pius_2011-11-02Pius Heinz: „Der Hoodie ist sehr gefragt“

Im Pokern.com-Interview spricht WSOP-Champion Pius Heinz über das Leben nach dem großen Sieg, seine Anfänge und Vorbilder und die Träume, die er sich am Pokertisch noch erfüllen will. Im echten Leben will er sich nicht verbiegen lassen, und das ist dann fast schon wieder wie am Pokertisch.

Hallo Pius, erst mal herzlichen Glückwunsch zu deinem phänomenalen Erfolg und vielen Dank, dass Du Dir für Pokern.com Zeit nimmst. In der vergangenen Woche bist Du bei der EPT in Prag angetreten. Spielen die anderen Spieler anders gegen einen amtierenden Sieger des WSOP-Main-Events? Legen die es darauf an, Dich zu busten?
(Lacht) Eigentlich nicht. Hatte ich jetzt nicht den Eindruck. Kommt natürlich immer stark darauf an, ob man mehr gegen Amateure oder Profis spielt. Ich glaube, bei Amateuren wäre es durchaus so, bei Profis eher nicht, weil die einfach andere Denkansätze haben, als den Champion zu busten.

Gab es viele Respektbekundungen?
Ja, schon. Es kommen viele Leute an, die einem gratulieren, Leute, die das eine oder andere Foto machen wollen. Darüber freue ich mich immer. Das ist alles ganz cool. Respektbekundungen gab es auch teilweise, aber nicht übermäßig viele.


Ich habe heute Deinen Tweet gelesen, dass Du viele Termine hattest. Wie lebt es sich als Pokerweltmeister und Posterboy des deutschen Poker?

Man kommt unheimlich viel rum in der Welt und lernt viele interessante Leute kennen, die ich sonst wohl kaum getroffen hätte. Um ein paar Beispiele zu nennen, da wären dann Günter Jauch, Stefan Raab und Boris Becker. Das waren die drei coolsten Leute, die ich getroffen habe, und die drei größten Ikonen der deutschen Medienlandschaft. Das macht schon Spaß, die kennenzulernen und auch mal das eine oder andere Wort privat zu wechseln.

Hat die Angelegenheit auch eine Schattenseite?
Die Schattenseite ist, dass man mehr Pflichten hat als vorher und mehr zu tun hat. Wenn man ein so junger Typ wie ich ist, der das überhaupt nicht gewohnt war, ist das eine große Umgewöhnung, dass man plötzlich im öffentlichen Interesse steht.

Aber Du hast doch bestimmt eine schnelle Lernkurve.
(Lacht) Ich hoffe doch.

Eine Frage aus dem Pokern.com-Forum: Stehen die Frauen jetzt Schlange bei Dir?
(Lacht wieder, diesmal mehrfach) Wie sagt man da noch, glaube ich: Der Gentleman genießt und schweigt.

Gute Antwort. Was wurde eigentlich aus dem weißen Hoodie? Trägst Du ihn noch oder hat er inzwischen einen Ehrenplatz bekommen?
Nein, ich habe ihn sogar gerade an. Jedes Mal, wenn man Medieninterviews macht oder auch wenn Zeitungen vorbeikommen und man halt Fotos machen will, ist der Hoodie sehr gefragt, weil er ein Stück weit auch mein Markenzeichen geworden ist. Deswegen ist seine Einsatzzeit noch nicht ganz vorbei.

Den Traum aller Pokerspieler hast Du bereits mit 22 Jahren erreicht. Gibt es da noch Herausforderungen im Poker für Dich?
Definitiv. Ich finde es wichtig, und das habe ich in der Vergangenheit auch immer gedacht als Außenstehender, dass der Champion des Main Events auch beweist, dass er nicht nur eine Luckbox ist, sondern durchaus auch spielen kann. Deswegen finde ich schon, dass ich noch etwas zu beweisen habe. Ich will beweisen, dass es nicht nur eine einmalige Sache war, sondern dass ich wirklich gut Poker spielen kann. Ich habe ja noch keinen EPT-Finaltisch erreicht und auch keinen EPT-Titel. Und mir den zu holen, das ist schon ein Traum von mir, den ich mir gern erfüllen würde.

Und abseits des Pokertischs?
Mein Fokus liegt zurzeit beim Pokern. Abseits des Pokertischs ist es mir nur wichtig, dass ich mich nicht verbiegen lasse. Ich möchte der Typ bleiben, der ich bin und war. Ich möchte mir das Ganze nicht zu Kopf steigen lassen. Bis jetzt mache ich dabei, glaube ich, einen ganz guten Job.


Wenn Du zurückdenkst an deinen Weg als Pokerspieler, vom Anfänger bis heute – was waren die zwei, drei wichtigsten Erkenntnisse, die Knackpunkte, die Dein Spiel und Dein Denken über Poker verändert haben?
Das ist für mich schwierig, das an ganz konkreten Punkten festzumachen. Für meine Entwicklung war sicher wichtig, dass ich viel über Poker nachgedacht habe, viel mit Freunden über Strategien gesprochen habe. Im Idealfall sind es natürlich Leute, die besser als man selber oder auf dem gleichen Level sind. Bei Diskussionen über Hände kann man einfach unheimlich viel lernen.


Das hast Du über verschiedene Pokerforen gemacht, oder wie ist das bei Dir gelaufen?
So geht’s halt los, dann lernt man halt die Leute kennen und tauscht Skype-Nummern aus und freundet sich an. Dann schickt man zum Beispiel eine Hand, bei der man nicht genau weiß, was man machen soll, und fragt: Was meinst du dazu, was findest du hier besser? Und dann diskutiert man darüber und diese Diskussionen können auch richtig lang werden. Dadurch wird man dann einfach viel besser. In meiner Pokerkarriere war das für mich auf jeden Fall am wichtigsten.


Noch eine Frage zu Deinen Anfängen. Du hast Poker im Fernsehen gesehen und hast dann mit Freunden in einer Runde angefangen. Hattest Du ein Vorbild und hast Du heute noch eins?
Als ich angefangen, fand ich noch die typischen TV-Profis ziemlich cool, also Gus Hansen oder Phil Ivey. Bei Ivey hat sich das nach der „Full Tilt“-Geschichte etwas geändert. Seit den letzten zwei Jahren sind die Pokerspieler, die ich am meisten respektiere, Tom Dwan und Phil Galfond – nicht nur für ihr Pokerspiel an sich, auch dafür, wie sie viele Sachen angehen und wie sie denken und wie sich zu manchen Dingen äußern.


Ivey hält sich ja in letzter Zeit sehr bedeckt in Sachen Full Tilt. Was sagst Du zu dem Crash von Full Tilt?
Das ist absolut nicht meine Baustelle. Ich bin ja auch Member von Team Pokerstars.de. PokerStars hat die ganze Geschichte ja so gut gehandelt, wie man es sich überhaupt nur vorstellen kann. Von daher bin ich stolz, dass ich Mitglied von Team PokerStars bin. Zu der „Full Tilt“-Geschichte kann und will ich nichts sagen, denn so gut kenne ich mich mit der Materie auch nicht aus.


Du bist vor allem ein Turnierspieler. Warum hast Du Dich dafür entschieden?
An Turnieren fand ich faszinierend, dass man mit relativ kleinem Einsatz sehr viel gewinnen kann. Und den Nervenkitzel. Wenn man zum Beispiel bei Turnieren mit 5.000 Leute mitgespielt hat und dann ist man unter den letzten hundert, wo jeder Pot über das Turnierleben entscheiden kann. Dann gibt es auch viele Situationen, in denen man großen Druck auf seine Gegner aufbauen kann, was ja auch ein großer Teil meines Spiels ist. Deswegen fand ich Turniere immer schon interessanter als Cash Game.


In einem Interview hast Du erzählt, dass Du es vor der WSOP im Jahr 2011 nicht ganz so gut lief für Dich und Du einen ordentlichen Downswing erwischt hast. Du hast sogar überlegt, ob Du überhaupt zur World Series fahren willst. Wie gehst Du mit so Phasen um, wo es dann mal nicht so läuft?
Ja, diese Phasen sind halt schwierig, klar. Es ist dann einfach wichtig, dass man versucht, trotzdem seinem Spiel treu zu bleiben und sein Selbstvertrauen nicht zu verlieren. Manchmal gelingt es einem, manchmal halt nicht so gut, aber das ist definitiv sehr wichtig: Nicht aufgeben, denn man weiß ja eigentlich, dass man es kann. Und dann kannst du nur hoffen, dass die Varianz umschwingt. Was auch immer gut ist, ist einfach mal eine Pause von zwei, drei Wochen zu machen. Wenn man einfach merkt, ich spiele momentan nicht gut, es läuft nicht und danach wieder erfrischt an die Tische zurückkehrt.

Noch eine Frage aus dem Forum: Welche Limits hast Du vor der WSOP gespielt?
Ich habe im Prinzip alles gespielt. Die 1K-Turniere habe ich schon mal weggelassen und auch die wöchentlichen Rebuys, sonst habe ich aber alles gespielt.


Was war Dein größter Cash online?
$60.000 beim Sunday Mulligan auf Full Tilt.


Hattest Du vor der WSOP schon Erfahrung bei Live-Turnieren?
Nee, überhaupt nicht. Nur ab und zu mal Cash-Games gespielt in Kasinos in Deutschland und auch in Österreich. Die ersten vier, fünf Turniere habe ich da auch Lehrgeld gezahlt, glaube ich, konnte mich aber dann relativ schnell anpassen.

Wie hast Du Dich angepasst?
Es waren eigentlich relativ banale Sachen. Die Chips richtig zu handeln, nicht nervös zu sein, keine Tells wegzugeben, selber auf Tells zu achten. Dazu kommt, dass Live-Spieler ein bisschen anders spielen. Die raisen, um herauszufinden, wo sie in der Hand stehen, was ein Online-Spieler typischerweise eher nicht macht.

Sprechen wir über ein paar Hände der WSOP. Zunächst die berühmte Hand gegen O’Dea, auch wenn Du schon oft darüber gesprochen hast.

http://www.youtube.com/watch?v=M-V6Bdc487A


Du hast lange überlegt, Du hast gesagt, Du hättest mehrfach Deine Meinung geändert. Woher hast Du am Ende den Mut genommen in dieser frühen Phase des Finaltischs?

Wie gesagt, ich habe meine Meinung in der Hand sehr oft geändert. Habe eigentlich überlegt, dass es ein sehr sicker Spot für ihn wäre light zu sein, also zu bluffen, dann habe ich mir gedacht, dass er auf jeden Fall sick genug, das zu tun. Er war der einzige am Tisch gegen den ich All-In gegangen wäre in dem Spot. Am Ende habe ich mir gedacht, ich riskiere es jetzt einfach und habe zum Glück recht gehabt.


Beruhte Deine Einschätzung auf der Analyse vor dem Spiel oder nur von der Entwicklung an diesem Tag?
Es war eine Kombination aus beidem.

Die erste Hand an Tag zwei des Finaltischs war auch bemerkenswert. Ihr hattet kaum Platz genommen, da hatten Ben Lamb und Martin Staszko ihre Chips schon in der Mitte – KJo gegen 77. Was ist Dir da durch den Kopf gegangen?
Ich war eigentlich sehr überrascht, dass es so schnell ging. Ich fand die Hand auch einigermaßen komisch, aber ich war natürlich nicht unglücklich darüber, es war natürlich auch ein Pay Jump für mich. Ich war dann relativ frohen Mutes gegen Martin Heads-Up zu spielen.


Hättest Du anstelle von Ben Lamb den gleichen Move gemacht?
Ich weiß es nicht genau. Ich würde ihn normalerweise immer machen. Ich hätte ihn eventuell in dem Fall nicht gemacht, weil es die erste Hand des Tages war. Und ich glaube einfach, dass die Leute bei der ersten Hand des Tages nicht so oft light sind, wenn sie 3betten in dieser Situation. Die 3bet von Martin finde ich nicht so gut. Ich hätte an seiner Stelle nur in Position gecallt.


Das Heads-Up war eine Achterbahnfahrt. Teilweise lagst Du deutlich hinten, die Karten fielen oft gegen Dich. War eher schwierig, oder? Wie hast Du es geschafft, nicht zu resignieren?
Es war auf jeden Fall schwierig. Ich war zwischendurch auch relativ frustriert, muss ich sagen. Aber ich habe versucht, mich nicht verrückt machen zu lassen und gehofft, dass die Karten wieder in meine Richtung fallen.


In einer Hand, als Du im Chip Count deutlich hinten lagst, hältst du mit Td5d auf einem Board von Jd5h4h das zweite Paar. Du spielst an und Martin check-raist auf über 10 Millionen. Nach etwa einer Minute gehst Du All-In. Hattest Du einen Tell und wie hast Du die Situation in Erinnerung?

Ich hatte zum einen einen Tell. Wenn er mich nicht angeguckt, wenn er eine große Bet machte, dann hatte ich immer das Gefühl, dass er schwächer ist als sonst. Zum anderen kann er den Flop halt sauoft bluff-raisen. Ich habe Second Pair und das ist im Heads-Up relativ stark. Und ich habe den Backdoor-Flushdraw, wenn er vorne liegt, und deswegen habe ich mich dann entschlossen, All-Inn zu gehen.

(Martin Staszko passte, d. Red.)


Pius, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viele Erfolg. Auf dass Du den Main Event back-to- back gewinnst.