Victor Vega
Dies ist eher kein Blog, vielmehr eine Kolumne über Gedanken, Neuigkeiten und Erfahrungen zum Poker als Anregung, Information und Unterhaltung aller Blogleser einmal im Monat.Im ersten Leben ist Victor Vega ein netter Kerl mit Sinn für schwarzen Humor, im zweiten ist er Pokerspieler aus Überzeugung.
Victor Vega begann vor etwa vier Jahren mit dem Pokerspielen. Zu Anfang holte er sich ein paar mächtige Beulen ab, inzwischen sieht er gelegentlich Land und studiert weiter No Limit Holdem und PLO.
In "Dead Money" schreibt er über das Spiel, das er liebt.
Soll einer sagen, Pokerspieler seien ein kulturloser Pöbel, die bestenfalls ihre prozentuale Gewinnchance am Turn halbwegs auf die Reihe kriegen – X outs mal 2 und dann noch schnell einen Blick auf die Größe des Pots werfen, ob es sich vielleicht lohnt. Okay, das ist die einfache Variante.
Online-Pokerspieler sind eine besondere Spezies in der Entwicklung der Menschheit – geeky, mit ausgeprägtem Spieltrieb und vielleicht sogar Avantgarde, was die Art und den Ort der Ausübung ihrer Lieblingsbeschäftigung angeht. You gotta love your fellow grinder, schaut sie euch an, sind ein paar hübsche Freaks dabei.
Jedenfalls ist heute der Tag, an dem ihr kurz einen Blick in meine Kulturvortäuschungstasche werfen dürft. Im April liefen zum Grind abwechselnd Satie und Chopin. Beide haben eine entspannende Wirkung, möglicherweise machen sie sogar einen besseren Menschen aus mir, sicher aber einen besseren Pokerspieler. Muss schon viel passieren, um bei Chopin richtig zu tilten. Sogar ein übler Suck out schmerzt nur halb so viel. Die Kohle ist weg, aber hey, Chopin und Satie sind immer noch da und die nächste Hand wird gegeben.
Die richtige Musik macht die Komfortzone etwas weiter. Wohlfühlen allein reicht natürlich nicht an den Tischen. Ich habe schon fast alles probiert, um besser zu werden. Viele Bücher gelesen, über Jahre Videos geschaut auf den einschlägigen Trainingsseiten, um mir die Tricks der besseren Spieler abzuschauen und in meinen Denk- und Spielprozess zu integrieren, und mich an der einer oder anderen Diskussion über eine Hand beteiligt. Im vergangenen Jahr merkte ich, dass ich von den meisten Videos schnell gelangweilt war. 45 Minuten Video schauen, um den einen oder anderen interessanten Spot zu finden, bei dem es etwas zu lernen gibt.
Außerdem musst du die Zeit dafür haben, und die ist knapp, wenn du nicht nur Poker spielst. Auch Pokerbücher habe ich nur noch ab und an in die Hand genommen. Mal drei, vier Hände studiert, das eine odere Konzept nachgelesen. Es dauerte Monate, bis ich durch war. Große Begeisterung war selten, die Erleuchtungen blieben klein. Ich zog es vor zu spielen, dem Motto von Phil Ivey folgend, dass nur Spielen dich besser macht.
Kürzlich habe ich mal wieder ein Pokerbuch in die Hand genommen, und, ehrlich gesagt, habe ich nicht allzu viel davon erwartet. Mal reinsehen, im schlimmsten Fall ist es der übliche Sermon über Motivation und Psychologie, Lebensstil, gesundes Essen und regelmäßiger Workout und was weiß ich noch. Doch diesmal war es all das und doch deutlich mehr als das gewöhnliche Geschwafel. Es stellt die Frage, was es braucht zu einem Meister des Spiels zu werden. Und welche Fähigkeiten jene haben, die in anderen Disziplinen, von Sport bis zur Musik, zu den Großen zählen. Talent reicht nicht und keiner kann sich auf das Glück allein verlassen!
Das Buch, von dem ich rede, heißt „The Poker Hero – How to Survive, Fight, and Succeed in the modern Poker World“. Geschrieben hat es Florian Roßner, ein Deutscher. Es ist gründlich, gut geschrieben und gut zu lesen, wenn bislang auch nur auf Englisch erschienen. Es räumt mit einigen Mythen und Versprechen auf, die das Pokerspiel umgibt, obwohl es natürlich selbst in seinem Titel wieder das Versprechen macht, dass du dieses Buch lesen musst, um zu wissen, wie es läuft. Aber das sind Spitzfindigkeiten.
In der Entwicklung eines Pokerspielers gibt es Phasen. Der Anfänger lernt die Grundkonzepte des Spiels, dann entwickeln Spieler ihren Stil und eines Tages spielen sie in ihrer Komfortzone, wiederholen an den Tischen, was sie gelernt haben, immer und immer wieder. Es läuft mal so, mal so. Wie jetzt noch besser werden, ist die Frage. Die Antwort, die Florian Roßner gibt, ist unangenehm, wenn du ein fauler Sack bist, wie die meisten von uns. Wir spielen gern, für das Spiel zu arbeiten, ist nicht gerade das, wovon wir geträumt haben.
„We can never make progress in the comfort zone, since those are the activities we can already do easily, while panic zone activities are so overwhelming that we don't even know how to approach them.“
Die Antwort liegt ausnahmsweise mal in der Mitte – wir müssen hinein in die Lernzone, uns Routinen zulegen, mit der wir wirksam an unserem Spiel arbeiten können. Weitere hundert Videos werden dir dabei kaum helfen.
Abgesehen davon, dass Roßner es gelegentlich mit der Arbeitsethik übertreibt („Great players are never hanging out, never relaxing after losing sessions.“) und sogar Ayn Rand zitiert, ist The Poker Hero ein lesenswertes Buch. Der Hobbyspieler wird mitunter das Gefühl haben, dass Erfolg im Poker nur noch zu haben ist, wenn du alles dem Pokerspiel unterstellst. Mit der Realität des Hobbyspielers hat das wenig zu tun. Dennoch: Es ermöglicht eingefahrene Routinen in neuem Licht zu sehen und vielleicht sogar zu verändern, nicht nur beim Poker, sondern in allen Bereich des Lebens. Und auch der Hobbyspieler sollte versuchen, seine Möglichkeiten voll auszuschöpfen. It's more fun. Den Rest weiß Tommy Angelo:
Poker is hard, and it hurts -- and this book helps.
Willkommen in der Lernzone. Zockt weiter!
Hallo Zocker, 59 Wochen oder 416 Tage oder 10000 Stunden – solange musst du Poker spielen, bevor aus dir ein wirklich guter Pokerspieler wird. Das glaubt zumindest Andrew Robl. Eine Menge Holz. Ich bin nicht sicher, ob ich die Hälfte des Weges schon hinter mir habe. Oder ob ich zu denen gehöre, die schon lange übers Ziel hinaus und trotzdem nicht aus ihrem mediokren Pokerdasein ausgebrochen sind.
Ist natürlich alles eine Frage der Perspektive. Und die Perspektive wechselt. Poker ist das das Spiel, bei dem du dir nicht sicher sein kannst. Zuversichtlich vielleicht, aber nicht sicher. Eben sahst wie der sichere Sieger aus, eine Karte später bist du der größte Verlierer am Tisch. Da staunst du runde Bauklötze. Das härtet ab. Und so war der März, ein einziges Abhärtungstraining. 92 Prozent vorne reichen eben manchmal nicht. Und schon wieder nicht. Und nochmal undsoweiter. Unterm Strich lief es 20 Buy-Ins unter EV und reichte für einen ordentlichen Downswing. Deswegen brauchst du möglichst schwarzen Humor, wenn du Poker spielst. Zeit für einen kleinen "courtesy lick".
Natürlich bringt mich das nicht aus der Spur. Dafür gibt es immer noch Pokernachrichten, die verkrampft aus irgendwelchen Nichtigkeiten vermeintliche Nachrichten drehen. Hochgepokert ist immer schlecht dabei, diesmal soll Mad Marvin Rettenmeier den größten Downswing seiner Karriere erleben. You know what? Ich möchte in einem Artikel über den größten Downswing meiner Karriere auch mal die Zeilen lesen: „Der letzte Sieg liegt sogar noch länger zurück. Im Dezember 2012 gewann er das EPT Prag Highroller Event für gerade einmal €365.000.“ Ist ja eine Dürre biblischen Ausmaßes.
Ach ja, ist es nicht süß? Fast so lächerlich wie der Tweet des Mike „timex“ McDonald, er hasse das Spiel wegen dieser Hand. Den Tweet hat er dann lieber wieder gelöscht, zumal ihm Ben Wilinofsky bei Gott versprach, ihn wie einen Fisch auszunehmen, sollte er jemals wieder tweeten, dass es schlecht für ihn laufe.
Wilinofsky hat seine eigene Geschichte. Wilinofsky hat ein paar Millionen online gewonnen und im Jahr 2011 die EPT Berlin für etwas mehr als 800.000 Euro. Aber das ist nur eine Hälfte seiner Geschichte. Wilinofsky leidet seit seinem zwölften Lebensjahr an Depressionen. Und die sind sein ärgster Gegner.
Vieles ist eine Frage der Perspektive. Schlimm ist es erst, wenn du keine Perspektive mehr sieht. Poker ist nicht das Leben, nur ein Teil, der den Charakter stärken kann, und darauf kommt es an, gerade wenn es nicht läuft. Wie sagte der weise Nick the Greek Dandolos:
The next best thing
to playing and winning is
playing and losing.
The main thing is to play.
Hang loose, zockt weiter.
Hallo Zocker, in der Welt des Online-Poker ist es fast wie in alten Tagen. Isildur fährt Achterbahn, Tom Dwan hockt in Macau, spielt ewig lange Sessions auf Full Tilt und lässt sich auch nicht aus dem Rhythmus bringen, wenn er zwischenzeitlich mal mit einer halben Million hintenliegt. Beruhigend irgendwie, setzt es doch die eigenen Swings von ein paar hundert Dollar ins richtige Verhältnis - immer schön locker bleiben. Zu den beunruhigenden Dingen später!
Varianz ist sowas wie die dunkle Seite der Macht beim Poker. Sie erhebt ihr janusköpfiges Haupt, grinst sich eins und macht aus siegessicheren Spielern verzweifelte Tilter, die nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Frust. Varianz hält sich nicht an Regeln, sie kennt kein Maß und keine Mitte. Nur langfristig sollte alles wieder ins Lot kommen, irgendwann. Bis dahin gilt es die Nerven zu behalten, irgendwie.
Du verlierst Coin Flips in Serie – Varianz. Der große Fisch stellt wieder mit einer marginalen Hand sein Chips in die Mitte und dann kommt der River – autsch, Varianz. Der schräge Schwede liebt die großen Einsätze und bringt seine 100 BB gern schon vor dem Flop mit Dame Vier im Pott unter und die Asse verlieren trotzdem. Das geht noch eine Weile so weiter – Varianz, Varianz, Varianz. Eine Beschwörung, es ist doch nur Varianz. Macht dich natürlich natürlich trotzdem wahnsinnig, wenn der Schwede mit seinen 800 BB zu einem höheren Limit rennt und die ganze Kohle in nur einer Hand in den Sand setzt.
Trotzdem, in diesem Monat lief es ziemlich gut, definitiv einer der besseren Monate. Nach 14.000 Händen liegt die Winrate bei 6 BB/100. Also, kein Jammern. Im Poker habe ich so ziemlich alles erlebt, den guten Lauf, aber auch die schlechten, auch solche, bei denen du dich fragtest: Hört das wieder auf? In solchen Phasen kann es schon mal vorkommen, dass du dir überlegst, das Spiel an den Nagel zu hängen. Meist ist es das nur ein kurzer Gedanke. Ich bin sicher, ich spiele bis ans Ende meiner Tage.
Aber ich bekenne mich schuldig. Gefühlt, glaubte ich immer, lief es schlechter, als ich es verdient hätte. Ein Phil-Hellmuth-Syndrom. Ich bekomme Bad Beats, teile aber weit weniger welche aus. Ich könnte ja auch mal aussucken. Im Januar entwickelte ich dann noch ein Phil-Hellmuth-Syndrom. Nicht, weil ich ausrastete - immer wieder schön, Phil's Top 5:
Hellmuth hatte mal eine Phase, da wollte er sich immer versichern für den Fall, dass er eine Hand doch noch verlöre. Er versuchte bei seinen Mitspielern, eine Versicherung abzuschließen. Für den Fall der Fälle hätte er dann einen Teil des Geldes zurückbekommen. Gewann er, musst er nur den Versicherungsbetrag abgeben. Eigentlich keine schlechte Idee.
Im Januar lief es, wie gesagt, gut, aber dabei gleichzeitig auch schlecht. Unterm Strich lag ich nach 9.000 Händen zwar vorne, aber laut All-In EV hätte ich fast dreimal so gut dastehen können. Hätte ich eine Versicherung gehabt, hätte ich wenigstens einen Teil des Geldes in der Tasche gehabt von jenen Händen, bei denen es mich derbe erwischte.
Durch eine Versicherung ließe sich zumindest die Varianz des Spiels leichter ertragen. Tatsächlich gibt eine Seite, die das anbietet, InsuredPlay. Du kannst jede Hand versichern, bei dem du vor dem River all-in bist. Ich mache hier jetzt keine Mathestunde, um auszurechnen, wie viel Equity ich bereit wäre abzugeben, um meine Nerven zu schonen. Ich habe mich nicht angemeldet bei InusredPlay, dies ist also auch keine Empfehlung (bei 2+2 gibt es einen langen Thread mit Pro und Contra) Ich bin nicht sicher, ob das Geschäftsmodell schon ausgereift ist und der Laden seriös ist, aber die Idee hätte das Zeug, das Pokerspiel zu verändern.
Andererseits, Poker ist halt wie das Leben. Da bekommst du auch nur selten das, was du erwartet hast. Und die Versicherungen zahlen eher nicht, wenn es drauf ankommt. Außer du bist eine Bank, da zahlt der Steuerzahler. Und wenn es mal wieder ganz anders kommt: Don't forget to breath!
Zockt weiter!
Hallo Zocker, zum Ende des Jahres braucht es einen würdigen Abschluss, nicht zu heilig, also wird es legendär ordinär. Aus dem Twittorium, dem süchtig machenden Stimmenrausch des Internets, meldete Gus Hansen kürzlich, dass er es verabscheue, wenn Pokerspieler den Dealer angingen. Dealer abuse, Gus hasst das. Die folgende Geschichte wird ihm nicht gefallen.
Sie handelt von Puggy Pearson, eine dieser Figuren, die ihre Pokerkarriere in den 1950er-Jahren in Ställen am Wegesrand auf einer selbstgemachten Tour zwischen Salina, Hopkinsville, Bowling Green und Louisville begannen. Unterwegs mit einem verbeulten Schlitten und einer Kanone - für den Fall der Fälle. Zum Spielen nahm er nur so viel Geld mit, wie er brauchte. Den Rest der Bankroll parkte er unter dem linken Vorderreifen. Pearson fing an zu spielen, weil er arm war, bis eines Tages zu spät gewesen sei, noch irgend etwas anderes zu anzufangen. Ihm gefiel das Leben von heute auf morgen, ohne sich große Gedanken zu machen müssen. Er glaubte nicht, dass das Leben mehr hergebe als ein wenig Spaß zwischendrin. „And that's enough. Why hell, there ain't a breeze in the sky floats freer than I do.“
Puggy Pearson wurde ein high-roller. Er erfand das Turnierpoker und gewann 1973 die World Series of Poker. 13 Spieler legten 10.000 Dollar auf den Tisch, der Gewinner bekam alles. Puggys Gesichtzüge ähnelten zu dieser Zeit schon einer Bulldogge, die Nase eingedrückt, eine hohe Stirn und oft eine Zigarre zwischen den Zähnen. Glück sah er als Linie, die eine richtige und eine falsche Seite habe. Aber er glaubte nicht an Glück, mit Glück allein reiche es nicht für die Miete. Es ging nur darum näher an dieser Linie zu sein als alle anderen.
Und dann gibt es diese eine Geschichte, die Gus nicht gefallen hätte. Eine Nacht in einem Casino irgendwann in den 1970er Jahren. Die Einsätze waren hoch. Puggy Pearson bekam einen üblen Bad Beat verpasst und verlor jede Restscham. Er stieg fluchend auf einen Stuhl, ließ die Hosen runter und urinierte auf den Pokertisch. Einige Erzählungen wollen es, dass er dabei auf den Dealer zielte. Sein Sprinkler war angeblich riesig. Das Tohuwabu jedenfalls muss groß gewesen sein, bis der Sicherheitsdienst den immer noch fluchenden Pearson an die frische Luft setzte. Kaum zu glauben, ein Weltmeister pinkelt auf den Pokertisch. Nolan Dalla, der ein großartiges Buch über Stuey „The Kid“ Ungar geschrieben hat, konnte die Geschichte kürzlich verifizieren. Er sprach mit einem Augenzeugen.
Die Gegenwart erscheint im Licht dieses Ausrasters fast gesittet. Ganz oberflächlich gesehen. In Unterhosen online zu spielen, sich den Screennamen „I play naked“ zu geben, ist eines, in Unterhosen einkaufen zu gehen etwas anderes. Deswegen der letzte paternatlistische Rat des Jahres: Immer den Unterhosenradius im Griff behalten, egal wie es gerade läuft. Zieht die Hosen hoch und auf ein Neues. Zockt weiter.
Seit Monaten denke ich jetzt über den richtigen Zug nach. Wir sind am River, die letzte Karte ist gefallen, call or fold? Mein Gegner hat am River plötzlich blank gezogen, entweder sitzt er auf den Nuts oder blufft auf Teufel komm raus. Sind zwei Paar gut? Und dann hat einer gerufen: Call the motherfucking clock on that son of bitch!
Ich gebe zu, diese Metapher ist ziemlich breit angelegt. Steht für diese Kolumne. I call. Ich mach weiter! Was den Ausschlag gegeben hat: Full Tilt ist von den Toten auferstanden, Obama bekommt eine zweite Chance und sogar Leute wie Peer Steinbrück dürfen sich als Kanzlerkandidat versuchen. Er verspricht großspurig, genau jene Probleme zu bekämpfen, die er zuvor immer schön abgebügelt hat. Hell, yeah, I call!
Es hätte Daniel Negreanu sein können, der mich mit der Uhr derart unter Druck setzt. Tipp ihn mal an. Lebt der noch? Er hätte es sein können. Denn Daniel will jetzt beim Live-Poker jeden, einfach jeden, nach zwei Minuten Bedenkzeit zu einer Entscheidung zwingen. Call the motherfucking clock on that son of bitch!
Es muss schlimm stehen um Live-Poker. Spieler, die minutenlang über ihrem nächsten Zug meditieren, obwohl scheinbar alles klar ist. Das Nachdenken habe überhand genommen, so Negreanu, die Zukunft des Poker stehe auf dem Spiel. Andererseits will Poker als Denksport anerkannt werden und nicht als Spiel von Revolverhelden, bei dem siegt, wer schneller gezogen hat. Es ist eine Frage der Balance. Gelegentlich muss ein Spieler länger nachdenken dürfen. Es müsste so etwas wie eine Challenge beim Tennis geben, die ein Spieler einsetzen darf, wenn es ihm darauf ankommt, und er glaubt, mehr Zeit zu brauchen. Dreimal in 500 Händen. So in der Art.
Was gut ist für Poker, ist gut für Poker. Es ist gut, dass es jährlich einen neuen Pokerweltmeister gibt. Der Sieger des Jahres heißt Greg Merson. Er setzte sich am Finaltisch durch, der Stunden dauerte und zu den längsten in der Geschichte des Pokersports gehörte. Und es gab eine überflüsssige Debatte darum, ob der Finaltisch zu lang fürs Fernsehen, für die Massenmedien sei. Mal ganz im Ernst: Wer in Europa, der noch ein Leben jenseits von Poker hat, hat sich den Finaltisch in ganzer Länge live angeschaut? Entweder hast Du Urlaub, keinen Job, keine Freundin oder Du legst es darauf an, von Deiner Freundin verlassen zu werden. Es ist eine Sache für Nerds. Nichts gegen Nerds. Das ist halt manchmal so beim Poker. Und es schadet dem Poker nicht.
Was Poker schadet, sind andere Sachen. Die kleinen Gaunereien und die großen Schweinereien. Es gibt beim Poker Leute, die wie Howard Lederer denken. Und wie Howard Lederer denkt, das lässt sich anhand einer Anekdote aus den Lederer Files zeigen. Lederer erzählte, wie ihn Gus Hansen nach dem Schwarzen Freitag zur Rede stellte. Zunächst ging es um die fragwürdige Praxis, dass Full Tilt Pros Kredit bekamen. Nach dem Schwarzen Freitag sollte das Geld eingetrieben werden, um Full Tilt etwas Spielraum zu geben. Wie ging Lederer damit um? Er zahlte seine Schulden zurück, zog aber von den Schulden das Guthaben seines Spielerkontos ab. Gus Hansen habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass er der Unternehmung dann aber immer noch Geld schulde. Schließlich habe Lederer sich gerade selbst Geld ausgezahlt, was für alle Spieler in den USA unmöglich sei. Und das sei falsch.
#t=2m29
Respekt, Gus! Und Jennifer Harman hat recht: „The Poker world is about ethics and morals. But there are a few real slimy people in this 'world'", twitterte sie kürzlich. Vaya con dios. Zockt weiter.
Didi did it. So titelt das britische Revolverblatt Sun nach dem Champions-League-Sieg von Chelsea bei den Bayern. Didier Drogba, dem alternden Chelsea-Star, fehlte immer noch ein großer internationaler Pott. Didi gewann nicht einfach so durch zwei Tore nach eiskalten Kontern in der regulären Spielzeit, nein, Didi machte das Finale kunstvoll zu einer Tragödie griechischen Ausmaßes.
So einen Scheiß – und das sagt einer, der kein Bayern-Fan ist und auch nie einer werden wird – kann sich keiner ausdenken.
Je länger das Spiel dauerte, umso spürbarer wurde das Ende. Ein fieses Ende, eine Niederlage, die so tief in die Eingeweide schneidet, dass Sportler daran zerbrechen, ihre Zuversicht verlieren und einfach nicht mehr an den großen Sieg glauben können. Die Geburt eines ewigen Zweiten. Diese Niederlage sitzt, Schweinsteiger braucht einen Therapeuten oder wird zu einem Helden, sollte er EM, WM oder Champions League doch noch gewinnen. Kann ja sein, dass hinjeterfotzige Fußballgötter Schweinsteiger für diese Rolle ausgesucht haben.
Jedenfalls spürte ich den Wahnsinn. Beim 1:1 von Didi zwei Minuten vor Schluss war ich noch erstaunt: Nee, echt jetzt? Dann verursachte Didi in der Verlängerung dümmlich einen Elfmeter und gibt Arjen Robben die Chance seine Saison, vielleicht sogar seine Fußballerkarriere, endgültig zu versauen. Robben wird noch mit siebzig bei jedem Elfmeter, den er in der Glotze sieht, an die 95. Minute von München denken. Ich lachte leicht hysterisch. Dabei hätte Robben alles vergessen machen können. Aber die Bayern sind selber schuld. Warum lassen sie auch Robben schießen? Robben verschoss den wichtigen Elfer in Dortmund, unten rechts...
http://youtu.be/VlTAsSytU5I
... zitterte in Madrid im Halbfinale einen Elfmeter zum 1:2 ins Tor (unten rechts) und war danach so leichenblass, dass ich dachte, jetzt kotzt er auf den königlichen Real-Rasen. Der Mann kann Elfmeter in der Bundesliga schießen, aber nicht bei wichtigen Spielen. Pokalfinale geschenkt (unten rechts).
Betrachten wir das Elfmeterschießen als Pokerspiel: Auf welche Ecke hättest du anstelle von Cech spekuliert? Robbens Elfmeter gegen Chelsea war eines CL-Finales nicht würdig: zwar hart, aber mitte rechts, halbhoch hätte noch gefehlt. Ich kicherte inzwischen halb wahnsinnig vor mich hin. Und dann war schon Elferschießen um die ganze harte Suppe:
1:0 Lahm, so eine Art dünne Value Bet.
2:0 Gomez rivert das Full House.
3:1 Neuer. Bitte wer? Sah aus wie ein Draw gegen alle Odds, einfach um den Gegner zu tilten, wenn man trifft.
Vierter Schütze: Olic. Noch nie wurde Top Set so schlecht gespielt. Fünfter Schütze, es steht
3:3: Schweinsteiger liegt am Turn vorne, hält kurz vor der Value Bet inne und wird von Cech ausgesuckt – Fingerspitze, Pfosten, Ball springt raus.
4:3 Didi blufft. Neuer geht nach rechts, Didi macht ihn links rein. Didi did it.
http://youtu.be/Jz58iLgSuhI
Nix war es mit: Unsere Stadt, unser Stadion, unser Pokal. Es gab Finale am Oarsch. 20:1 Ecken sind eben nicht genug, wenn nicht mal eine irgendwie gefährlich wird. Und jetzt wird geweint in München, der Abgrund hat sich geöffnet, das Bayern-Siegergen ist weg. Dreimal Zweiter. Nach dieser Saison gilt auch für Bayern: Dabei sein ist alles.
Okay, das war es vom Sport. Schalten wir um nach San Diego. Dort gab Mike Matusow per Interview eine Vermisstenanzeige auf. Die regelmäßigen Schecks von Full Tilt fehlen ihm bitter.
Jetzt muss er wieder Pokern für den Lebensunterhalt und hat festgestellt: „There is no dead money in America.“ Hart sei es, jeder könne inzwischen Poker spielen. Vielleicht lag diese Aussage auch daran, dass er in der Woche zuvor 75.000 Dollar verloren hatte. Zehn Stunden am Tag spielt er, fünf Tage in der Woche, ein Backer hält ihm den Rücken frei. ( http://www.pkr.com/en/community/stacked/?stackedId=20#page=58 ).
Matusow klingt leicht angeschlagen, wie eigentlich immer seit jenen Tagen bei UB, als ihm Russ Hamilton online eine Million abnahm, weil er die Hole Cards von Matusow sah. Negreanu war bei dem Gespräch dabei und legt eine andere Einstellung an den Tag. Er sei nach dem Schwarzen Freitag bereit gewesen für den Grind. Aber er spricht als Stars-Frontmann aus einer Position mit mehrfach abgesichertem Netz.
Wenn es nicht ans Eingemachte geht, lässt sich das Leben eben leichter nehmen. Zum Beispiel Brian Hastings, der einst in einer einzigen Session Isildur vier Millionen abknöpfte. Der ließ sich kürzlich an einem Tag in Bobby’s Room von Doyle Brunson am Pokertisch und von einem Armani-Shop im Bellagio ausnehmen. Lachte aber trotzdem und ließ sich mit einem Lebowski-Walter-Sobchak-T-Shirt ablichten: „You are entering a world of pain.“ ( http://yfrog.com/z/ocuv8puwj )
Manche bleiben zuversichtlich, andere zweifeln, manche verspielen leichtfertig ihr Glück, andere kämpfen. Bayern hat einen richtig schönen Anti-Lauf, Chelsea das Gegenteil. Full Tilt hat sein sagenhaftes Glück verspielt. Jetzt will Stars den Laden übernehmen. Gerüchte sagen eine Einigung zwischen dem Departement of Justice und Stars bis Ende Mai voraus. Sogar Matusow könnte seine 185.000 Dollar bekommen, die auf Full Tilt lagen, als das Ende kam. Es wäre eine unerwahrscheinliche Rettung der kleinen Pokerwelt. Die Korrektur eines großen Imageschadens, der Beweis, das es auch anders geht.
Vaya con Dios. Zockt weiter.
Es ist April, das Wetter macht, was es will, und wer nicht aufpasst, bekommt von seinen Mitmenschen einen Aprilscherz verpasst. Insofern war es ein bisschen vorhersehbar, dass Full Tilt am 1. April seine Pforten wieder eröffnet, Lionel Messi und Tiger Woods als Pokerbotschafter der Gruppe Bernhard Tapie um die Welt ziehen, während Chris „Jesus“ Fergueson in einem thailändischen Tempel zu einem besseren Menschen werden will. Howard Lederer hat Daniel Negreanu eines schönen Sonntagmorgens, natürlich auch im April, angerufen und um Verständnis gebeten. Damn, er wusste wirklich nichts, von dem was da bei Full Tilt schief lief, und bemühe sich jetzt aufrichtig darum, dass die Spieler, denen der Laden noch Moneten schuldet, spätestens Ende 2013 ihr Geld haben.
Das waren die Aprilmärchen. Gut sechs Wochen habe ich mich nicht um Nachrichten aus der Pokerwelt gekümmert, doch die Wirklichkeit kann mit den Märchen locker mithalten. Der lokale Pokerheld Pius Heinz hat inzwischen 30.000 Facebook-Fans. Der immer gut gelaunte und freundlich lächelnde Erick Lindgren hat offenbar eine recht ordentlich funktionierende Technik entwickelt, sich überall Geld zusammenzuleihen und seine Geldgeber zu prellen. Er soll Spielern, dem Finanzamt und einem Laden namens Full Tilt mehr oder weniger acht Millionen Dollar schulden – mehr oder weniger, halt. Dann ist da noch die Geschichte der Epic Poker League. Mit ihrer Frontfrau Annie Duke, zugehörig zum Lederer-Clan, und Jeffrey Pollack, der lange die World Series of Poker mitgestaltete, ist die Epic Poker League nach nur 14 Monaten und drei Turnieren frontal gegen die Wand gefahren. Das zugehörige Unternehmen, Federated Sports and Gaming, hat Verbindlichkeiten von fast acht Millionen Dollar angehäuft (http://www.cardplayer.com/poker-news/13091-epic-poker-statement-shows-more-than-7-8-million-in-liabilities). Und Full Tilt ist imm er noch da, irgendwie. Angeblich hat Full Tilt eine Lizenz beantragt und natürlich wieder bei der AGCC, der Alderney Gambling Control Commission. Da ist der Name nur ein Euphemismus. Kontrolliert hat die AGCC nämlich nie irgendetwas. Sie hat immer alles geglaubt und deswegen von dem wilden Treiben bei Full Tilt Poker nie etwas mitbekommen (http://www.pokerolymp.com/articles/show/news/11670/Full+Tilt+Poker+beantragt+Lizenz+bei+der+AGCC). Es kann eigentlich nur ein Aprilscherz sein.
Jedenfalls hält diese Auswahl den Aprilmärchen locker stand. Was mich zum Image-Problem von Poker bringt. Eigentlich wollte ich in diesem Monat etwas durchweg Positives schreiben. Aber dann musste ich dieses ganze Zeug lesen, einsteigen in diese ganzen absurden Nachrichten aus der Pokerwelt, die einem deutlich machen – der Lack ist ab. Es hat nur wenige Jahre gedauert, von Chris Moneymaker bis zu Full Tilt und Erick Lindgren. Chris Moneymaker war der Star des Pokerbooms, der als Amateur 2003 das Main Event der WSOP gewann. Erick Lindgren hingegen war immer ein Pokerstar, seitdem das Spiel boomte, ein Profi, und nun bleibt nichts mehr übrig von dem schönen Schein, der Strahlemann scheint ein gewöhnlicher Gauner gewesen zu sein.
Poker brauche ein Rebranding, schrieb der Pokerpro Alec Torelli kürzlich in seinem Blog (http://www.alectorelli.com/blog/the-public-perception-a-call-for-change/), (http://www.alectorelli.com/blog/the-game-of-the-future/). Ich habe seine beiden Beiträge neugierig gelesen und war dann doch enttäuscht, ohne dass ich Alec Torelli einen Vorwurf machen könnte. Die beiden Texte zeigen im Grunde nur, wie weit Poker schon war und wie leicht ein Image Schaden nimmt.
Poker war eine Zeit lang raus aus den Hinterzimmern. Poker war kein reines Glücksspiel mehr. Poker hatte tatsächlich gute Aussichten. Warum Torelli sich nun ausgerechnet einen Börsenmakler zum Vergleich gewählt hat, weil der gesellschaftlich akzeptiert sei, das müsste er mir erklären, aber bitte.
Nun macht Torelli Vorschläge, wie das frisch ramponierte Spiel sich wieder herausputzen kann. Mit den Klamotten fängt er an. Wären Spieler adrett gekleidet, würden sich „die Kunden“ wohler fühlen. Dann sind da die Medien, die tendenziell und vor allem lieber negativ berichteten, also irgendwie auch schuld sind an der Misere. Was etwas naiv ist, zumal es im Poker quasi eine eigene Medienindustrie gegeben hat und gibt, die den ganzen Tag nichts anderes macht, als um jede negative oder kritische Berichterstattung einen möglichst großen Bogen zu machen. Poker war in den letzten zehn Jahren eine Industrie, die sehr erfolgreich ihre Erfolgsgeschichten erzählt hat.
Weitere Lösungsvorschläge: Mehr Helden brauche das Spiel und eine Inszenierung von Rivalität, damit Fans sich auf etwas freuen könnten.
Doch all das gab es schon einmal. Es gab die Identifikationsfiguren, Negreanu, Ivey, Antonius, die alle viel Geld verdient hatten, dann gab es jungen Internetkids, die die alte Garde herausforderten, sie hießen Tom Dwan, Brian Hastings oder Isildur. Es war all das da, was Torelli fordert. Nur ein paar Dumpfbacken haben es gründlich versaut. Das war’s für heute. Zockt weiter!
Es waren weise Leute am Werk, die dieser Kolumne den Namen Dead Money gaben. Damals hielt ich das wegen meiner bescheidenen Pokerkünste noch für einen etwas bösartigen, wenn auch verständlichen Seitenhieb, doch inzwischen ist mir klar, dass es um etwas viel Größeres ging. Es ist die Epoche des toten Geldes, das in allen erdenklichen Formen überall herumliegt – als angebliches Rettungspaket beim Kettensägen-Moussaka in Griechenland, das gleich an Banken weitergereicht wird, als Sammlung in der nächsten Bubble, die früher oder später irgendwo mit einem mehr oder minder großen Knall platzen wird, als Ehrensold für einen scheidenden Präsidenten oder als Spielereinlagen in einem Land namens Full Tiltistan.
Okay, das war mal. Das Land Full Tiltistian ist längst untergegangen, doch die aberwitzigen Nachrichten reißen nicht ab. In den vergangenen Wochen war zu hören, dass Full Tilt der Riege von Superstars, die für den Pokerraum warben, einfach mal so Geld geliehen hat, teilweise Beträge in Millionenhöhe, insgesamt sollen es um 16,5 Millionen Dollar gewesen sein. Angeblich haben Spieler wie Phil Ivey, Erik Lindgren, John Juanda und auch Mike Matusow noch Schulden bei Full Tilt. Angeblich ist das auch der Grund, warum die Verhandlungen mit der DOJ und der Gruppe Bernhard Tapie nicht abgeschlossen werden können. Die Gruppe BT will diese Summe nicht bezahlen, verspricht aber alle Spieler auszuzahlen, denen Full Tilt noch Geld schuldet, sobald die Superstars ihre Schulden bezahlt haben. Hübscher Einfall! Die wollen zumindest in Teilen nicht bezahlen, weil sie nicht wüssten, was mit dem Geld geschähe, oder sie streiten wie Mike Matusow ab, dass sie Full Tilt überhaupt Geld schulden (http://pokerupdate.com/news/the-full-tilt-saga/gbt-lawyer-says-matusow-owes-700k/).
Irgendwo also liegt das Geld rum, nur jene, denen es gehört, haben davon bis auf Weiteres nichts. So ging und geht es zu in Full Tiltistan. Spieler deponierten Geld – Full Tilt soll Spielerguthaben in Höhe von 390 Millionen Dollar verwaltet haben – und davon lieh man seinen Pros dann Geld. Und das Ganze soll noch nicht einmal hinreichend dokumentiert worden sein, nicht einmal Rückzahlungsmodalitäten seien vereinbart worden. Die monatlichen Vergütungen an die Pros seien dessen ungeachtet weiter geflossen. Das Leben in Full Tiltistan muss gut gewesen sein, solange es lief. Dabei beginnt der Wahnsinn natürlich schon damit, dass Full Tilt seinen Stars überhaupt Geld geliehen hat. In Full Tiltistan wurde das Wulffen erfunden und Ex-Präsident Wulff ist mit seinen Billigkrediten nur die Schmalspurausgabe davon.
Natürlich hat sich niemand etwas vorzuwerfen. So lief es halt, und es war gut, solange man dabei war. Und natürlich geht es so weiter, bis man sie entmachtet. So ist es hier und überall. Das führt bei manchen zu Gewaltphantasien, und ehrlich gesagt, kann ich sie gut verstehen, wenn ich mir Filme wie Inside Job von Charles H. Fergueson ansehe. In der vergangenen Woche ließ Daniel Negreanu sich in einem Videoblog mal so richtig gehen. Er sei kein Charles Manson, sagte er, aber er könne verstehen, wenn jemand, der noch 15.000 Dollar zu bekommen hat, Howard Lederer in „die Nüsse treten“ würde. Was nicht bedeuten würde, dass er dazu aufforderte. Daniel Negreanu ist auch kein Bin Laden (etwa ab 6:00).
Viele werden das Video längst gesehen haben. Negreanu regt sich auf über das Schweigen von Lederer, Bitar und Fergueson, die sich nicht einmal entschuldigt hätten für das, was sie der Pokergemeinschaft angetan haben. Wulffen im großen Stil. Negreanu geht richtig ab, als er verlangt, dass Lederer und Fergueson für immer ausgeschlossen werden müssten aus der Pokergemeinschaft. Ich glaube nicht, dass das den Mann, der einst der Pokerprofessor genannt wurde, wirklich schockt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Pokergemeinschaft nicht doch zu vergesslich dafür ist. Über Selbstreinigungskräfte verfügt sie, Leute, die die großen Betrügereien aufdecken, aber die Vergesslichkeit ist groß. Eine Reihe von Leuten, die sich verschiedener Vergehen schuldig gemacht haben, wenn auch nicht in dem Maße wie Lederer und Fergueson, sind heute wieder akzeptierte Mitglieder der Pokergemeinschaft. Im Forum von 2+2 gibt es eine Petition (http://forumserver.twoplustwo.com/29/news-views-gossip/petition-have-all-ftp-shareholders-debtors-banned-wsop-1165682/), durch die erreicht werden soll, dass Spieler und Anteilseigner, die Full Tilt Geld schulden, von der WSOP ausgeschlossen werden sollen, sofern sie nicht eine Absichtserklärung unterzeichnen, zurückzuzahlen. Ob das was bringt? Und ist es nicht viel zu seicht?
Negreanu wetterte noch weiter: In den Knast müssten Lederer und Co. und er wünschte sich einen großen Kerl, der sich dort liebevoll um sie kümmert. In meiner Phantasie ist eine anale Vergewaltigung in Alcatraz okay, obwohl ich mir keine Liveübertragung davon wünsche. Echtes Gefängnis würde es auch tun.
Eigentlich wollte ich zu Beginn des neuen Jahres über den Sinn des Lebens schreiben, da ich aber angesichts der Lage um mich herum nicht zu einer beruhigenden Antwort gekommen bin und das Jahr auch noch 2012 heißt, verschiebe ich das und schreibe lieber über die tagtäglichen Herausforderungen eines Hobbyzockers, damit dessen Existenz entsprechend gewürdigt wird.
Der Hobbyzocker befreit sich von den drängenden Fragen seiner Existenz durch einen einfachen, aber geschickten Kunstgriff – er zockt, er ist abgelenkt, er denkt nicht darüber nach, ob es richtig oder falsch ist. Er spielt nicht nur Poker, sondern er versucht immer wieder Wetten zu finden, bei denen er sich im Vorteil wähnt. Mit seiner Moral ist es dabei nicht besonders weit her. Ihm kommt es nicht darauf an, ob seine Lieblingsmannschaft gewinnt, sondern nur darauf, ob er seine Wette ins Ziel bringt.
Wenn die Quote stimmt, wettet der fortgeschrittene Hobbyzocker, ohne mit der Wimper zu zucken, gegen seine Lieblingsmannschaft. Auf Dauer färbt dieses Wettverhalten auf seine Psyche und seine Bindung zu gewissen gesellschaftlichen Gruppen ab. Eine Gruppe Fußballfans ist für ihn nur noch eine Herde blökender Schafe, die es zu scheren gilt.
Beim Scheren geht er vorsichtig, aber kalt kalkulierend vor. Er schleicht sich bei den Fans einer Mannschaft ein, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit beim nächsten Spiel eine Niederlage kassieren wird und wettet gegen die Fans dieser Mannschaft, die das böse Ende aus falsch verstandenem Stolz nicht kommen sehen wollen. Eine anstrengende Tätigkeit, die genau vorbereitet werden will und kaum ausgebeutet werden kann – außer es tritt der unangenehme Fall ein, dass die dummen Fans ihre Wette gewinnen. Dann hört man den Hobbyzocker kurz vor Spielende, während er den Hinterausgang sucht, fluchen: „Scheiße, scheiße, scheiße, warum passiert das immer mir?“ Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Eben deswegen bleibt der Hobbyzocker Hobbyzocker. Die Tage, als er sich mit einer nicht unerheblichen Summe an einem Rennpferd namens Diamond beteiligte, sind lange vorbei.
Capuccino mit Goldpuder - 24 Karat
Der Hobbyzocker hat deswegen auch keine großen Ansprüche. Die vielen Niederlagen haben ihn abgehärtet. Er will seinen Capuccino nicht mit Goldpuder (24 Karat) trinken, wie er in dem einen oder anderen Luxushotel in Dubai für 30 Euro die Tasse gereicht wird – nicht, weil er sich nicht leisten könnte, sondern weil er den Betrag natürlich sofort umrechnet in mögliche Buy-Ins für Pokerturniere oder Sportwetten auf die Lakers, Baltimore Ravens oder Mannschaften wie Gladbach, die einen guten Lauf haben. Er hofft, dass dieser gute Lauf auf ihn überspringen könnte. Was er weit seltener tut, als er es statistisch sollte und unseren Hobbyzocker in gelegentliche Sinnkrisen stürzt (siehe oben).Das ewige Auf und Ab seiner Bankroll lässt ihn zweifeln, ob seine Zeit die Anstrengungen wert ist, die er damit verbringt, sich Informationen zu beschaffen, Ligen und Spiele zu verfolgen, dabei sein Pokerspiel zu verbessern und dann auch noch noch einer geregelten Tätigkeit nachzugehen. Er tröstet sich damit, dass es immerhin weniger schmerzlich ist, als sich mit vielen anderen Dingen zu beschäftigen.
Zocken und Poker als Zeitvertreib: Der ultimative Nervenkitzel des Pokerspielers bestünde wahrscheinlich darin, um Lebenszeit zu spielen. Da unsere Zeit abläuft, wäre der Gewinn einer Hand gleichbedeutend mit dem Gewinn zusätzlicher Lebenszeit. In dem Film „In Time“ von Andrew Niccol gibt es eine solche Szene. Zeit ist Geld, diese Wendung nimmt der Film wörtlich. Zeit ist das allgemeingültige Tauschmittel. Mit 25 Jahren altert man nicht mehr, aber jeder Mensch hat nur noch ein Jahr zu leben. Deine Uhr läuft ab. Wie viel Zeit dir bleibt, kannst du auf deinem Unterarm jederzeit lesen. Springt die Uhr auf null, stirbst du. Du kannst deine Lebenszeit durch Arbeit, durch Geschäfte, auch durch Glückspiel verlängern.
Justin Timberlake spielt Will Salas, der in einem Ghetto lebt, in dem sich die meisten von Tag zu Tag retten. Ihr Zeitkonto besteht meist nur aus wenigen Tagen und Stunden. Aber auch in dieser Welt gibt es eine Klasse der Reichen, die Zeit akkumuliert haben. Einer von ihnen ist des Lebens müde und vermacht Will Salas ein Jahrhundert, das er angesammelt hat. Es ist für Salas das Ticket, um dem Ghetto zu entfliehen. Der Film kippt nach gutem Anfang etwas und wird im zweiten Teil zu einer Art Bond-Verschnitt, in der Salas sein Glück in der Welt der Reichen versucht und alles bis auf ein paar Sekunden setzt:
Will Salas gewinnt dieses Spiel, wird aber wenig später der gewonnenen Zeit schon wieder vom herrschenden System beraubt, was aus ihm einen Revoluzzer macht. You win some, you lose some. Kein großer Film, aber kurzweilig. Wie das Zocken. Keine große Kunst, aber meistens nicht langweilig. Deshalb nennen wir es Fun. Und deshalb werde ich spielen bis ans Ende meiner Tage. Lange lebe Doyle. Und jetzt muss ich los, Leute, mein Geld liegt am heutigen Sonntag auf den Ravens (-7,5), den Packers, den Spurs (-7,5), den Jazz(+10) und Golden State (+5,5). Lasst die Spiele beginnen. Run good everyone!
Pius Heinz: „Der Hoodie ist sehr gefragt“
Im Pokern.com-Interview spricht WSOP-Champion Pius Heinz über das Leben nach dem großen Sieg, seine Anfänge und Vorbilder und die Träume, die er sich am Pokertisch noch erfüllen will. Im echten Leben will er sich nicht verbiegen lassen, und das ist dann fast schon wieder wie am Pokertisch.
Hallo Pius, erst mal herzlichen Glückwunsch zu deinem phänomenalen Erfolg und vielen Dank, dass Du Dir für Pokern.com Zeit nimmst. In der vergangenen Woche bist Du bei der EPT in Prag angetreten. Spielen die anderen Spieler anders gegen einen amtierenden Sieger des WSOP-Main-Events? Legen die es darauf an, Dich zu busten?
(Lacht) Eigentlich nicht. Hatte ich jetzt nicht den Eindruck. Kommt natürlich immer stark darauf an, ob man mehr gegen Amateure oder Profis spielt. Ich glaube, bei Amateuren wäre es durchaus so, bei Profis eher nicht, weil die einfach andere Denkansätze haben, als den Champion zu busten.
Gab es viele Respektbekundungen?
Ja, schon. Es kommen viele Leute an, die einem gratulieren, Leute, die das eine oder andere Foto machen wollen. Darüber freue ich mich immer. Das ist alles ganz cool. Respektbekundungen gab es auch teilweise, aber nicht übermäßig viele.
Ich habe heute Deinen Tweet gelesen, dass Du viele Termine hattest. Wie lebt es sich als Pokerweltmeister und Posterboy des deutschen Poker?
Man kommt unheimlich viel rum in der Welt und lernt viele interessante Leute kennen, die ich sonst wohl kaum getroffen hätte. Um ein paar Beispiele zu nennen, da wären dann Günter Jauch, Stefan Raab und Boris Becker. Das waren die drei coolsten Leute, die ich getroffen habe, und die drei größten Ikonen der deutschen Medienlandschaft. Das macht schon Spaß, die kennenzulernen und auch mal das eine oder andere Wort privat zu wechseln.
Hat die Angelegenheit auch eine Schattenseite?
Die Schattenseite ist, dass man mehr Pflichten hat als vorher und mehr zu tun hat. Wenn man ein so junger Typ wie ich ist, der das überhaupt nicht gewohnt war, ist das eine große Umgewöhnung, dass man plötzlich im öffentlichen Interesse steht.
Aber Du hast doch bestimmt eine schnelle Lernkurve.
(Lacht) Ich hoffe doch.
Eine Frage aus dem Pokern.com-Forum: Stehen die Frauen jetzt Schlange bei Dir?
(Lacht wieder, diesmal mehrfach) Wie sagt man da noch, glaube ich: Der Gentleman genießt und schweigt.
Gute Antwort. Was wurde eigentlich aus dem weißen Hoodie? Trägst Du ihn noch oder hat er inzwischen einen Ehrenplatz bekommen?
Nein, ich habe ihn sogar gerade an. Jedes Mal, wenn man Medieninterviews macht oder auch wenn Zeitungen vorbeikommen und man halt Fotos machen will, ist der Hoodie sehr gefragt, weil er ein Stück weit auch mein Markenzeichen geworden ist. Deswegen ist seine Einsatzzeit noch nicht ganz vorbei.
Den Traum aller Pokerspieler hast Du bereits mit 22 Jahren erreicht. Gibt es da noch Herausforderungen im Poker für Dich?
Definitiv. Ich finde es wichtig, und das habe ich in der Vergangenheit auch immer gedacht als Außenstehender, dass der Champion des Main Events auch beweist, dass er nicht nur eine Luckbox ist, sondern durchaus auch spielen kann. Deswegen finde ich schon, dass ich noch etwas zu beweisen habe. Ich will beweisen, dass es nicht nur eine einmalige Sache war, sondern dass ich wirklich gut Poker spielen kann. Ich habe ja noch keinen EPT-Finaltisch erreicht und auch keinen EPT-Titel. Und mir den zu holen, das ist schon ein Traum von mir, den ich mir gern erfüllen würde.
Und abseits des Pokertischs?
Mein Fokus liegt zurzeit beim Pokern. Abseits des Pokertischs ist es mir nur wichtig, dass ich mich nicht verbiegen lasse. Ich möchte der Typ bleiben, der ich bin und war. Ich möchte mir das Ganze nicht zu Kopf steigen lassen. Bis jetzt mache ich dabei, glaube ich, einen ganz guten Job.
Wenn Du zurückdenkst an deinen Weg als Pokerspieler, vom Anfänger bis heute - was waren die zwei, drei wichtigsten Erkenntnisse, die Knackpunkte, die Dein Spiel und Dein Denken über Poker verändert haben?
Das ist für mich schwierig, das an ganz konkreten Punkten festzumachen. Für meine Entwicklung war sicher wichtig, dass ich viel über Poker nachgedacht habe, viel mit Freunden über Strategien gesprochen habe. Im Idealfall sind es natürlich Leute, die besser als man selber oder auf dem gleichen Level sind. Bei Diskussionen über Hände kann man einfach unheimlich viel lernen.
Das hast Du über verschiedene Pokerforen gemacht, oder wie ist das bei Dir gelaufen?
So geht’s halt los, dann lernt man halt die Leute kennen und tauscht Skype-Nummern aus und freundet sich an. Dann schickt man zum Beispiel eine Hand, bei der man nicht genau weiß, was man machen soll, und fragt: Was meinst du dazu, was findest du hier besser? Und dann diskutiert man darüber und diese Diskussionen können auch richtig lang werden. Dadurch wird man dann einfach viel besser. In meiner Pokerkarriere war das für mich auf jeden Fall am wichtigsten.
Noch eine Frage zu Deinen Anfängen. Du hast Poker im Fernsehen gesehen und hast dann mit Freunden in einer Runde angefangen. Hattest Du ein Vorbild und hast Du heute noch eins?
Als ich angefangen, fand ich noch die typischen TV-Profis ziemlich cool, also Gus Hansen oder Phil Ivey. Bei Ivey hat sich das nach der „Full Tilt“-Geschichte etwas geändert. Seit den letzten zwei Jahren sind die Pokerspieler, die ich am meisten respektiere, Tom Dwan und Phil Galfond – nicht nur für ihr Pokerspiel an sich, auch dafür, wie sie viele Sachen angehen und wie sie denken und wie sich zu manchen Dingen äußern.
Ivey hält sich ja in letzter Zeit sehr bedeckt in Sachen Full Tilt. Was sagst Du zu dem Crash von Full Tilt?
Das ist absolut nicht meine Baustelle. Ich bin ja auch Member von Team Pokerstars.de. PokerStars hat die ganze Geschichte ja so gut gehandelt, wie man es sich überhaupt nur vorstellen kann. Von daher bin ich stolz, dass ich Mitglied von Team PokerStars bin. Zu der „Full Tilt“-Geschichte kann und will ich nichts sagen, denn so gut kenne ich mich mit der Materie auch nicht aus.
Du bist vor allem ein Turnierspieler. Warum hast Du Dich dafür entschieden?
An Turnieren fand ich faszinierend, dass man mit relativ kleinem Einsatz sehr viel gewinnen kann. Und den Nervenkitzel. Wenn man zum Beispiel bei Turnieren mit 5.000 Leute mitgespielt hat und dann ist man unter den letzten hundert, wo jeder Pot über das Turnierleben entscheiden kann. Dann gibt es auch viele Situationen, in denen man großen Druck auf seine Gegner aufbauen kann, was ja auch ein großer Teil meines Spiels ist. Deswegen fand ich Turniere immer schon interessanter als Cash Game.
In einem Interview hast Du erzählt, dass Du es vor der WSOP im Jahr 2011 nicht ganz so gut lief für Dich und Du einen ordentlichen Downswing erwischt hast. Du hast sogar überlegt, ob Du überhaupt zur World Series fahren willst. Wie gehst Du mit so Phasen um, wo es dann mal nicht so läuft?
Ja, diese Phasen sind halt schwierig, klar. Es ist dann einfach wichtig, dass man versucht, trotzdem seinem Spiel treu zu bleiben und sein Selbstvertrauen nicht zu verlieren. Manchmal gelingt es einem, manchmal halt nicht so gut, aber das ist definitiv sehr wichtig: Nicht aufgeben, denn man weiß ja eigentlich, dass man es kann. Und dann kannst du nur hoffen, dass die Varianz umschwingt. Was auch immer gut ist, ist einfach mal eine Pause von zwei, drei Wochen zu machen. Wenn man einfach merkt, ich spiele momentan nicht gut, es läuft nicht und danach wieder erfrischt an die Tische zurückkehrt.
Noch eine Frage aus dem Forum: Welche Limits hast Du vor der WSOP gespielt?
Ich habe im Prinzip alles gespielt. Die 1K-Turniere habe ich schon mal weggelassen und auch die wöchentlichen Rebuys, sonst habe ich aber alles gespielt.
Was war Dein größter Cash online?
$60.000 beim Sunday Mulligan auf Full Tilt.
Hattest Du vor der WSOP schon Erfahrung bei Live-Turnieren?
Nee, überhaupt nicht. Nur ab und zu mal Cash-Games gespielt in Kasinos in Deutschland und auch in Österreich. Die ersten vier, fünf Turniere habe ich da auch Lehrgeld gezahlt, glaube ich, konnte mich aber dann relativ schnell anpassen.
Wie hast Du Dich angepasst?
Es waren eigentlich relativ banale Sachen. Die Chips richtig zu handeln, nicht nervös zu sein, keine Tells wegzugeben, selber auf Tells zu achten. Dazu kommt, dass Live-Spieler ein bisschen anders spielen. Die raisen, um herauszufinden, wo sie in der Hand stehen, was ein Online-Spieler typischerweise eher nicht macht.
Sprechen wir über ein paar Hände der WSOP. Zunächst die berühmte Hand gegen O’Dea, auch wenn Du schon oft darüber gesprochen hast.
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Du hast lange überlegt, Du hast gesagt, Du hättest mehrfach Deine Meinung geändert. Woher hast Du am Ende den Mut genommen in dieser frühen Phase des Finaltischs?
Wie gesagt, ich habe meine Meinung in der Hand sehr oft geändert. Habe eigentlich überlegt, dass es ein sehr sicker Spot für ihn wäre light zu sein, also zu bluffen, dann habe ich mir gedacht, dass er auf jeden Fall sick genug, das zu tun. Er war der einzige am Tisch gegen den ich All-In gegangen wäre in dem Spot. Am Ende habe ich mir gedacht, ich riskiere es jetzt einfach und habe zum Glück recht gehabt.
Beruhte Deine Einschätzung auf der Analyse vor dem Spiel oder nur von der Entwicklung an diesem Tag?
Es war eine Kombination aus beidem.
Die erste Hand an Tag zwei des Finaltischs war auch bemerkenswert. Ihr hattet kaum Platz genommen, da hatten Ben Lamb und Martin Staszko ihre Chips schon in der Mitte – KJo gegen 77. Was ist Dir da durch den Kopf gegangen?
Ich war eigentlich sehr überrascht, dass es so schnell ging. Ich fand die Hand auch einigermaßen komisch, aber ich war natürlich nicht unglücklich darüber, es war natürlich auch ein Pay Jump für mich. Ich war dann relativ frohen Mutes gegen Martin Heads-Up zu spielen.
Hättest Du anstelle von Ben Lamb den gleichen Move gemacht?
Ich weiß es nicht genau. Ich würde ihn normalerweise immer machen. Ich hätte ihn eventuell in dem Fall nicht gemacht, weil es die erste Hand des Tages war. Und ich glaube einfach, dass die Leute bei der ersten Hand des Tages nicht so oft light sind, wenn sie 3betten in dieser Situation. Die 3bet von Martin finde ich nicht so gut. Ich hätte an seiner Stelle nur in Position gecallt.
Das Heads-Up war eine Achterbahnfahrt. Teilweise lagst Du deutlich hinten, die Karten fielen oft gegen Dich. War eher schwierig, oder? Wie hast Du es geschafft, nicht zu resignieren?
Es war auf jeden Fall schwierig. Ich war zwischendurch auch relativ frustriert, muss ich sagen. Aber ich habe versucht, mich nicht verrückt machen zu lassen und gehofft, dass die Karten wieder in meine Richtung fallen.
In einer Hand, als Du im Chip Count deutlich hinten lagst, hältst du mit Td5d auf einem Board von Jd5h4h das zweite Paar. Du spielst an und Martin check-raist auf über 10 Millionen. Nach etwa einer Minute gehst Du All-In. Hattest Du einen Tell und wie hast Du die Situation in Erinnerung?
Ich hatte zum einen einen Tell. Wenn er mich nicht angeguckt, wenn er eine große Bet machte, dann hatte ich immer das Gefühl, dass er schwächer ist als sonst. Zum anderen kann er den Flop halt sauoft bluff-raisen. Ich habe Second Pair und das ist im Heads-Up relativ stark. Und ich habe den Backdoor-Flushdraw, wenn er vorne liegt, und deswegen habe ich mich dann entschlossen, All-Inn zu gehen.
(Martin Staszko passte, d. Red.)
Pius, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viele Erfolg. Auf dass Du den Main Event back-to- back gewinnst.
Na Leute, habt ihr euch schon einen weißen Hoodie zugelegt, um ihn voller Stolz, als Bekenntnis und als Erkennungszeichen für Eingeweihte durch die graue, deutsche Vorweihnachtszeit zu tragen? Rot ist dieses Jahr out, Weiß ist das neue Rot oder Schwarz oder was auch immer. Lauter Pokermönche in weißer Kutte, überall in Deutschland. So wie sie im Penn & Teller in Las Vegas zu sehen waren, in der Ecke von Pius Heinz.
Okay, ich neige zu Übertreibungen, aber es war ein rührender Moment, als in der letzten Hand am River die Karo Vier fiel und den letzten Rest Hoffnung von Martin Staszko unter sich begrub. Es war aus und vorbei. Der Sieger stand fest. World Series of Pius.
Pius raste in seine Ecke und wurde von einer Horde hysterischer junger Menschen in weißen Kapuzenpullovern umarmt, gedrückt und über den Kopf gestreichelt, mittendrin auch eine junge Frau mit allen Symptomen einer verspäteten Beatlemania. Es war ein Wahnsinn, ein schöner, ein erlösender, und sie hätten ihn fast über die Bande gehoben - den ersten Deutschen, der das größte Pokerturnier der Welt gewinnt.
Doch ein Champion erinnert sich im Augenblick des größten Triumphs immer auch an den Verlierer. Pius Heinz löste sich aus der Menschentraube, ging auf Martin Staszko zu und tauschte ein paar respektvolle Worte mit ihm aus. Das hatte Klasse. Und der Verlierer Martin Staszko trug es mit Fassung. Das alles waren gute Bilder nach einem stundenlangen Menschen, in denen Pius Heinz lange nicht wie der Sieger aussah.
Es schien einfach nicht zu laufen im Heads Up gegen Staszko. Pius lag vorne, dann hinten, erholte sich, lag wieder deutlich hinten, fast im kritischen Bereich, wenn das Spiel sich auf die Entscheidung zwischen Push oder Fold beschränkt. Die Kommentatoren Lon McEachern und Antonio Esfandiari meinten, im Gesicht von Pius Heinz das langsame Einknicken des Siegeswillens beobachten zu können. Es waren schwierige Augenblicke. Aber irgendwie behielt er die Nerven.
Das war nicht bei allen so. Die erste Hand am zweiten Tag des Finaltischs war seltsam. Noch lagen die Worte des Ansagers in der Luft, gerade noch hatte Antonio Esfandiari Ben Lamb gelobt, wie kontrolliert dieser das gesamte Turnier gespielt habe, ja den Tisch und sich selbst zu jeder Zeit im Griff gehabt habe. Doch dann geht Ben Lamb in der ersten Hand mit KJo nach gegen Martin Staszko im Big Blind nach dessen Reraise auf sieben Millionen mit gut 55 Millionen all in. Und der macht den Call mit ein Paar Siebenern. Die erste Hand war leicht verrückt, irgendwie unwirklich, und gar nicht das, was von Ben Lamb zu erwarten war, nämlich die Gegner in den schwierigen Situationen auszuspielen. Stattdessen verlor er in der ersten Hand am zweiten Tag des Finaltischs die Nerven. Aber auch das ist Poker. Ein Favorit, Player of the Year, hat sich für einen Augenblick nicht im Griff und setzt zu leichtfertig alles aufs Spiel, anstatt zu spielen. Soll doch Esfandiari sagen, was er will. Er meinte: „I like his shove!“
Zurück zum Sieger: Vanessa Selbst wunderte sich noch über das glückliche Händchen das PokerStars jedes Jahr beweist, wenn es darum geht, vor dem Main Event Spieler unter Vertrag zu nehmen, die dann das Turnier gewinnen. Boris Becker hat seinem Tweet, dass Pius Heinz den Main Event der World Series of Poker gewonnen hat, drei Ausrufezeichen hinterhergeschickt !!! Er wird wissen warum (http://www.pokern.com/blog/victor-vega/unser-mann-in-vegas.html), schließlich war er der erste Deutsche, der in Wimbledon gewonnen hat. Danach war Tennis ein anderer Sport. Und nach allem, was ich an diesem Abend gesehen habe, ist Pius Heinz eine gute Wahl, wenn es um einen Botschafter für Poker in Deutschland geht. Wir werden sehen, wie die Medien reagieren, in welcher Talkshow Pius zu sehen sein wird, wie er seine Geschichte erzählt.
Schließen wir mit einer Lebensweisheit aus dem Mund eines 22-Jährigen, der soeben die World Series of Poker gewonnen hat: „Verliert nie den Spaß am Spiel und achtet auf eure Bankroll.“ Die ist gut, auch im übertragenen Sinn.
Er ist der Stolz der deutschen Zockergemeinde, denn er sitzt an diesem Wochenende am Finaltisch des WSOP-Main Events. Sein Name ist Pius Heinz, er ist unser Mann in Las Vegas. Kaum auszumalen, was ein Erfolg des 22-Jährigen für das deutsche Poker bedeuten könnte. Sein Sieg beim Main Event könnte eigentlich nur mit dem Sieg des jungen Boris Becker 1985 in Wimbledon verglichen werden.
Damals siegte Becker als ungesetzter und jüngster Spieler aller Zeiten und er war der erste Deutsche, der das bedeutendste Tennisturnier der Welt gewann. Er löste damit nicht nur Begeisterung für das Spiel aus, sein Sieg veränderte peu à peu auch das Image des Tennissports, das bis dahin das Spiel der Kinder aus besserem Haus war, irgendwie elitär und borniert.
Poker kommt eher wie ein Gossenjunge daher, das Kind einer dysfunktionalen Familie, das die eigene Großmutter check-raist, die Schwester beschummelt und, wenn wir die Pokerskandale des Jahres 2011 im Hinterkopf haben, das Konto der eigenen Eltern leer räumt und mit der Beute die große Flatter macht.
Ich kenne keine aktuellen Umfragen, und ich weiß auch nicht, ob es überhaupt eine gibt, aber ich würde darauf wetten, dass die Mehrheit der Deutschen Poker und das Spielen um Geld für ein gefährliches Laster hält – ein Laster, das der Persönlichkeitsentwicklung eher schadet als weiterhilft. Pokerspieler sehen das selbstverständlich differenzierter. So auch der gute Pius Heinz, und deswegen ist er unser Mann in Vegas.
Pius Heinz ist fast schon zu perfekt für diese Rolle. Er ist selbstbewusst, dabei bescheiden und scheint mit beiden Beinen auf den Boden zu bleiben. Dass er den Finaltisch erreicht habe, verdanke er zu 80 Prozent dem Glück und nur 20 Prozent Können. Über seine Gegner sagt er, es seien ein paar richtige Cracks dabei, aber der Schlechteste werde er mit Sicherheit nicht sein. In Interviews fasst er sich in der Regel kurz, kein falscher Ton ist dabei, Pius Heinz ist kein Angeber. Er würde sich nie Geld leihen, um einem Pokerturnier teilzunehmen: „Das ist ja nicht Sinn der Sache!“(http://www.einslive.de/magazin/interviews/2011/10/pokerstar_pius_heinz.jsp).
Er ist kein Gossenjunge, sogar seine Eltern vertrauen ihm. Sollte er gewinnen, würde er viel Geld in Aktien anlegen (http://www.bild.de/regional/koeln/poker/koelner-student-pokert-um-fast-6-mio-euro-19186844.bild.html) und seit er sich unter die Fittiche von Johannes Strassmann begeben hat, haben wir den Verdacht, dass er auf Fruchtsaft steht. Pius Heinz ist wie der nette Student der Wirtschaftspsychologie von nebenan, und das war er ja zumindest auch mal. Pius Heinz hat mit 22 Jahren das Image des völlig Unverdorbenen, ist am Pokertisch aber nervenstark wie ein alter Hase, was seine Lieblingshand des bisherigen Main Events belegt – eine Preflop-Schlacht mit A9o (http://bit.ly/tZ92bw).
Was uns zurück zu „Bumm-Bumm-Becker“ bringt. Auch Becker war furchtlos, ein „Löwenherz“ sprach ihm der Reporter zu (http://bit.ly/bszyMV). Becker gewann als Ungesetzter, Pius Heinz hatte vor dem Main Event auch keiner auf dem Zettel. Vor fünf Jahren, so erzählt er, habe er am Küchentisch angefangen zu pokern – gut, wer die Geschichte glaubt. Und vor drei Jahren habe er 250 Euro online eingezahlt und sich nach oben gearbeitet (http://bcove.me/fc2ldx90). Sein Englisch ist definitiv besser als das des jungen Becker. Der jüngste Main Event-Sieger kann Pius Heinz mit 22 Jahren zwar nicht mehr werden, aber der erste Deutsche. Wie gesagt, Pius Heinz ist unser Mann in Vegas. Mit etwas Glück kann er das neue Aushängeschild des deutschen Poker werden und das Ansehen von Poker in Deutschland für immer verändern – nämlich als Spiel, das nicht von rücksichtslosen Spielsüchtigen, sondern von Könnern gespielt wird.
„Sein Körper explodierte einfach wie ein mit Fleisch gefüllter Ballon.“ So berichtet Rose, Charly Harpers Stalkerin aus der Serie „Two and a half man“, vom wenig glamourösen Abgang des saufenden Schürzenjägers. Charly nahm das Leben leicht und kam meistens damit durch. Er verdiente sein Geld fast im Schlaf mit dem Schreiben von Werbejingles. Den größeren Teil davon verprasste er mit Frauen, Sportwetten und Ausflügen nach Vegas. Seine Philosophie war einfach: „Wenn du verlierst, dann musst du einfach höher setzen, um den Verlust wieder reinzuholen. Sonst stehen eines Tages Männer mit Hackfressen vor deiner Tür, die dein Bookie geschickt hat. Und dann hast du ein Problem!“Ich kann mich noch gut an die Wochen danach erinnern, als ich mich fragte, ob ich mein Geld wiedersehen würde. Es wäre das zweite Mal gewesen, dass ein Pokerraum einen Teil meiner Bankroll mit ins Nirvana genommen hätte. Ein Freund versuchte mich zu beschwichtigen. Ich wunderte mich überhaupt, über die überall zur Schau gestellte Gelassenheit, oder sagen wir den Mangel an Vorstellungsvermögen, dass Full Tilt vielleicht nicht so geführt worden war, wie man es sich gewünscht hätte. Der Freund wollte jedenfalls nicht glauben, dass Full Tilt sich ein derart gutes Geschäft vermiesen würde, indem man zum Beispiel die Spieler nicht auszahle. Er glaubte das noch, als PokerStars längst seine Spieler ausbezahlt hatte.
Es klingelt ...
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