Eigentlich wollte ich zu Beginn des neuen Jahres über den Sinn des Lebens schreiben, da ich aber angesichts der Lage um mich herum nicht zu einer beruhigenden Antwort gekommen bin und das Jahr auch noch 2012 heißt, verschiebe ich das und schreibe lieber über die tagtäglichen Herausforderungen eines Hobbyzockers, damit dessen Existenz entsprechend gewürdigt wird.

Der Hobbyzocker befreit sich von den drängenden Fragen seiner Existenz durch einen einfachen, aber geschickten Kunstgriff – er zockt, er ist abgelenkt, er denkt nicht darüber nach, ob es richtig oder falsch ist. Er spielt nicht nur Poker, sondern er versucht immer wieder Wetten zu finden, bei denen er sich im Vorteil wähnt. Mit seiner Moral ist es dabei nicht besonders weit her. Ihm kommt es nicht darauf an, ob seine Lieblingsmannschaft gewinnt, sondern nur darauf, ob er seine Wette ins Ziel bringt.

Wenn die Quote stimmt, wettet der fortgeschrittene Hobbyzocker, ohne mit der Wimper zu zucken, gegen seine Lieblingsmannschaft. Auf Dauer färbt dieses Wettverhalten auf seine Psyche und seine Bindung zu gewissen gesellschaftlichen Gruppen ab. Eine Gruppe Fußballfans ist für ihn nur noch eine Herde blökender Schafe, die es zu scheren gilt.

Beim Scheren geht er vorsichtig, aber kalt kalkulierend vor. Er schleicht sich bei den Fans einer Mannschaft ein, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit beim nächsten Spiel eine Niederlage kassieren wird und wettet gegen die Fans dieser Mannschaft, die das böse Ende aus falsch verstandenem Stolz nicht kommen sehen wollen. Eine anstrengende Tätigkeit, die genau vorbereitet werden will und kaum ausgebeutet werden kann – außer es tritt der unangenehme Fall ein, dass die dummen Fans ihre Wette gewinnen. Dann hört man den Hobbyzocker kurz vor Spielende, während er den Hinterausgang sucht, fluchen: „Scheiße, scheiße, scheiße, warum passiert das immer mir?“ Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Eben deswegen bleibt der Hobbyzocker Hobbyzocker. Die Tage, als er sich mit einer nicht unerheblichen Summe an einem Rennpferd namens Diamond beteiligte, sind lange vorbei.

Capuccino mit Goldpuder – 24 Karat

Der Hobbyzocker hat deswegen auch keine großen Ansprüche. Die vielen Niederlagen haben ihn abgehärtet. Er will seinen Capuccino nicht mit Goldpuder (24 Karat) trinken, wie er in dem einen oder anderen Luxushotel in Dubai für 30 Euro die Tasse gereicht wird – nicht, weil er sich nicht leisten könnte, sondern weil er den Betrag natürlich sofort umrechnet in mögliche Buy-Ins für Pokerturniere oder Sportwetten auf die Lakers, Baltimore Ravens oder Mannschaften wie Gladbach, die einen guten Lauf haben. Er hofft, dass dieser gute Lauf auf ihn überspringen könnte. Was er weit seltener tut, als er es statistisch sollte und unseren Hobbyzocker in gelegentliche Sinnkrisen stürzt (siehe oben).

Das ewige Auf und Ab seiner Bankroll lässt ihn zweifeln, ob seine Zeit die Anstrengungen wert ist, die er damit verbringt, sich Informationen zu beschaffen, Ligen und Spiele zu verfolgen, dabei sein Pokerspiel zu verbessern und dann auch noch noch einer geregelten Tätigkeit nachzugehen. Er tröstet sich damit, dass es immerhin weniger schmerzlich ist, als sich mit vielen anderen Dingen zu beschäftigen.

Zocken und Poker als Zeitvertreib: Der ultimative Nervenkitzel des Pokerspielers bestünde wahrscheinlich darin, um Lebenszeit zu spielen. Da unsere Zeit abläuft, wäre der Gewinn einer Hand gleichbedeutend mit dem Gewinn zusätzlicher Lebenszeit. In dem Film „In Time“ von Andrew Niccol gibt es eine solche Szene. Zeit ist Geld, diese Wendung nimmt der Film wörtlich. Zeit ist das allgemeingültige Tauschmittel. Mit 25 Jahren altert man nicht mehr, aber jeder Mensch hat nur noch ein Jahr zu leben. Deine Uhr läuft ab. Wie viel Zeit dir bleibt, kannst du auf deinem Unterarm jederzeit lesen. Springt die Uhr auf null, stirbst du. Du kannst deine Lebenszeit durch Arbeit, durch Geschäfte, auch durch Glückspiel verlängern.

Justin Timberlake spielt Will Salas, der in einem Ghetto lebt, in dem sich die meisten von Tag zu Tag retten. Ihr Zeitkonto besteht meist nur aus wenigen Tagen und Stunden. Aber auch in dieser Welt gibt es eine Klasse der Reichen, die Zeit akkumuliert haben. Einer von ihnen ist des Lebens müde und vermacht Will Salas ein Jahrhundert, das er angesammelt hat. Es ist für Salas das Ticket, um dem Ghetto zu entfliehen. Der Film kippt nach gutem Anfang etwas und wird im zweiten Teil zu einer Art Bond-Verschnitt, in der Salas sein Glück in der Welt der Reichen versucht und alles bis auf ein paar Sekunden setzt:

Will Salas gewinnt dieses Spiel, wird aber wenig später der gewonnenen Zeit schon wieder vom herrschenden System beraubt, was aus ihm einen Revoluzzer macht. You win some, you lose some. Kein großer Film, aber kurzweilig. Wie das Zocken. Keine große Kunst, aber meistens nicht langweilig. Deshalb nennen wir es Fun. Und deshalb werde ich spielen bis ans Ende meiner Tage. Lange lebe Doyle. Und jetzt muss ich los, Leute, mein Geld liegt am heutigen Sonntag auf den Ravens (-7,5), den Packers, den Spurs (-7,5), den Jazz(+10) und Golden State (+5,5). Lasst die Spiele beginnen. Run good everyone!