„You’ve got to play the player, not the cards.“ – Doyle Brunson

Full Tilt hat in letzter Zeit für Furore gesorgt – mit Rush Poker, so eine Art Blitzpoker, bei der du jede Hand an einem neuen Tisch mit anderen Spielern sitzt. Es gibt einen Quick Fold-Button. Gefällt dir deine Hand nicht, passt du und schon wirst du am nächsten Tisch platziert. Damit entfällt, was mancher vielleicht als unnötigen Ballast empfindet, nämlich sich tiefschürfend über die Spielweise seines Gegners Gedanken machen zu müssen. Denn es ist eher die Ausnahme, dass du in einer Session mehrmals mit dem gleichen Spieler in eine Hand verwickelt bist.

Howard Lederer sagte, Rush Poker sei ein guter Weg für Anfänger das Spiel zu erlernen. Über diesen Satz aus dem Munde des Pokerprofessors habe ich mich anfangs gewundert, entspricht Rush Poker so gar nicht der abwägenden Art von Lederer.  Ganz sicher bin ich mir nicht, ob dieser Satz ursprünglich nicht aus dem Skript der Marketingexperten stammt und Lederer in den Mund gelegt wurde. Schließlich gewinnt die Aussage an Glaubwürdigkeit, wenn der Pokerprofessor ihn sagt. Was also lernt der Anfänger durch Rush Poker? Es vermittelt wahrscheinlich ein gutes Gefühl für Position und die relative Stärke einer Hand in der jeweiligen Position, was eines der Schlüsselkonzepte des Poker ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es dafür Rush Poker gebraucht hätte, aber das ist noch lange kein Grund Rush Poker zu verteufeln. Rush Poker macht durchaus Spaß, und es machen sich bereits jede Menge Leute Gedanken darüber, was eine erfolgreiche Strategie für Rush Poker sein könnte – Position spielen, 3-Betting aus Position heraus mit einer relativ weiten Range, das dürfte zunächst einmal erfolgreich sein, zumindest oft genug.

 

Das will ich hier nicht vertiefen. Rush Poker hat mich eher auf etwas aufmerksam gemacht, was mir gelegentlich unterläuft, wenn ich multitable. Ich schalte auf Autopilot. Angeblich multitabeln wir, damit unsere Gewinnrate höher ist. Natürlich spielen wir auch gern, also warum nicht noch ein bisschen mehr davon, manchmal mehr als gut für unser Spiel ist. Warum nur drei oder vier Tische, wenn du auch acht, zwölf oder noch mehr Tische spielen kannst. Bei  Hardcore-Grindern wie Ryan Daut oder Elky wird mir schon beim Zusehen schwindlig, obwohl es zugegeben ziemlich beeindruckend ist. Bei Elky sieht es immer noch relativ entspannt aus: Er nimmt nicht mal die Sonnenbrille ab und bewegt den Kopf wie eine Eule.

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Im Sinne der Anklage aber bekenne ich mich schuldig. Ich spiele mehr Tische als gut für mein Spiel ist. Manchmal nehme ich mir vor, nur vier Tische gleichzeitig zu spielen, eine halbe Stunde später stelle ich fest, dass ich doch wieder an sieben oder acht sitze. Aus Neugier, könnte sich ja lohnen, vielleicht treffe ich an Tisch sieben oder acht den schönsten Fisch. Also, Gründe finden sich immer, und wenn sich keine finden, dann erfinde ich welche – na ja, ihr wisst schon, was ich meine.

Jedenfalls sind acht Tische für mich schon fast wie Rush Poker. Es fällt mir schwer, Reads zu entwickeln, ich denke nur schlampig darüber nach, wie mein Gegner da jetzt eigentlich spielt und verlasse mich viel zu oft auf die Statistiken von Poker Tracker anstatt auf meine Beobachtung –manchmal verpasse ich es einfach, wie eine Hand gespielt wurde, weil ich schon wieder mit einem anderen Tisch beschäftigt bin. Und nach einer Weile fällt mir auf, dass ich auf Autopilot spiele, ein Effekt, der sich bei mir nach einer Stunde Rush Poker auch einstellte. Mein Nachdenken über Spielsituationen hat sich verkürzt und richtig Spaß macht das gerade dann nicht, wenn es mir auffällt. Und es fällt mir auf, wenn ich genau die Informationen brauche, die ich vorher nur unzureichend gesammelt habe.

 

Natürlich weiß ich, warum ich diesen Weg gehe. Ich will Action, spielen, aber ich bin in diesen Momenten denkfaul, ich lasse mich einlullen vom Lauf der Karten, vom gleichmäßigen Klicken, ich spiele Poker wie ich Auto fahre, da brauchst du über das Schalten auch nicht nachzudenken. Das bringt dich aber auch um die guten Gefühle, die das Spiel hergibt, nämlich so tief in einer Spielsituation zu sein, dass du einfach genau weißt, wie dein Gegner spielt, sein Handspektrum relativ klar ist, sein Spiel auf dem Flop vorhersehbar, und du genau weißt, was nun zu tun ist. Du hast ein akkurates Bild von den Spielern an deinem Tisch, und auch von denen die dir falsche Bilder anbieten. Und wenn du dann gegen jeden dieser Spieler richtig spielst und nicht nur deine Karten, dann macht zumindest mir das Spiel einfach mehr Spaß.

Victor Vega