Poker wäre nicht Poker ohne seine Schattenseiten. Sonst könntest du ja auch Monopoly oder Halma spielen. Pokerspieler sind Grenzgänger, sie wandeln zwischen Himmel und Hölle, mal läuft es, mal nicht. Alle Pokerspieler kennen das. Die Engel des Himmels sitzen ebenso mit am Pokertisch wie finstere Dämonen. Die Engel sorgen dafür, dass Darvin Moon, ein Holzfäller aus Maryland, fast die World Series of Poker gewinnt, während die finsteren Dämonen den Charakter der anderen vor schwere Prüfungen stellen. Das macht Pokern so wunderbar. Es bringt die Weisen zum Lachen und die Verrückten zum Heulen. Und die meisten von uns sind nicht weise genug, als dass wir nicht bei Gelegenheit auch zu den Verrückten gehören. Willkommen im Club!

Wenn von Pokerdämonen die Rede ist, dann führt an Tilt kein Weg vorbei. Tilt ist sowas wie die Todsünde des Pokerspielers. Deswegen geben Pokerspieler nicht gerne zu, dass sie tilten. Vor kurzem las ich das Ergebnis einer Umfrage in einem Pokerforum, ob die Spieler gelegentlich tilten. Deutlich mehr als 60 Prozent gaben an niemals zu tilten. Ich musste lachen und dachte, das hättet ihr gern. Was seid ihr? Zen-Meister? Durch einen Trick auf einer höheren Stufe der Evolution angekommen? Oder gleich von einem anderen Planeten?

Jedenfalls hatte ich meine Zweifel, ob da draußen wirklich eine Bande von vollkommenen, erleuchteten Geschöpfen an den Pokertischen saß. Die nie tilten, also bitte! Perry Friedman, einer der berühmten Tiltboys um Phil Gordon, hätte das für ein Gerücht gehalten. Tilt erwischt sie alle und immer wieder, auch die High Stakes Pros. Brian Townsend sagte nach einer Session, die ihn ziemlich tiltete: „Das Blut schoss mir in den Kopf, ich schwitzte und mein Gesichtshaut war gerötet.“ Mike Matusow entsorgte seinen Laptop im Pool. Patrik Antonius warf Gegenstände, die gerade in Reichweite waren, gegen eine Wand, wo sie hässliche Löcher hinterließen. Und Jay Rosenkrantz, der sich mit drei anderen Pokerspieler der Herausforderung stellte in zwei Monaten zwei Millionen zu erpokern und daraus eine TV-Show zu machen, mit Glanz und Glamour in Las Vegas, wusste, was er brauchte – einen Tiltraum, in dem wehrloses Gemüse beim Stressabbau zu Brei geschlagen wurde.

Damit ist in der Regel noch nicht ausgetiltet, das wäre zu harmlos. Ein Pokerspieler auf Tilt spielt nicht so gut, wie er es eigentlich könnte. Er jagt einem Draw hinterher, er überspielt Hände, er spielt mehr Hände, als für sein angekratztes Nervenkostüm gut wären, er missachtet die Position, er liefert sich Wortduelle im Chat mit seinerm Gegner, er versucht es dem Fisch oder Esel, der ihn erst auf Tilt gebracht, heimzuzahlen. Verdient hätte er es schließlich. Und weil ihn das viel Geld verlieren lässt, ist er bei anderen Pokerspielern so beliebt.

Da jeder tiltbar ist, legten es die Tiltboys um Perry Friedman drauf an. Warum sich mit ernsthaften Konzepten wie Sklanskys Implied Odds zufrieden geben, wenn du auch Implied Tilt Odds (ITO) haben kannst? Die Tiltboys haben ITO jahrelang im Selbstversuch getestet. Das Prinzip ist recht einfach: Du machst einen Einsatz oder einen Call, der nicht gerade als vorbildhaft gilt und auch nur wenig Erfolg verspricht, bei dem aber die Möglichkeit besteht, deinen Gegner zum Tilten zu bringen – für den Fall, dass du deine Zauberkarte triffst. Der Tilt, den du bei deinem Gegner hervorrufst, könnte sich später bezahlt machen. Das klingt niederträchtig, aber für die Tiltboys hat Tilt einen Wert es sich. Es geht nicht nur darum, dem Getilteten die Chips abzunehmen. Tilt kann ein Geschenk sein, Tilt ist quasi ein philosphisches Konzept, Tilt rüstet dich für alle Situationen des Lebens.

Bei manchen High Stakes Games drängt sich manchmal unweigerlich der Eindruck auf, dass sich das Spiel grundsätzlich um ITO dreht. Kürzlich beobachtete ich Tom Dwan bei seinem Match gegen den unbekannten Schweden Isildur1. Dwan erhöhte vor dem Flop bei Blinds von 500/1000 auf 3.000 Dollar, Isildur1 seinerseits legt noch etwas drauf – 12.000, Dwan bezahlt. Wir könnten jetzt ein wenig über die Bandbreite der Hände spekulieren, mit der Dwan eine 3bet vor dem Flop bezahlt. Ich kann es euch aber auch gleich sagen, es war 8h2h, und das ist eine Hand, die eigentlich nur aus einem Lehrbuch für Implied Tilt Odds stammen kann. So auch der Rest der Hand. Der Flop kommt QcTs2c. Isildur1 setzt $15.000, Dwan bezahlt. Der Turn ist ein 8s. Isildur1 wettet $34.000, Dwan geht All-In für etwa $250.000, Isildur1 snap-calls. Im Pot sind $570.000. Isildur1 zeigt Asse. Der River bringt eine 2d und der Pot wandert zu Dwan mit einem Full House. Die Hand hat Tilt-Potenzial. Allerdings lief es an diesem Tag bis dahin so schlecht für Dwan, dass nicht ausgeschlossen ist, dass Dwan selbst auf Tilt war. Dass es sich also um so etwas wie Reverse Implied Tilt Odds (RITO) handelte, was nichts anderes bedeutet, dass Tilt sich rächt. Du hast jemanden so übel getiltet, dass der Getiltete plötzlich wie ein Irrer spielt und – trifft. Was dich nachhaltig tilten könnte.

Kaum einem anderen Spiel gelingt es mit schöner Regelmäßigkeit, diesen mentalen, gelegentlich körperlichen Ausnahmezustand hervorzurufen. Tilt zeigt Menschen in einem Moment, wenn die Maske fällt, wenn Zorn, Wut, Schmerz ihre Handlungen bestimmen. Menschen neigen zum Tilt, auch in anderen Lebensbereichen. Zu meinen Lieblingstiltern gehört bis heute der Tennisspieler John McEnroe

You cannot bet serious
http://www.youtube.com/watch?v=g2sRsX43aNw

C’mon, this is absurd, I can’t believe this
http://www.youtube.com/watch?v=owzU9_J5Iuw

Und McEnroe hatte jede Menge Implied Tilt Odds, ohne das er das im Moment seiner ungezügelten Tiltanfälle hätte ahnen können. Später stellte er sein Tilten im Dienst der Werbung nach und kassierte vermutlich die eine oder andere Million damit.

Denn mit zeitlichem Abstand betrachtet wird Tilt komisch. Der Moment mag hässlich sein: Tilt führt dich am Nasenring durch die Manege und stellt dich aus. So geht er ab, da kannste mal sehen. Es spielt eigentlich keine Rolle, ob die Ränge voll besetzt sind. Es reicht völlig sich den eigenen Tilt im Nachhhinein vor Augen zu führen. War ich das etwa?

Weiser ist es, du lachst drüber und lernst daraus.

Das sind die wahren „Implied Tilt Odds“. Jeder Tilt erzählt uns etwas über uns selbst. Über das Maß unserer Fähigkeit uns zu beherrschen oder uns beherrschen zu lassen. Über unsere innere Einstellung zum Spiel. Über unsere Bereitschaft aus unseren Fehlern zu lernen und dadurch zu einem besseren Spieler zu werden. Das unterscheidet die guten von den schlechten Spieler, die guten lernen daraus, die schlechten schrecken vor zu viel Selbsterkenntnis zurück. Bobby „The Owl“ Baldwin sagte, Poker forme den Charakter, gerade in den Zeiten, in denen es nicht so gut läuft. Wie gesagt, das macht Pokern so wunderbar. Es bringt die Weisen zum Lachen und die Verrückten zum Heulen.

Victor Vega