2012-02-27-ftpEs waren weise Leute am Werk, die dieser Kolumne den Namen Dead Money gaben. Damals hielt ich das wegen meiner bescheidenen Pokerkünste noch für einen etwas bösartigen, wenn auch verständlichen Seitenhieb, doch inzwischen ist mir klar, dass es um etwas viel Größeres ging. Es ist die Epoche des toten Geldes, das in allen erdenklichen Formen überall herumliegt – als angebliches Rettungspaket beim Kettensägen-Moussaka in Griechenland, das gleich an Banken weitergereicht wird, als Sammlung in der nächsten Bubble, die früher oder später irgendwo mit einem mehr oder minder großen Knall platzen wird, als Ehrensold für einen scheidenden Präsidenten oder als Spielereinlagen in einem Land namens Full Tiltistan.

Okay, das war mal. Das Land Full Tiltistian ist längst untergegangen, doch die aberwitzigen Nachrichten reißen nicht ab. In den vergangenen Wochen war zu hören, dass Full Tilt der Riege von Superstars, die für den Pokerraum warben, einfach mal so Geld geliehen hat, teilweise Beträge in Millionenhöhe, insgesamt sollen es um 16,5 Millionen Dollar gewesen sein. Angeblich haben Spieler wie Phil Ivey, Erik Lindgren, John Juanda und auch Mike Matusow noch Schulden bei Full Tilt. Angeblich ist das auch der Grund, warum die Verhandlungen mit der DOJ und der Gruppe Bernhard Tapie nicht abgeschlossen werden können. Die Gruppe BT will diese Summe nicht bezahlen, verspricht aber alle Spieler auszuzahlen, denen Full Tilt noch Geld schuldet, sobald die Superstars ihre Schulden bezahlt haben. Hübscher Einfall! Die wollen zumindest in Teilen nicht bezahlen, weil sie nicht wüssten, was mit dem Geld geschähe, oder sie streiten wie Mike Matusow ab, dass sie Full Tilt überhaupt Geld schulden (http://pokerupdate.com/news/the-full-tilt-saga/gbt-lawyer-says-matusow-owes-700k/).

Irgendwo also liegt das Geld rum, nur jene, denen es gehört, haben davon bis auf Weiteres nichts. So ging und geht es zu in Full Tiltistan. Spieler deponierten Geld – Full Tilt soll Spielerguthaben in Höhe von 390 Millionen Dollar verwaltet haben – und davon lieh man seinen Pros dann Geld. Und das Ganze soll noch nicht einmal hinreichend dokumentiert worden sein, nicht einmal Rückzahlungsmodalitäten seien vereinbart worden. Die monatlichen Vergütungen an die Pros seien dessen ungeachtet weiter geflossen. Das Leben in Full Tiltistan muss gut gewesen sein, solange es lief. Dabei beginnt der Wahnsinn natürlich schon damit, dass Full Tilt seinen Stars überhaupt Geld geliehen hat. In Full Tiltistan wurde das Wulffen erfunden und Ex-Präsident Wulff ist mit seinen Billigkrediten nur die Schmalspurausgabe davon.

Natürlich hat sich niemand etwas vorzuwerfen. So lief es halt, und es war gut, solange man dabei war. Und natürlich geht es so weiter, bis man sie entmachtet. So ist es hier und überall. Das führt bei manchen zu Gewaltphantasien, und ehrlich gesagt, kann ich sie gut verstehen, wenn ich mir Filme wie Inside Job von Charles H. Fergueson ansehe. In der vergangenen Woche ließ Daniel Negreanu sich in einem Videoblog mal so richtig gehen. Er sei kein Charles Manson, sagte er, aber er könne verstehen, wenn jemand, der noch 15.000 Dollar zu bekommen hat, Howard Lederer in „die Nüsse treten“ würde. Was nicht bedeuten würde, dass er dazu aufforderte. Daniel Negreanu ist auch kein Bin Laden (etwa ab 6:00).

http://www.youtube.com/watch?v=qLiGJFTSMZ4

Viele werden das Video längst gesehen haben. Negreanu regt sich auf über das Schweigen von Lederer, Bitar und Fergueson, die sich nicht einmal entschuldigt hätten für das, was sie der Pokergemeinschaft angetan haben. Wulffen im großen Stil. Negreanu geht richtig ab, als er verlangt, dass Lederer und Fergueson für immer ausgeschlossen werden müssten aus der Pokergemeinschaft. Ich glaube nicht, dass das den Mann, der einst der Pokerprofessor genannt wurde, wirklich schockt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Pokergemeinschaft nicht doch zu vergesslich dafür ist. Über Selbstreinigungskräfte verfügt sie, Leute, die die großen Betrügereien aufdecken, aber die Vergesslichkeit ist groß. Eine Reihe von Leuten, die sich verschiedener Vergehen schuldig gemacht haben, wenn auch nicht in dem Maße wie Lederer und Fergueson, sind heute wieder akzeptierte Mitglieder der Pokergemeinschaft. Im Forum von 2+2 gibt es eine Petition (http://forumserver.twoplustwo.com/29/news-views-gossip/petition-have-all-ftp-shareholders-debtors-banned-wsop-1165682/), durch die erreicht werden soll, dass Spieler und Anteilseigner, die Full Tilt Geld schulden, von der WSOP ausgeschlossen werden sollen, sofern sie nicht eine Absichtserklärung unterzeichnen, zurückzuzahlen. Ob das was bringt? Und ist es nicht viel zu seicht?

Negreanu wetterte noch weiter: In den Knast müssten Lederer und Co. und er wünschte sich einen großen Kerl, der sich dort liebevoll um sie kümmert. In meiner Phantasie ist eine anale Vergewaltigung in Alcatraz okay, obwohl ich mir keine Liveübertragung davon wünsche. Echtes Gefängnis würde es auch tun.