weel-of-madnessSeitenwetten gelten im Jargon der Pokerspieler mitunter als „Leak“, als undichte Stelle, durch die das an den Pokertischen erspielte Geld schnell wieder versickert. Besonders anfällig dafür ist der Spielertyp des „degenerierten“ Zockers. Er ist kein kontrollierter Typ wie zum Beispiel Mike Sexton, der nur spielt, um sich und seiner Familie ein besseres Leben zu verschaffen, er ist eher ein Typ wie die Pokerlegende Stu Ungar: „Wenn ich nicht schlafe oder esse, dann zocke ich.“ Er kann nicht anders. Doyle Brunson hat mal über sich und seinesgleichen gesagt: „Wir sind alle degenerierte Spieler, insbesondere die, die dumm genug sind, ihre Pokergewinne bei anderen Wetten zu verzocken.“

 

Brunson war in Sachen Seitenwetten kein Kind von Traurigkeit, aber im fortgeschrittenen Alter hält er sich angeblich zurück. Eher harmlos war das Gehhilfen-Rennen gegen Amarillo Slim, das er im Rio bei der WSOP 2009 veranstaltete, anstatt Rollatoren waren Scooter im Einsatz. Amarillo Slim gewann, es ging um 2.000 Dollar. Slim hatte am Tag zuvor, verschiedene Scooter auf ihre Geschwindigkeit getestet. Besser so wenig wie möglich dem Zufall überlassen.

 

Eigentlich hatte ich bei meiner Recherche erwartet, auf wer weiß was für abgedrehte Nummern zu stoßen, aber ich bin nur auf eine ziemlich kranke Sache gestoßen. Als die Wette zustand kam, waren die beiden Beteiligten angeblich betrunken, alle anderen Wetten scheinen so nüchtern kalkuliert, dass sie nur ein ziemlich ernstes Geschäft sein können.

 

Ok, Esfandiari hat gewettet, dass Laak beim Weltrekordversuch im Dauerpoker die 100-Stunden-Marke knackt, aber vielleicht wusste er mehr als wir. Wenn vor einem Pferderennen ein Gaul eine ganze Ladung Aufputschmittel im Futter hatte, dann scheint der Sieg schon etwas wahrscheinlicher. Andy Bloch hätte von Howard Lederer 25.000 Dollar bekommen, wenn er in 90 Minuten 24 kleine Küchlein gegessen hätte. Aber er gab schon nach der lächerlichen Zahl von sechs Cupcakes auf und spielte das $5.000 Shootout Turnier weiter. Er braucht das Geld einfach nicht dringend genug. Oder ist einfach keiner dieser degenerierten Zocker, die wir suchen.

 

Justin Bonomo hat auf seine Nachbarn gesetzt, die Bewohner der Luxusherberge Panorama Tower in Las Vegas. Zumindest einer von ihnen sollte in diesem Jahr ein Armband bei der WSOP gewinnen, Quote 10:1. Die Liste der Poker spielenden Bewohner ist ziemlich beeindruckend, 68 Namen insgesamt (http://forumserver.twoplustwo.com/61/mtt-community/2010-wsop-prop-bet-thread-782205-post19178328/?highlight=#post19178328). Darauf zu finden sind zum Beispiel Phil Laak, Antonio Esfandiari, Barry Greenstein, Joe Sebok, David Williams, Scott Seiver, Justin Bonomo, Michael Binger, John van Fleet, Shaun Deeb, Liv Boeree, Noah Boeken, Lex Veldhuis, Evelyn Ng, Jimmy Fricke undsoweiter. Keine schlechte Mannschaft, zu dieser Quote lässt sich von dieser Wette nur abraten. Bereits nach 19 der 57 Turniere hatte Bonomo gewonnen – dank David „Bakes“ Baker, der sich das Armband beim $10.000 2-7 Draw Lowball Turnier sicherte. Im Jahr zuvor war die Quote übrigens noch schlechter, 7:1, aber auch da gewann Bonomo. Bonomo ist einfach nicht der Typ, der Geld verschenkt. Wer sich noch daran erinnert: Einen Teil seiner Bankroll erspielte er sich über Multi-Accounting bei Online-Turnieren und kam ziemlich glimpflich davon, als er 2006 aufflog (http://www.pokerplayernewspaper.com/node/6548).

 

Dann wäre da noch Tom Dwan und sein Versuch in diesem Jahr ein Armband zu gewinnen. Wenn er es schafft, das hat durrrr durchblicken lassen, wäre es der größte Zahltag seiner Karriere. Und, ach ja, Rafe Furst wird an Tag 1 des Main Events in Frauenkleidern spielen, weil er eine Seitenwette um was auch immer gegen Joe Sebok verloren hat.

 

Nun endlich zu den beiden Betrunkenen, Mike Matusow und Ted Forrest. Ihre Wette geht so: Wenn Forrest bis zum 15. Juli 22 Kilo abnimmt, bekommt er von Matusow 2 Millionen Dollar. Schafft Forrest es bis zum 15. September, bekäme er immerhin noch eine Million Dollar. Scheitert er, muss er $150.000 an Matusow berappen(http://www.fulltiltpoker.com/poker-blog/2010/06/night-with-ted-forrest-part-ii-mike-matusow-is-the-voice-of-reason-1038-2010-wsop-19.php). Das ist wahrscheinlich, denn Forrest darf weder Drogen einsetzen noch sich überflüssige Pfunde wegoperieren lassen. Außerdem spielt er Turniere der WSOP bis Mitte Juli, sitzt also den lieben langen Tag. Als er die Wette Anfang Mai abschloss, wog Forrest gut 85 Kilo (http://www.cardplayer.com/poker-news/9249-ted-forrest-and-mike-matusow-weigh-in-on-world-series-of-poker-prop-bet). Zu High-School-Zeiten will Ted Forrest zum letzten Mal 63 Kilo gewogen haben, was schon eine Weile her ist, Forrest ist heute ein properer Mittvierziger. Matusow ist deswegen sicher, dass er gewinnt. Er hält es für wahrscheinlicher, dass Forrest tot umfällt, lange bevor er das Zielgewicht erreicht. Aber das hofft natürlich selbst Matusow nicht.

 

Das ist das Ende meiner Recherche. Ziemlich lahm eigentlich, wenn man sich überlegt, dass Pokerspieler als so wilde Zocker gelten und in Zeiten der WSOP jeder Schwachsinn mit Medienaufmerksamkeit belohnt würde. Also vielleicht ist das lahme Ergebnis gar nicht so lahm oder langweilig, sondern einfach nur ein Zeichen, dass der Anteil der Wahninnigen unter Pokerspielern auch nicht größer ist als im Rest der Bevölkerung.

 

Victor Vega