Stressabbau zu Brei geschlagen wurde.

Damit ist in der Regel noch nicht ausgetiltet, das wäre zu harmlos. Ein Pokerspieler auf Tilt spielt nicht so gut, wie er es eigentlich könnte. Er jagt einem Draw hinterher, er überspielt Hände, er spielt mehr Hände, als für sein angekratztes Nervenkostüm gut wären, er missachtet die Position, er liefert sich Wortduelle im Chat mit seinerm Gegner, er versucht es dem Fisch oder Esel, der ihn erst auf Tilt gebracht, heimzuzahlen. Verdient hätte er es schließlich. Und weil ihn das viel Geld verlieren lässt, ist er bei anderen Pokerspielern so beliebt.

Da jeder tiltbar ist, legten es die Tiltboys um Perry Friedman drauf an. Warum sich mit ernsthaften Konzepten wie Sklanskys Implied Odds zufrieden geben, wenn du auch Implied Tilt Odds (ITO) haben kannst? Die Tiltboys haben ITO jahrelang im Selbstversuch getestet. Das Prinzip ist recht einfach: Du machst einen Einsatz oder einen Call, der nicht gerade als vorbildhaft gilt und auch nur wenig Erfolg verspricht, bei dem aber die Möglichkeit besteht, deinen Gegner zum Tilten zu bringen – für den Fall, dass du deine Zauberkarte triffst. Der Tilt, den du bei deinem Gegner hervorrufst, könnte sich später bezahlt machen. Das klingt niederträchtig, aber für die Tiltboys hat Tilt einen Wert es sich. Es geht nicht nur darum, dem Getilteten die Chips abzunehmen. Tilt kann ein Geschenk sein, Tilt ist quasi ein philosphisches Konzept, Tilt rüstet dich für alle Situationen des Lebens.

Bei manchen High Stakes Games drängt sich manchmal unweigerlich der Eindruck auf, dass sich das Spiel grundsätzlich um ITO dreht. Kürzlich beobachtete ich Tom Dwan bei seinem Match gegen den unbekannten Schweden Isildur1. Dwan erhöhte vor dem Flop bei Blinds von 500/1000 auf 3.000 Dollar, Isildur1 seinerseits legt noch etwas drauf – 12.000, Dwan bezahlt. Wir könnten jetzt ein wenig über die Bandbreite der Hände spekulieren, mit der Dwan eine 3bet vor dem Flop bezahlt. Ich kann es euch aber auch gleich sagen, es war 8h2h, und das ist eine Hand, die eigentlich nur aus einem Lehrbuch für Implied Tilt Odds stammen kann. So auch der Rest der Hand. Der Flop kommt QcTs2c. Isildur1 setzt $15.000, Dwan bezahlt. Der Turn ist ein 8s. Isildur1 wettet $34.000, Dwan geht All-In für etwa $250.000, Isildur1 snap-calls. Im Pot sind $570.000. Isildur1 zeigt Asse. Der River bringt eine 2d und der Pot wandert zu Dwan mit einem Full House. Die Hand hat Tilt-Potenzial. Allerdings lief es an diesem Tag bis dahin so schlecht für Dwan, dass nicht ausgeschlossen ist, dass Dwan selbst auf Tilt war. Dass es sich also um so etwas wie Reverse Implied Tilt Odds (RITO) handelte, was nichts anderes bedeutet, dass Tilt sich rächt. Du hast jemanden so übel getiltet, dass der Getiltete plötzlich wie ein Irrer spielt und - trifft. Was dich nachhaltig tilten könnte.

Kaum einem anderen Spiel gelingt es mit schöner Regelmäßigkeit, diesen mentalen, gelegentlich körperlichen Ausnahmezustand hervorzurufen. Tilt zeigt Menschen in einem Moment, wenn die Maske fällt, wenn Zorn, Wut, Schmerz ihre Handlungen bestimmen. Menschen neigen zum Tilt, auch in anderen Lebensbereichen. Zu meinen Lieblingstiltern gehört bis heute der Tennisspieler John McEnroe

You cannot bet serious


C’mon, this is absurd, I can’t believe this

Und McEnroe hatte jede Menge Implied Tilt Odds, ohne das er das im Moment seiner ungezügelten Tiltanfälle hätte ahnen können. Später stellte er sein Tilten im Dienst der Werbung nach und kassierte vermutlich die eine oder andere Million damit.

Denn mit zeitlichem Abstand betrachtet wird Tilt komisch. Der Moment mag hässlich sein: Tilt führt dich am Nasenring durch die Manege und stellt dich aus. So geht er ab, da kannste mal sehen. Es spielt eigentlich keine Rolle, ob die Ränge voll besetzt sind. Es reicht völlig sich den eigenen Tilt im Nachhhinein vor Augen zu führen. War ich das etwa?

Weiser ist es, du lachst drüber und lernst daraus.

Das sind die wahren „Implied Tilt Odds“. Jeder Tilt erzählt uns etwas über uns selbst. Über das Maß unserer Fähigkeit uns zu beherrschen oder uns beherrschen zu lassen. Über unsere innere Einstellung zum Spiel. Über unsere Bereitschaft aus unseren Fehlern zu lernen und dadurch zu einem besseren Spieler zu werden. Das unterscheidet die guten von den schlechten Spieler, die guten lernen daraus, die schlechten schrecken vor zu viel Selbsterkenntnis zurück. Bobby „The Owl“ Baldwin sagte, Poker forme den Charakter, gerade in den Zeiten, in denen es nicht so gut läuft. Wie gesagt, das macht Pokern so wunderbar. Es bringt die Weisen zum Lachen und die Verrückten zum Heulen.


Victor Vega

 

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