Ich mag Phil Hellmuth. Wenn ich Phil Hellmuth mit seinem Schrank voller WSOP-Armbändern nach einer verlorenen Hand vor laufender Kamera lamentieren höre, dann fühle ich mich gleich besser. Im Vergleich zu Hellmuth schneide ich in Sachen Selbstkontrolle nämlich gar nicht so schlecht ab. Okay, ich schränke das ein, vielleicht nicht immer, aber oft.

Beim Poker After Dark Cash Game schlug Hellmuth in einer Hand gegen David „Viffer“ Peat kürzlich ziemlich hart auf. Die Hand ist unschlagbar unterhaltsam. Im einem 3bet-Pot zog sich Peat auf dem Turn zwei Paar. Die Gemeinschaftskarten lauteten Kh7d3h9s – Peat hielt K9o, Hellmuth hatte AKo, das Geld ging in die Mitte. Hellmuth sieht das Desaster und ist sofort außer sich, beleidigt, vom Schicksal ungerecht behandelt, er springt auf: „Wow, he hit a nine on me.“ Peat ruft ihm ein hämisches „Nine Ball, Corner Pocket“ hinterher. Gegen jeden anderen Spieler wäre das irgendwie unangebracht, aber gegen Hellmuth macht es das unausweichlich folgende Theater doppelt schön – „Nine Ball, Corner Pocket“.

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Schon lustig, aber auch seltsam, dass ein so erfahrener Spieler wie Hellmuth davon so getiltet wird. Mal ehrlich, bei mir vergeht keine Session, bei nicht irgendein gewöhnlicher Donkey auf wundersame Weise seine wenigen Outs trifft. Poker geht einem gelegentlich gewaltig auf die Nerven. Das ist quasi die zweite Natur des Spiels. Es ist nicht mal unwahrscheinlich, dass es beim Poker vor allem darum geht: das Gezerre an den Nerven irgendwie zu meistern und sich den Tag nicht versauen zu lassen.

Leichter gesagt als getan. Selbstbeherrschung beim Poker ist eine ambivalente Sache. Wenn es gut läuft, haben wir sie fast wie von selbst. Wir treffen gute Entscheidungen, wetten, wenn wir vorne sind, und legen am River weg, wenn wir geschlagen sind. Wenn es nicht läuft, dann haben wir nicht nur mit dem schlechten Lauf zu kämpfen, sondern wir ringen auch um unsere Selbstkontrolle. Plötzlich bezahlen wir am River mit zwei Paaren, obwohl wir nach den Karten am Turn und River, die wir eigentlich schon als persönliche Beleidigungen empfunden haben, wahrscheinlich nicht mehr die beste Hand halten. Und dann geben wir den Hellmuth: Schon wieder! Warum nur passiert das immer mir? Wie können diese Karten fallen? Wie kann er am Flop bezahlen? Die ganze Leier eben. So gehen ein schlechter Lauf der Karten und der Verlust der Kontrolle Hand in Hand.

 

Gegen einen schlechten Lauf kann man nichts machen. Ein schlechter Lauf ist schlechter Lauf ist ein schlechter Lauf. Es gibt auch kein vorgeschriebenes Ende oder irgend einen Automatismus oder eine höhere Macht, die dafür sorgt, dass nach soundso vielen Buy-Ins Schluss ist. Manchmal gleicht Poker einem bösen Spuk.

 

In solchen Phasen dürfen wir hoffen, dass es bald vorbei ist, aber vor allem müssen wir dafür sorgen, dass wir die Kontrolle behalten. Wenn es schlecht läuft, denken die meisten von uns anders über Poker. Es ist der alte Satz: Kein Pokerspieler, der verliert, spielt so gut wie ein Pokerspieler, der gewinnt. Emotionen bestimmen unser Denken. Wie unglaublich, ja unfassbar das ist, was hier passiert. Wir sind verstimmt, Gefühle von Ungerechtigkeit befallen uns, aber all das lenkt uns im Grunde nur davon ab, die Kontrolle wieder zu gewinnen. Den Tilt bekommen wir so nicht aus unserem System.

 

Während eines langen Downswings sinkt unsere Motivation. Gelegentlich setzen wir uns nur noch hin und fangen an zu grinden und vernachlässigen das, was zu einer guten Spielvorbereitung gehört, die mentale Einstimmung auf das Spiel und genügend Zeit für die Tischauswahl. Beim Spiel sind wir ungeduldig und Kleinigkeiten werfen uns aus der Bahn. Wir missachten unsere Stop-Loss-Regeln und vergessen, dass wir eigentlich aufhören wollen, wenn wir schon wieder angetiltet sind. Nach dem Spiel analysieren wir unser Spiel nur oberflächlich. Kurz gesagt: Wir machen ziemlich viel falsch. Der schlechte Lauf der Karten hat die Kontrolle über uns übernommen.

 

Die Kontrolle gewinnen wir nur zurück durch all diese Handlungen und Routinen, vor, während und nach dem Spiel. Indem wir uns an die Regeln halten, die wir uns selbst gegeben haben. In der nächsten Session, die wir spielen, kommt es gar nicht darauf an, ob wir gewinnen oder verlieren. Denn darin besteht unser Denkfehler. Weil wir einen schlechten Lauf haben, wollen wir nichts sehnlicher, als mal wieder eine Session spielen, bei der wir gewinnen. Dabei ist alles, was zählt, dass wir die Kontrolle behalten und uns nicht mitreißen lassen von unseren Emotionen. Schaffen wir das, war es eine gute Session. Emotionale Stabilität ist der Grundstein für Erfolg.

 

Victor Vega