Die Poker-Sinnfrage oder warum Millionäre die Schulbank drücken

„My best advice to someone who is interested in playing poker is: Go back to school, get an education and do something with your life!” – Antonio Esfandiari anlässlich der aktuellen Staffel von High Stakes Poker

Link: http://player.theplatform.com/ps/player/pds/-mymw9FZK0?pid=xeFIMIYP6m7TMdFMcG4s1MPpQCMhNF0S

Was ist los mit Antonio Esfandiari? Läuft es derzeit schlecht für ihn? Leidet er an einer frühen Form von Altersweisheit? Wie alt ist er noch? 32 oder 33? Jedenfalls spricht da derselbe Esfandiari (http://de.wikipedia.org/wiki/Antonio_Esfandiari), der sich noch vor kaum mehr als sieben Jahren auf Poker stürzte – als gäbe es kein Morgen, als sei Poker die Antwort auf alle Sinnfragen in einer hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaft. Esfandiari, der Zauberer, war so besessen von Poker, dass er nie wieder damit aufhören wollte. In der Dokumentation „Beyond the felt“ aus dem Jahr 2005 sprach Esfandiari mit funkelnden Augen, manchmal wie im Rausch, über das Spiel. Aber auch damals gab es schon die andere Seite, diesen kleinen Schatten. In einer Szene des Films stellt Esfandiari ernüchtert fest, dass er etwas Produktiveres mit seiner Zeit anfangen könnte. Andererseits, Poker sei eben auch nur ein Job und er müsse Geld verdienen. Deshalb spiele er Tag für Tag.

Es treten viele Pokerspieler in dieser Folge von „Beyond the felt“ auf.

 

 

Matusow zum Beispiel: Der sagt, dass Poker als Lebensstil alles andere beeinflusse, deine Beziehungen, dein Zuhause, und nur selten wärst du glücklich. Was dir natürlich in jedem anderen Job auch passieren kann. Und Negreanu, der den Antrieb vermisst, um die Welt zu reisen und Turniere zu spielen. Dutch Boyd sagt, dass sich alles nicht mehr so gut anfühle, der Filz nicht, die Chips auch nicht. Abnutzungs -und Ermüdungserscheinungen wurden sichtbar. Ein wenig vom Zauber des Spiels geht verloren, wenn es dein Tagesgeschäft ist.

Das war 2005. Eine Generation von jungen Spielern hatte in kurzer Zeit sehr viel Geld mit Poker verdient, musste aber feststellen, dass sie dafür auch einen Preis zu entrichten hatte. Die Geschichte wiederholt sich immer wieder mal. Zuletzt war es Shaun Deeb, der sich Ende letzten Jahres ausgebrannt fühlte, angewidert von der schieren Menge an Turnieren, die er online spielte, obwohl sie ihm jede Menge Geld und Ruhm eingebracht hatten. Ein Pokerholic, der zur Besinnung kam und bemerkte, dass da draußen jenseits des Pokertischs noch eine richtige Welt existiert.

Zeit für den Gastauftritt von Ferris Bueller, der sich zum Glück nicht lange bitten ließ und bereit war, das Intermezzo zu übernehmen:

 

Nach diesen Fragmenten der Kulturindustrie geht es weiter im Text, obwohl Victor Vega just in diesem Moment ein Unbehagen verspürt, eine Ahnung, dass er in der nächsten Zeile von der Balance zwischen Arbeit und Leben und Poker zu faseln beginnen könnte.

Denken wir lieber von hinten nach vorne. Es ist wahr, das Leben schreitet schnell voran. Es ist aber auch wahr, dass es länger ist, als wir denken. Deswegen können ein paar Optionen nicht schaden. Und dafür müssen wir uns umschauen, auch wenn das diesen Zeiten nicht immer das reine Vergnügen ist. Kurz vor der EPT Berlin erschien im Tagesspiegel ein Portrait über einen Pokerspieler(http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/Poker-Online-Poker;art1117,3044474) und darin fanden sich drei Sätze, die auf den ersten Blick nicht so recht zusammenpassen, aber doch zeigen, wie vertrackt die Gegenwart ist: „Wenn Arbeit sich nicht mehr lohnt, dann suchen die Menschen nach etwas anderem. ‚Pokerspieler sind eben die letzten wirklich freien Menschen’, sagt Profi Negreanu. Aber kaum einer schafft es so weit wie er.“ Poker als Alternative zu den wenig attraktiven Angeboten einer Gesellschaft, die versucht eine Krise zu meistern, von der sich kaum noch einer erinnern kann und wann sie wieder aufhört. Aber kaum einer schafft es so weit wie er. Das ist die Warnung. Auch ist der Pokerlebensstil nicht immer so glamourös wie er scheint. Stefan Schüttler beschreibt das im Royal Flush Blog anhand von zwei Beispielen in einem Text über Poker als Beruf (http://community.magnus.de/blogs/royalflush/2010/02/25/warum-spiele-ich-poker-eine-annaherung-in-sechs-teilen-iv-2/#more-9545). Erstens, und das ist das Hauptproblem an diesem Beruf, liegen Sieg und Niederlage dicht beieinander. Da fällt das Aufstehen schon mal schwer, wenn es nicht so gut läuft (Mike Caro). Zweitens geht es um Leute, die 16 Stunden am Tag online spielen und vor sich hin hartzen. Kurzfristig ist es eine legitime Strategie, fraglich ist nur, ob das langfristig die richtige Strategie für ein geglücktes Leben ist. Das scheint eher wie der Ausnahmezustand in einer seltsamen Zeit, der besser nicht zum Normalfall wird. Freiheit Fehlanzeige.

Aber dann sind da ja auch noch die, die es geschafft haben. Die nächste Generation der Pokermillionäre, Leute wie Brian Hastings, David Benefield und Isaac Baron – sie beherzigen den Rat von Antonio Esfandiari. Sie gehen wieder aufs College, sie lesen Platon, besuchen Boxkurse und vertreiben sich die Zeit in Cafés mit Freunden. Isaac Baron (http://blogs.cardrunners.com/Mr-Menlo/back-to-school) begründete den Schritt damit, dass er sich eines Tages das ganz normale Leben eines Jugendlichen zurückwünschte. Was ihn und die anderen nicht hindert, weiter Poker zu spielen, aber im Grunde wehren sie sich gegen die Einseitigkeit, es gibt ein Leben jenseits des Pokertischs, welches auch immer. Zeit für Vegas Abgang:

„…I recall central park in fall

how you tore your dress

what a mess,

I confess…”

Victor Vega