pius_2011-11-02Er ist der Stolz der deutschen Zockergemeinde, denn er sitzt an diesem Wochenende am Finaltisch des WSOP-Main Events. Sein Name ist Pius Heinz, er ist unser Mann in Las Vegas. Kaum auszumalen, was ein Erfolg des 22-Jährigen für das deutsche Poker bedeuten könnte. Sein Sieg beim Main Event könnte eigentlich nur mit dem Sieg des jungen Boris Becker 1985 in Wimbledon verglichen werden.

Damals siegte Becker als ungesetzter und jüngster Spieler aller Zeiten und er war der erste Deutsche, der das bedeutendste Tennisturnier der Welt gewann. Er löste damit nicht nur Begeisterung für das Spiel aus, sein Sieg veränderte peu à peu auch das Image des Tennissports, das bis dahin das Spiel der Kinder aus besserem Haus war, irgendwie elitär und borniert.

Poker kommt eher wie ein Gossenjunge daher, das Kind einer dysfunktionalen Familie, das die eigene Großmutter check-raist, die Schwester beschummelt und, wenn wir die Pokerskandale des Jahres 2011 im Hinterkopf haben, das Konto der eigenen Eltern leer räumt und mit der Beute die große Flatter macht.

Ich kenne keine aktuellen Umfragen, und ich weiß auch nicht, ob es überhaupt eine gibt, aber ich würde darauf wetten, dass die Mehrheit der Deutschen Poker und das Spielen um Geld für ein gefährliches Laster hält – ein Laster, das der Persönlichkeitsentwicklung eher schadet als weiterhilft. Pokerspieler sehen das selbstverständlich differenzierter. So auch der gute Pius Heinz, und deswegen ist er unser Mann in Vegas.

Pius Heinz ist fast schon zu perfekt für diese Rolle. Er ist selbstbewusst, dabei bescheiden und scheint mit beiden Beinen auf den Boden zu bleiben. Dass er den Finaltisch erreicht habe, verdanke er zu 80 Prozent dem Glück und nur 20 Prozent Können. Über seine Gegner sagt er, es seien ein paar richtige Cracks dabei, aber der Schlechteste werde er mit Sicherheit nicht sein. In Interviews fasst er sich in der Regel kurz, kein falscher Ton ist dabei, Pius Heinz ist kein Angeber. Er würde sich nie Geld leihen, um einem Pokerturnier teilzunehmen: „Das ist ja nicht Sinn der Sache!“(http://www.einslive.de/magazin/interviews/2011/10/pokerstar_pius_heinz.jsp).

Er ist kein Gossenjunge, sogar seine Eltern vertrauen ihm. Sollte er gewinnen, würde er viel Geld in Aktien anlegen (http://www.bild.de/regional/koeln/poker/koelner-student-pokert-um-fast-6-mio-euro-19186844.bild.html) und seit er sich unter die Fittiche von Johannes Strassmann begeben hat, haben wir den Verdacht, dass er auf Fruchtsaft steht. Pius Heinz ist wie der nette Student der Wirtschaftspsychologie von nebenan, und das war er ja zumindest auch mal. Pius Heinz hat mit 22 Jahren das Image des völlig Unverdorbenen, ist am Pokertisch aber nervenstark wie ein alter Hase, was seine Lieblingshand des bisherigen Main Events belegt – eine Preflop-Schlacht mit A9o (http://bit.ly/tZ92bw).

Was uns zurück zu „Bumm-Bumm-Becker“ bringt. Auch Becker war furchtlos, ein „Löwenherz“ sprach ihm der Reporter zu (http://bit.ly/bszyMV). Becker gewann als Ungesetzter, Pius Heinz hatte vor dem Main Event auch keiner auf dem Zettel. Vor fünf Jahren, so erzählt er, habe er am Küchentisch angefangen zu pokern – gut, wer die Geschichte glaubt. Und vor drei Jahren habe er 250 Euro online eingezahlt und sich nach oben gearbeitet (http://bcove.me/fc2ldx90). Sein Englisch ist definitiv besser als das des jungen Becker. Der jüngste Main Event-Sieger kann Pius Heinz mit 22 Jahren zwar nicht mehr werden, aber der erste Deutsche. Wie gesagt, Pius Heinz ist unser Mann in Vegas. Mit etwas Glück kann er das neue Aushängeschild des deutschen Poker werden und das Ansehen von Poker in Deutschland für immer verändern – nämlich als Spiel, das nicht von rücksichtslosen Spielsüchtigen, sondern von Könnern gespielt wird.