“If it’s not money, what are we playing for?” – Johnny Chan

Mitte Februar gab Patrik Antonius ein bemerkenswertes Interview. Der große Gewinner des Jahres 2009, der an den virtuellen Pokertischen von Full Tilt Poker so um die neun Millionen Dollar verdient hatte, räumte ein, dass das Jahr deswegen noch lange kein gutes für ihn gewesen sei. Millionen habe er mit anderem Zeug verloren, nämlich mit Sportwetten und vor allem beim Golfen. Dann aber folgte ein Satz, den wir entweder für Koketterie halten können oder der vielleicht ein Fünkchen Wahrheit enthält: „Es scheint fast so zu sein, dass es egal ist, wieviel du gewinnst, du hast niemals viel Geld.“ Fast klingt Antonius wie Stu Ungar, der 1981 nach dem Gewinn der World Series of Poker auf die Frage, was er mit dem Preisgeld von 375.000 Dollar anfangen werde, antwortete: „Ich werd’s verlieren.“

Für Normalsterbliche schwer nachvollziehbar: Wie kann ein Patrik Antonius nicht viel Geld haben – einer, der gegen Isildur1 mit 1.35 Millionen Dollar  den bislang größten Pot in der Geschichte des Online-Poker gewann …

… und auch sonst gern gegen Phil Ivey nicht unerhebliche Summen darauf setzt, welche Farbe oder Zahl auf dem Flop erscheint? Natürlich hat Patrik Antonius viel Geld, aber was ist schon viel Geld, wenn du am nächsten Tag schon wieder um $100.000 pro Loch Golf spielst und froh bist, wenn du auf 18 Löchern unter 100 Schlägen bleibst, also nicht gerade ein begnadeter Golfer bist. Dann ist viel wieder relativ. Wieviel Geld du hast, hängt im Grunde nur von der Höhe deines nächsten Einsatzes ab.

 

All das kann als dekadentes Treiben bezeichnet werden, aber das trifft heute auf viele Dinge unserer aus den Fugen geratenen Zeit zu. Deswegen ist Poker nicht schlimmer als das Geschachere, sagen wir mal, am Kunstmarkt. Der Pokerspieler Mickey Appleman (http://de.wikipedia.org/wiki/Mickey_Appleman) meinte,

Poker mit hohen Einsätzen sei eben ein Sport mit großem Risiko –  wie das Fahren eines schnellen Rennwagens. Und es gebe einen Unterschied zwischen dem Grinder, der des Geldes wegen spielt und Poker wie ein Geschäft betreibt, und einem echten High Roller, für den das Spiel nicht nur Geschäft, sondern auch Vergnügen und vor allem Wettbewerb ist.

 

Antonius gab in dem Interview zu, dass ihn die Phasen, in denen die Bankroll abwärts rauscht, immer noch aus der Ruhe bringen. Das macht ihn menschlicher, Antonius, der sonst keine Miene verzieht, wenn ein großer Pot verloren geht.  Auch erfolgsverwöhnte High-Stakes-Spieler leiden. Brian Townsend wünschte sich kürzlich gar ein Roboter zu sein, dann würde ihn ein schlechter Lauf nicht so frustrieren (http://blogs.cardrunners.com/brian/it-just-wont-end).

Und wahrscheinlich lässt sich nur erahnen, was der rasante Aufstieg und der noch schnellere Fall des Isildur1 mit seinem Nervenkostüm angestellt haben. Brian Hastings, der Isildur1 an einem Tag allein mehrere Millionen abknöpfte, schreibt in seinem Blog ziemlich unverhohlen darüber, dass Isildur1 Probleme mit Tilt habe (http://blogs.cardrunners.com/Stinger885/reflecting-on-a-very-special-day-1260413695). Als die Karten anfingen gegen ihn zu fallen, habe er noch aggressiver gespielt, als könnte seine Aggressivität die Karten zwingen. Und so verlor er mehr, als er hätte verlieren müssen.

Die Bankroll der oben genannten Spieler dürfte einen schlechten Lauf aushalten können. Und wenn nicht, müssen sie halt ein paar Limits tiefer spielen. Was ist tatsächlich daran so schlimm? Leute wie Antonius wissen das natürlich. Es ist die Spielsituation, auf die es ankommt und nicht die Höhe des Einsatzes. Im besten Fall denkst du über den realen Wert des Geldes gar nicht nach, sagte Antonius in einem Interview anlässlich des Full Tilt Million Dollar Cash Games 2009.

„Geld bedeutet gar nichts“, sagte der 2007 so früh verstorbene Chip Reese. „Wenn dir Geld wirklich viel bedeuten würde, dann könntest du dich nicht an einen Pokertisch setzen und $50.000 verbluffen. Wenn ich darüber nachdächte, was ich damit kaufen könnte, dann könnte ich kein guter Spieler sein.“ Für Reese, den Phil Ivey für den besten Pokerspielern aller Zeit hielt, war Geld nur die Einheit, in der Erfolg oder Misserfolg bemessen wurde. Im Spiel verschwendete er keine Gedanken an den realen Wert des Geldes. „Scared money“ spielt nicht gut Poker.

 

Im Grunde durchlaufen alle Pokerspieler eine Schule der Unempfindlichkeit gegenüber dem Geld, immer wieder und gerade dann, wenn sie ein Limit aufsteigen. Das Spiel ist immer noch Poker, aber der Pot um den es am River geht, ist plötzlich doppelt so groß, und du kannst dir doppelt so viel dafür kaufen.  Am Pokertisch aber ist Geld nur ein Arbeitsmittel, die Sprache, in der kommuniziert wird. Es hat keinen Wert an sich. Es ist nur Poker, ein Wettbewerb. Wenn wir uns an den Pokertisch setzen, akzeptieren wir die Regeln dieses Wettbewerbs. Wenn wir es nicht tun, laufen wir Gefahr uns lächerlich zu machen.  Am Rande des Million Dollar Cash Games wurde Phil Ivey danach gefragt, was er von einem der typischen Aussetzer von Phil Hellmuth hielt. Hellmuth war nach einem großen Pot, den er verloren hatte, aus dem Saal gestürmt. Ivey kommentierte das lakonisch: Manche Spieler seien einfach nicht darauf vorbereitet zu verlieren. Sie erwarteten, dass es immer zu ihren Gunsten ausging. Aber so sei Poker nunmal nicht. Und während er den Satz beendete, rollte er mit den Augen als sichtbares Zeichen seiner Geringschätzung.  Am Ende des Tages aber, oder am Ende des Monats, das weiß auch Ivey, wird abgerechnet, und was dann unterm Strich steht, das bestimmt über die Höhe deines nächsten Einsatzes oder das Limit, das du spielst. Das gehört zur Disziplin des Pokerspielers und  ist seine Art von Respekt gegenüber dem Geld.

 

Victor Vega

Link: Card Player-Interview mit Patrik Antonius

http://www.cardplayer.com/poker-news/8476-one-on-one-with-poker-pro-patrik-antonius-part-1