nanonokoNanonoko könnte ein Ausruf des Erstaunens sein, zum Beispiel, wenn etwas schwer Vorstellbares eingetreten ist oder ein Mensch etwas leistet, das irgendwie übermenschlich, außerirdisch oder gewöhnlich nur von Superhelden in Comic-Heften vollbracht wird. Mann, das ist so Nanonoko.

Dabei gibt es ihn wirklich, der Mann ist eine lebende Legende, und das mit Mitte zwanzig. Nanonoko ist der lebendig gewordene Traum eines jeden Pokeranfängers und ein Vorbild für alle, die nicht ganz so gut dastehen wie er. 2009 knackte Nanonoko die magische Millionen-Grenze – 1 Millionen Dollar hatte er online gewonnen. Im Sommer 2010 wurde er Mitglied im Team PokerStars online. Er hatte sich schriftlich beworben und wurde natürlich mit Kusshand genommen.

Es ist die Geschichte eines stetigen, scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs, ohne große Schwankungen. Ich erinnere mich noch genau, mit welcher Ehrfurcht ich seinen Graph zum ersten Mal betrachtete. Wie war das möglich? Angesichts der eigenen teilweise furchterregenden Swings, dachte ich, das kann nicht sein, das ist so krank, das muss eine Maschine sein, kein Mensch. Über 3 Millionen Hände und dabei fast 1,5 Millionen Dollar gewonnen. Kaum Swings. Wie geht das, bitte? (http://www.youtube.com/watch?v=wNOWeTnO2I0)

Selbst andere Superhelden des Online-Poker hatten große Swings erlebt und erlebten sie immer wieder. Nur Nanonoko nicht. Bis vor kurzem war es für mich unvorstellbar, dass ein Spieler wie Nanonoko tiltet, und zwar gründlich, und das dann auch noch mit Vorsatz. Nicht möglich. Nanonoko doch nicht. Dieser freundlich dreinschauende Kalifornier asiatischer Herkunft, den du dir auch jederzeit gut in einem Maschinenbauseminar vorstellen kannst, tiltet nicht. Er hat immer alles unter Kontrolle, sich selbst und die anderen Spieler. Wie sonst wäre sein Graph zu erklären, der fast nur eine Richtung kennt, nach oben, in einem Winkel von 45 Grad, ein Graph, der fast so aussieht, als wäre er mit einem Lineal gezogen. Wie geht das?

Fangen wir mit den Fakten an. Nanonoko heißt mit bürgerlichem Namen Randy Lew. Mit dem Pokerspiel begann Nanonoko im College in Kalifornien. Er studierte 2003 Betriebswirtschaftslehre und vertrieb sich die Zeit mit Videospielen, bis er an ein paar Freunde geriet, die Poker spielten. Er mochte den Wettbewerb, immer schon, und als er auf Online-Poker umstieg, war sein Weg so gut wie vorgezeichnet. Nanonoko fing auf den kleinsten Levels an, er probierte alles aus, Sit-and-Go’s, Turniere, Cash-Game. Immer habe er versucht sich zu verbessern, aber das eher als Autodidakt, ohne Trainingvideos oder viele Bücher. Selbst die gute, alte Analyse der Hand History hält sich in Grenzen, gelegentlich nach besonders schlechten Sessions, doch er probiere lieber neue Sachen aus. Das Spiel selbst sei sein Lehrer – „Play to learn!“ Obwohl auch Nanonoko gelegentlich eine Hand analysiert, das Ergebnis ist erwartungsgemäß unorthodox: http://www.youtube.com/watch?v=TTtCb4H6p9U

Es lief nicht von Anfang an gut. Auch er brauchte den einen glücklichen Sieg, der seiner Karrriere auf die Sprünge half. In einem Turnier kassierte er für den zweiten Platz ein paar tausend Dollar. Das war die Bankroll, die er brauchte. Er konzentrierte sich auf Cash-Games, und er fing an, mehr und mehr Tische zu spielen, erst neun, dann zwölf, und das in Zeiten, als es noch keine Time Bank gegeben habe. Für ihn sei es gut gewesen, denn so habe er gelernt, seine Entscheidungen noch schneller zu treffen. Inzwischen spielt er bis zu 24 Tische, er hat sich auch dabei hochgearbeitet und Tisch für Tisch hinzugefügt. Und weil ihm sechs Tische nie genug sind, ist er manchmal auf Limits von $3/$6 bis zu $25/$50 gleichzeitig anzutreffen.

Im 2+2 Pokercast fragte ihn Adam Schwartz im Scherz, wie er das mache: Bist du ein Bot? (http://pokercast.twoplustwo.com/listen_and_browse.php?episode=136) Schwartz fragte sich aber vor allem, ob das Spielen so vieler Tische nicht –EV sei, weil es schwierig sein müsse, die Tischdynamik und das Meta-Game im Griff zu haben. Die Antwort war überraschend, aber einleuchtend. Meist säßen die gleichen Spieler an mehreren seiner Tische, und er betrachte jeden dieser Tische nicht isoliert, sondern spiele alle wie einen. Gegen diese Spieler spiele er an allen Tisch gleichzeitig – wie bei einem Heads-Up-Match. Vielleicht kommt es deswegen schon mal zu einem 4Bet-Shove mit Q8c (http://www.tiltkontrolle.com/2010/10/bisschen-metagame-gefallig.html).

Und doch reduziere er mit seinem Spiel die Varianz. Je mehr Tische und je mehr Hände er spiele, desto geringer falle die Varianz aus, immer vorausgesetzt, dass du ein Spieler bist, der gewinnt. Und weil er so viel spiele, verschwänden die Swings in seinem Graph schlicht durch die Menge der Hände.

Statistiken beeindrucken ihn auch nicht besonders. Fragt man ihn nach der roten Linie in Poker Tracker oder Holdem Manager, dann muss er zunächst überlegen, was das genau bedeutet – „Gewinne ohne Showdown?“ Die hysterischen Debatten, die die Pokerwelt in Wellen durchziehen, lassen ihn kalt. Es komme nicht darauf an, wie tight oder loose ein Spieler sei. Es komme darauf an, den eigenen Stil zu entwickeln, der der für dich richtig und erfolgreich sei. Es gebe mehr als einen Weg zu gewinnen, und die guten Spieler würden ihren Weg finden. Und selbst wenn es um Tilt geht, hat Randy Lew seinen eigenen Weg gefunden. Er rät nicht, sofort alles stehen und liegen zu lassen, sondern weiter zu spielen im Bewusstsein, dass du auf Tilt bist, den Zustand dabei zu erforschen und in der Folge besser damit umgehen zu können, sogar richtig zu tilten(http://doubleflypoker.blogspot.com/2010/11/superman-is-dead.html), mit Absicht, um zu sehen, was das mit einem mache. Und das ist auch wieder so Nanonoko.

Victor Vega