poker-gunFrüher einmal galt Poker als das Spiel der großen und kleinen Gauner, die aus der Spiellust und der Gutgläubigkeit der Gelegenheitsspieler Kapital zu schlagen versuchten. Wenn es ums Spiel ging, war der Betrug, so will es die Legende, an der Tagesordnung. Und zu Zeiten von Wild Bill Hickock flogen sogar die Kugeln.

 

Das Spiel zog genug Charaktere an, die das bürgerliche Leben fürchteten wie der Teufel das Weihwasser und sich deshalb auf etwas waghalsigere Karrieren einließen, auf eine Existenz als Spieler. Der Spieler kannte keinen steten Lebenswandel, der Spieler fühlte sich frei und war es vielleicht auch, er war unterwegs, immer auf der Suche nach dem richtigen, dem guten Spiel. Der Spieler galt aber auch als Grenzgänger, als Hasardeur, als Gegenteil des guten Bürgers. Doyle Brunson berichtete von einer Begegnung mit einem ehemaligen Schulkameraden, der ostentativ die Straßenseite wechselte, als er sah, dass Brunson ihm entgegen kam.

 

In dem Spielfilm „How the West Was Won“ von 1962 bezeichnet eine Szene das Verhältnis zwischen Spieler und gutem Bürger. Gregory Peck spielt den smarten Zocker Cleve van Valen, der sich einem Treck nach Westen anschließen will, aber zurückgewiesen wird. „Wenn ein Wagenrad bricht“, begründet der Treckführer seine Entscheidung, „dann will ich Männer haben, die ein Rad reparieren können, und keine, die darauf wetten, wie lange es dauert.“ Pokerspieler wetten auch heute auf so ziemlich alles, aber sie wirken im Vergleich zu Börsenspekulanten fast wie brave Mitglieder der Gesellschaft, mit Starpotenzial noch dazu. Ein Pokerspieler wird nicht mehr unbedingt als schlecht angesehen, zumindest nicht mehr von allen.

 

Tarnen und Tricksen gehört dennoch zu seinem Geschäft. Der Spieler ist in den meisten Fällen ein Individualist, der auf seinen Vorteil bedacht ist und ihn in jeder Situation suchen muss. In dem Film „The Hustler“ von 1961 spielt Paul Newman Fast Eddie Felson, einen Poolprofi, der von Stadt zu Stadt zieht und seine Opfer zunächst anfüttert. In der Anfangszene des Films besucht er  mit seinem Partner eine Kneipe und spielt. Fast Eddie mimt den Betrunkenen, dem ein Kunstschuss gelingt. Sein Partner erklärt für alle Anwesenden hörbar: Ein Sonntagsschuss, reines Glück, unmöglich zu wiederholen. Sie fangen an zu wetten, was die Aufmerksamkeit aller erregt, und natürlich gelingt Eddie der Schuss nicht ein weiteres Mal. Es sieht so aus, als wisse Eddie nicht, was er tue, zu betrunken und zu sehr von sich selbst besoffen. Nun wollen andere gegen ihn wetten, und Eddie wird immer verlieren, bis die Einsätze schließlich hoch genug sind. Eddie nutzt sein Image aus. Und das ist ein Konzept, mit dem die meisten Pokerspieler vertraut sind.

 

Sie nennen es Skill oder Geschick. Es ist Teil des Spiels. Etwas anders verhält es sich mit dem so genannten „Angle Shooting“. Das sind die fiesen, kleinen Tricks, die sich an der Grenze des Erlaubten bewegten. Spieler, die zum Beispiel die Stärke ihrer Hand am River falsch ansagen und dich damit zum Passen bewegen wollen. Sie sagen Flush, du passt und sie zeigen dir Ass hoch. Das Antäuschen eines Einsatzes fällt ebenso darunter. Diskussionen gab es kürzlich um eine Hand, die Prahlad Friedman in diesem Jahr im Main Event der WSOP gespielt hat. Sein Gegenspieler, der während der Hand auch gerne mal bellte, hatte nach der Uhr verlangt. Friedman machte den Call Zehntelsekunden, bevor die Uhr abgelaufen war, und war offenbar geschlagen. Doch der Floorman erklärte die Hand für tot und rettete Friedman dadurch vor dem Turnier-Aus. Glück für ihn, aber meiner Meinung nach kein Angle Shooting, was ihm so mancherorts vorgeworfen worden war

http://www.youtube.com/watch?v=nlteCKvv9sY#t=8m42s

 

Nicht ganz die feine Art ist es, wenn Profis in Las Vegas oder anderswo an einem Tisch sitzen und gemeinsame Kassen machen, während der gutgläubige Tourist noch glaubt, er spiele gegen jeden von ihnen allein und dabei doch gegen alle gleichzeitig antritt. Auch online hat es solche Arbeitsgemeinschaften schon gegeben. Was nicht heißt, dass ein Online-Spieler an jeder Ecke den Betrug fürchten muss. Die meisten Pokerräume versuchen Spieler, so gut es geht, zu schützen. Nur, wo Geld im Spiel ist, gibt es auch Betrüger. Manchmal geht es nur um einen kleinen Vorteil, dann wieder um das gnadenlose Abzocken. Die Bande von Russ Hamilton, der Mann hinter dem Ultimate Bet-Skandal, spielte und konnte dabei die Hole Cards ihrer Gegner sehen. Ihre Gier war so groß, dass sie durch ihre zum Teil wahnwitzige Spielweise und die außerordentliche Höhe ihrer Gewinne auffielen. Sie folgten nicht den Ratschlägen, die David Sklansky allen künftigen Superusern in seiner typischen Art vor gut einem Monat gab, frei nach dem Motto, wenn ihr schon bescheißt, seid wenigstens nicht dämlich (http://forumserver.twoplustwo.com/29/news-views-gossip/catching-superusers-847916/).

Solche Horrorgeschichten beschädigen das Ansehen des Spiels. Ganz ausbleiben werden sie wohl auch in Zukunft nicht. Es besteht aber die Hoffnung, dass die meisten Betrüger irgendwann auffliegen und ihre Opfer vom Pokerraum entschädigt werden. Das zumindest war der Fall, als auf PokerStars in diesem Jahr ein Bot-Ring (http://www.examiner.com/online-poker-in-national/online-poker-scandal-poker-bots-caught-after-winning-58k-at-pokerstars) aufflog. Ebenso wie eine Truppe Chinesen, die sich bei Sit-and-Gos absprachen und dadurch fast eine halbe Million erbeuteten (http://www.pokernewsdaily.com/pokerstars-responds-to-chinese-collusion-ring-scandal-14892/). Diese Geschichte war auch der Aufhänger für einen BBC-Recherche, die im September gesendet wurde. Darin ist unter anderem zu erfahren, wie PokerStars versucht, den Betrügern auf die Schliche zu kommen. Es gibt offenbar automatische Systeme, die das Spiel überwachen und bei Unregelmäßigkeiten Alarm schlagen. Über 70 Prozent der Untersuchungen gehen auf Hinweise von Spielern zurück. In Zeiten des Pokerbooms soll es mitunter so viele Beschwerden gegeben haben, dass die Mitarbeiter sich schwer getan haben, diese abzuarbeiten.

 

Dann wäre da noch das Multi-Accounting, dessen sich schon eine ganze Reihe von Pros schuldig gemacht haben (http://www.fuckonlinepoker.com/cheaters.html).  Einige wurden bestraft, andere nicht, manche kostete es ihren Ruf, andere erstmal ihren Job als Coach wie zum Beispiel Nick „stoxtrader“ Grudzien, der außerdem seine Anteile an „stoxpoker“ verkaufen musste (http://www.examiner.com/online-poker-in-national/nick-grudzien-resigns-from-stox-poker-for-multi-accounting). Stoxpoker ist heute unter dem Dach von Cardrunners zu finden. Angeblich wusste CR-Chef Taylor Caby vom Multi-Accounting von Nick Grudzien, unternahm aber nichts. Dabei ist Multi-Accounting nicht gerade ein Kavaliersdelikt, auch und gerade weil der tatsächlich entstandene Schaden nicht leicht nachzuweisen ist. Beliebt ist es aber immer noch, mit mehreren Accounts ein- und dasselbe Turnier zu spielen und sich dadurch gegenüber anderen Spieler einen großen Vorteil zu verschaffen. Unterwegs sind gegenwärtig offenbar Pokerfluffer (http://www.thinkingpoker.net/2010/08/poker-fluffer/). Sie lassen sich von einem sehr guten Spieler bei lukrativen Turnieren staken. Schaffen Sie es tatsächlich weit ins Turnier, übernimmt der bessere Spieler ihren Account über einen Dienst wie GoToMyPC und verschafft sich damit sehr gute Aussichten auf einen Turniererfolg. Die Gefahr aufzufliegen, ist relativ gering. Ob, wie oft und wie organisiert das tatsächlich praktiziert wird, ist nicht bekannt. Die Sache hat außerdem einen kleinen Haken. Der Spieler, unter dessen Account gespielt wurde, könnte das Geld einfach einsacken. Doch solange wir nicht mehr wissen, bleibt uns die Hoffnung, dass die Mehrheit der Pokerspieler heute edel, hilfreich und gut ist.

 

Victor Vega