Seit Monaten denke ich jetzt über den richtigen Zug nach. Wir sind am River, die letzte Karte ist gefallen, call or fold? Mein Gegner hat am River plötzlich blank gezogen, entweder sitzt er auf den Nuts oder blufft auf Teufel komm raus. Sind zwei Paar gut? Und dann hat einer gerufen: Call the motherfucking clock on that son of bitch!

Ich gebe zu, diese Metapher ist ziemlich breit angelegt. Steht für diese Kolumne. I call. Ich mach weiter! Was den Ausschlag gegeben hat: Full Tilt ist von den Toten auferstanden, Obama bekommt eine zweite Chance und sogar Leute wie Peer Steinbrück dürfen sich als Kanzlerkandidat versuchen. Er verspricht großspurig, genau jene Probleme zu bekämpfen, die er zuvor immer schön abgebügelt hat. Hell, yeah, I call!

http://www.youtube.com/watch?v=VUKtAN0IhRg

Es hätte Daniel Negreanu sein können, der mich mit der Uhr derart unter Druck setzt. Tipp ihn mal an. Lebt der noch? Er hätte es sein können. Denn Daniel will jetzt beim Live-Poker jeden, einfach jeden, nach zwei Minuten Bedenkzeit zu einer Entscheidung zwingen. Call the motherfucking clock on that son of bitch!

Es muss schlimm stehen um Live-Poker. Spieler, die minutenlang über ihrem nächsten Zug meditieren, obwohl scheinbar alles klar ist. Das Nachdenken habe überhand genommen, so Negreanu, die Zukunft des Poker stehe auf dem Spiel. Andererseits will Poker als Denksport anerkannt werden und nicht als Spiel von Revolverhelden, bei dem siegt, wer schneller gezogen hat. Es ist eine Frage der Balance. Gelegentlich muss ein Spieler länger nachdenken dürfen. Es müsste so etwas wie eine Challenge beim Tennis geben, die ein Spieler einsetzen darf, wenn es ihm darauf ankommt, und er glaubt, mehr Zeit zu brauchen. Dreimal in 500 Händen. So in der Art.

Was gut ist für Poker, ist gut für Poker. Es ist gut, dass es jährlich einen neuen Pokerweltmeister gibt. Der Sieger des Jahres heißt Greg Merson. Er setzte sich am Finaltisch durch, der Stunden dauerte und zu den längsten in der Geschichte des Pokersports gehörte. Und es gab eine überflüsssige Debatte darum, ob der Finaltisch zu lang fürs Fernsehen, für die Massenmedien sei. Mal ganz im Ernst: Wer in Europa, der noch ein Leben jenseits von Poker hat, hat sich den Finaltisch in ganzer Länge live angeschaut? Entweder hast Du Urlaub, keinen Job, keine Freundin oder Du legst es darauf an, von Deiner Freundin verlassen zu werden. Es ist eine Sache für Nerds. Nichts gegen Nerds. Das ist halt manchmal so beim Poker. Und es schadet dem Poker nicht.

Was Poker schadet, sind andere Sachen. Die kleinen Gaunereien und die großen Schweinereien. Es gibt beim Poker Leute, die wie Howard Lederer denken. Und wie Howard Lederer denkt, das lässt sich anhand einer Anekdote aus den Lederer Files zeigen. Lederer erzählte, wie ihn Gus Hansen nach dem Schwarzen Freitag zur Rede stellte. Zunächst ging es um die fragwürdige Praxis, dass Full Tilt Pros Kredit bekamen. Nach dem Schwarzen Freitag sollte das Geld eingetrieben werden, um Full Tilt etwas Spielraum zu geben. Wie ging Lederer damit um? Er zahlte seine Schulden zurück, zog aber von den Schulden das Guthaben seines Spielerkontos ab. Gus Hansen habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass er der Unternehmung dann aber immer noch Geld schulde. Schließlich habe Lederer sich gerade selbst Geld ausgezahlt, was für alle Spieler in den USA unmöglich sei. Und das sei falsch. 

http://www.youtube.com/watch?v=hUpBkcY5jM8#t=2m29

Respekt, Gus! Und Jennifer Harman hat recht: „The Poker world is about ethics and morals. But there are a few real slimy people in this ‚world‘„, twitterte sie kürzlich. Vaya con dios. Zockt weiter.