mscHallo Zocker, in der Welt des Online-Poker ist es fast wie in alten Tagen. Isildur fährt Achterbahn, Tom Dwan hockt in Macau, spielt ewig lange Sessions auf Full Tilt und lässt sich auch nicht aus dem Rhythmus bringen, wenn er zwischenzeitlich mal mit einer halben Million hintenliegt. Beruhigend irgendwie, setzt es doch die eigenen Swings von ein paar hundert Dollar ins richtige Verhältnis – immer schön locker bleiben. Zu den beunruhigenden Dingen später!

Ja, alles fast wie in alten Tagen: Sogar die großen Schlachten werden inszeniert. Die Full Tilt-Pros gegen Team PokerStars: Gus Hansen gegen Daniel Negreanu, Isildur gegen „Elky“ Grospellier und Dwan gegen Isaac Haxton. Das alles am Sonntag im Rahmen der EPT in London, alles sauberes Marketing und online zu verfolgen auf Full Tilt. One for the money, two for the show.

Aber es ist eben nur fast alles wie in alten Zeiten. Die große Freiheit des Online-Poker ist nicht mehr – und nicht erst seit dem Scharzen Freitag. Längst spielen nicht mehr alle mit allen. Mir fehlen die US-Boys, die Italiener, die Spanier und die Franzosen, insbesondere die Franzosen. Das können die Skandinavier nicht wettmachen, obwohl es immer noch lohnt, sie kräftig bluffen zu lassen und sie gelegentlich mit marginalen Händen runterzucallen. Unterm Strich lohnt es sich. Ich gebe zu, dass beim Multitabeln nicht nur die Stats beim Call eine Rolle spielen. Bei verdächtigen Händen schau ich nach, woher der Clown kommt, der mir seine absurde Geschichte zu erzählen versucht. Regional regulierte Märkte sind einfach nicht das Wahre. Und Online-Poker ohne Südeuropäer ist wie Pasta ohne Knoblauch. Oder wie erkältet sein und keine Aspirin plus C im Haus. Oder wie Wahlen in Italien ohne Beppe Grillo.
Aber es geht immer noch schlimmer, immer noch ein bisschen paternalistischer. PartyPoker und das Revolution-Netzwerk wollen verhindern, dass die guten und schlechten Spieler gegeneinander spielen. „Fair Play Technologie“ nennt sich das im besten Pokerneusprech, bedeutet aber nichts anderes, dass der Spielerpool für gute Spieler verkleinert wird. Elementare Kenntnisse eines Pokerspielers werden ausgehebelt, nämlich sich den Tisch, an dem du spielen möchtest, selbst auswählen zu können. Bist du zu gut, ist deine Winrate zu hoch, heißt es, werden die Fische vor dir geschützt. Poker mit Kindersicherung: Gibt es dafür nicht die Spielgeldtische? Anstatt Spielern beizubringen, verantwortungsvoll zu spielen, ihre Bankroll zu managen und eben in den Limits auf- und abzusteigen, ist das im schlimmsten Fall auch der Versuch die Spieler, über ihr wahres Können zu täuschen. So werden einem noch die letzten kleinen Abenteuer im Kapitalismus vermiest. Sagt ja zum Suckout, sagt ja zur Donk-Fee (frei übersetzt: Eselabgabe oder so.)
Kapitalismus, Poker und Selbstoptimierung sind auch so Themen, die immer wieder seltsame Blüten treiben. Sie erzeugen eine Invasion von Motivationscoaches, Lebensratgebern und selbst ernannten Gurus. Sie versprechen, die Leere zu heilen, sie sind Sinngeber, wenn sich dein Reservoir an Sinn erschöpft hat. Geld schützt davor nicht, deswegen arbeiten auch so Strahlemänner wie Negreanu und Esfandiari an ihrem Selbst, an dem, was sie für die richtige Einstellung zum Leben halten und an ihrer emotionalen Intelligenz. Wahrscheinlicher ist, dass wir von Natur aus so oberflächlich sind, dass uns nur Vergnügungen am Sterben hindern. Jeder sucht sich seine.
Jedenfalls nahme beide sich ihr gutes Recht und gaben 2.700 Dollar für einen Kurs beim Choice Center Las Vegas aus. Die Phasen heißen „Discovery“, „Breakthrough“ und „Leadership Legacy“. Na ja, wer's braucht. Manche halten den Laden eher für eine sektenartige Abzockbude , bei der Negreanu den Tom Cruise gab. Ließ der nicht auf sich sitzen. Und vermutlich ist alles halb so wild. Ob es was bringt, wenn ihr die „Personal Effectiveness Breakthrough Homework“ erledigt habt? Vielleicht reicht es, einfach freundlich zu den Mitmenschen zu sein, auch wenn die Arschlochdichte bekanntlich hoch ist, und sich das Universum trotzdem einen Dreck darum schert.
A man said to the universe:
„Sir, I exist!“
„However,“ replied the universe,
„The fact has not created in me
A sense of obligation.“
–Stephen Crane

Aber glaubt mir nicht, vielleicht bin ich das Arschloch. Und nun mit einem Ramazzotti auf Eis und einem freundlichen „Zockt weiter!“ zurück zu Pokern.com.