Geschrieben von: Victor Mittwoch, 01. Mai 2013 um 10:27 Uhr
Soll einer sagen, Pokerspieler seien ein kulturloser Pöbel, die bestenfalls ihre prozentuale Gewinnchance am Turn halbwegs auf die Reihe kriegen – X outs mal 2 und dann noch schnell einen Blick auf die Größe des Pots werfen, ob es sich vielleicht lohnt. Okay, das ist die einfache Variante.
Online-Pokerspieler sind eine besondere Spezies in der Entwicklung der Menschheit – geeky, mit ausgeprägtem Spieltrieb und vielleicht sogar Avantgarde, was die Art und den Ort der Ausübung ihrer Lieblingsbeschäftigung angeht. You gotta love your fellow grinder, schaut sie euch an, sind ein paar hübsche Freaks dabei.
Jedenfalls ist heute der Tag, an dem ihr kurz einen Blick in meine Kulturvortäuschungstasche werfen dürft. Im April liefen zum Grind abwechselnd Satie und Chopin. Beide haben eine entspannende Wirkung, möglicherweise machen sie sogar einen besseren Menschen aus mir, sicher aber einen besseren Pokerspieler. Muss schon viel passieren, um bei Chopin richtig zu tilten. Sogar ein übler Suck out schmerzt nur halb so viel. Die Kohle ist weg, aber hey, Chopin und Satie sind immer noch da und die nächste Hand wird gegeben.
Die richtige Musik macht die Komfortzone etwas weiter. Wohlfühlen allein reicht natürlich nicht an den Tischen. Ich habe schon fast alles probiert, um besser zu werden. Viele Bücher gelesen, über Jahre Videos geschaut auf den einschlägigen Trainingsseiten, um mir die Tricks der besseren Spieler abzuschauen und in meinen Denk- und Spielprozess zu integrieren, und mich an der einer oder anderen Diskussion über eine Hand beteiligt. Im vergangenen Jahr merkte ich, dass ich von den meisten Videos schnell gelangweilt war. 45 Minuten Video schauen, um den einen oder anderen interessanten Spot zu finden, bei dem es etwas zu lernen gibt.
Außerdem musst du die Zeit dafür haben, und die ist knapp, wenn du nicht nur Poker spielst. Auch Pokerbücher habe ich nur noch ab und an in die Hand genommen. Mal drei, vier Hände studiert, das eine odere Konzept nachgelesen. Es dauerte Monate, bis ich durch war. Große Begeisterung war selten, die Erleuchtungen blieben klein. Ich zog es vor zu spielen, dem Motto von Phil Ivey folgend, dass nur Spielen dich besser macht.
Kürzlich habe ich mal wieder ein Pokerbuch in die Hand genommen, und, ehrlich gesagt, habe ich nicht allzu viel davon erwartet. Mal reinsehen, im schlimmsten Fall ist es der übliche Sermon über Motivation und Psychologie, Lebensstil, gesundes Essen und regelmäßiger Workout und was weiß ich noch. Doch diesmal war es all das und doch deutlich mehr als das gewöhnliche Geschwafel. Es stellt die Frage, was es braucht zu einem Meister des Spiels zu werden. Und welche Fähigkeiten jene haben, die in anderen Disziplinen, von Sport bis zur Musik, zu den Großen zählen. Talent reicht nicht und keiner kann sich auf das Glück allein verlassen!
Das Buch, von dem ich rede, heißt „The Poker Hero – How to Survive, Fight, and Succeed in the modern Poker World“. Geschrieben hat es Florian Roßner, ein Deutscher. Es ist gründlich, gut geschrieben und gut zu lesen, wenn bislang auch nur auf Englisch erschienen. Es räumt mit einigen Mythen und Versprechen auf, die das Pokerspiel umgibt, obwohl es natürlich selbst in seinem Titel wieder das Versprechen macht, dass du dieses Buch lesen musst, um zu wissen, wie es läuft. Aber das sind Spitzfindigkeiten.
In der Entwicklung eines Pokerspielers gibt es Phasen. Der Anfänger lernt die Grundkonzepte des Spiels, dann entwickeln Spieler ihren Stil und eines Tages spielen sie in ihrer Komfortzone, wiederholen an den Tischen, was sie gelernt haben, immer und immer wieder. Es läuft mal so, mal so. Wie jetzt noch besser werden, ist die Frage. Die Antwort, die Florian Roßner gibt, ist unangenehm, wenn du ein fauler Sack bist, wie die meisten von uns. Wir spielen gern, für das Spiel zu arbeiten, ist nicht gerade das, wovon wir geträumt haben.
„We can never make progress in the comfort zone, since those are the activities we can already do easily, while panic zone activities are so overwhelming that we don't even know how to approach them.“
Die Antwort liegt ausnahmsweise mal in der Mitte – wir müssen hinein in die Lernzone, uns Routinen zulegen, mit der wir wirksam an unserem Spiel arbeiten können. Weitere hundert Videos werden dir dabei kaum helfen.
Abgesehen davon, dass Roßner es gelegentlich mit der Arbeitsethik übertreibt („Great players are never hanging out, never relaxing after losing sessions.“) und sogar Ayn Rand zitiert, ist The Poker Hero ein lesenswertes Buch. Der Hobbyspieler wird mitunter das Gefühl haben, dass Erfolg im Poker nur noch zu haben ist, wenn du alles dem Pokerspiel unterstellst. Mit der Realität des Hobbyspielers hat das wenig zu tun. Dennoch: Es ermöglicht eingefahrene Routinen in neuem Licht zu sehen und vielleicht sogar zu verändern, nicht nur beim Poker, sondern in allen Bereich des Lebens. Und auch der Hobbyspieler sollte versuchen, seine Möglichkeiten voll auszuschöpfen. It's more fun. Den Rest weiß Tommy Angelo:
Poker is hard, and it hurts -- and this book helps.
Willkommen in der Lernzone. Zockt weiter!
Geschrieben von: Victor Montag, 01. April 2013 um 14:17 Uhr
Hallo Zocker, 59 Wochen oder 416 Tage oder 10000 Stunden – solange musst du Poker spielen, bevor aus dir ein wirklich guter Pokerspieler wird. Das glaubt zumindest Andrew Robl. Eine Menge Holz. Ich bin nicht sicher, ob ich die Hälfte des Weges schon hinter mir habe. Oder ob ich zu denen gehöre, die schon lange übers Ziel hinaus und trotzdem nicht aus ihrem mediokren Pokerdasein ausgebrochen sind.
Ist natürlich alles eine Frage der Perspektive. Und die Perspektive wechselt. Poker ist das das Spiel, bei dem du dir nicht sicher sein kannst. Zuversichtlich vielleicht, aber nicht sicher. Eben sahst wie der sichere Sieger aus, eine Karte später bist du der größte Verlierer am Tisch. Da staunst du runde Bauklötze. Das härtet ab. Und so war der März, ein einziges Abhärtungstraining. 92 Prozent vorne reichen eben manchmal nicht. Und schon wieder nicht. Und nochmal undsoweiter. Unterm Strich lief es 20 Buy-Ins unter EV und reichte für einen ordentlichen Downswing. Deswegen brauchst du möglichst schwarzen Humor, wenn du Poker spielst. Zeit für einen kleinen "courtesy lick".
Natürlich bringt mich das nicht aus der Spur. Dafür gibt es immer noch Pokernachrichten, die verkrampft aus irgendwelchen Nichtigkeiten vermeintliche Nachrichten drehen. Hochgepokert ist immer schlecht dabei, diesmal soll Mad Marvin Rettenmeier den größten Downswing seiner Karriere erleben. You know what? Ich möchte in einem Artikel über den größten Downswing meiner Karriere auch mal die Zeilen lesen: „Der letzte Sieg liegt sogar noch länger zurück. Im Dezember 2012 gewann er das EPT Prag Highroller Event für gerade einmal €365.000.“ Ist ja eine Dürre biblischen Ausmaßes.
Ach ja, ist es nicht süß? Fast so lächerlich wie der Tweet des Mike „timex“ McDonald, er hasse das Spiel wegen dieser Hand. Den Tweet hat er dann lieber wieder gelöscht, zumal ihm Ben Wilinofsky bei Gott versprach, ihn wie einen Fisch auszunehmen, sollte er jemals wieder tweeten, dass es schlecht für ihn laufe.
Wilinofsky hat seine eigene Geschichte. Wilinofsky hat ein paar Millionen online gewonnen und im Jahr 2011 die EPT Berlin für etwas mehr als 800.000 Euro. Aber das ist nur eine Hälfte seiner Geschichte. Wilinofsky leidet seit seinem zwölften Lebensjahr an Depressionen. Und die sind sein ärgster Gegner.
Vieles ist eine Frage der Perspektive. Schlimm ist es erst, wenn du keine Perspektive mehr sieht. Poker ist nicht das Leben, nur ein Teil, der den Charakter stärken kann, und darauf kommt es an, gerade wenn es nicht läuft. Wie sagte der weise Nick the Greek Dandolos:
The next best thing
to playing and winning is
playing and losing.
The main thing is to play.
Hang loose, zockt weiter.
Geschrieben von: Victor Donnerstag, 07. März 2013 um 17:08 Uhr
Hallo Zocker, in der Welt des Online-Poker ist es fast wie in alten Tagen. Isildur fährt Achterbahn, Tom Dwan hockt in Macau, spielt ewig lange Sessions auf Full Tilt und lässt sich auch nicht aus dem Rhythmus bringen, wenn er zwischenzeitlich mal mit einer halben Million hintenliegt. Beruhigend irgendwie, setzt es doch die eigenen Swings von ein paar hundert Dollar ins richtige Verhältnis - immer schön locker bleiben. Zu den beunruhigenden Dingen später!
Geschrieben von: Victor Samstag, 26. Januar 2013 um 13:25 Uhr
Varianz ist sowas wie die dunkle Seite der Macht beim Poker. Sie erhebt ihr janusköpfiges Haupt, grinst sich eins und macht aus siegessicheren Spielern verzweifelte Tilter, die nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Frust. Varianz hält sich nicht an Regeln, sie kennt kein Maß und keine Mitte. Nur langfristig sollte alles wieder ins Lot kommen, irgendwann. Bis dahin gilt es die Nerven zu behalten, irgendwie.
Du verlierst Coin Flips in Serie – Varianz. Der große Fisch stellt wieder mit einer marginalen Hand sein Chips in die Mitte und dann kommt der River – autsch, Varianz. Der schräge Schwede liebt die großen Einsätze und bringt seine 100 BB gern schon vor dem Flop mit Dame Vier im Pott unter und die Asse verlieren trotzdem. Das geht noch eine Weile so weiter – Varianz, Varianz, Varianz. Eine Beschwörung, es ist doch nur Varianz. Macht dich natürlich natürlich trotzdem wahnsinnig, wenn der Schwede mit seinen 800 BB zu einem höheren Limit rennt und die ganze Kohle in nur einer Hand in den Sand setzt.
Trotzdem, in diesem Monat lief es ziemlich gut, definitiv einer der besseren Monate. Nach 14.000 Händen liegt die Winrate bei 6 BB/100. Also, kein Jammern. Im Poker habe ich so ziemlich alles erlebt, den guten Lauf, aber auch die schlechten, auch solche, bei denen du dich fragtest: Hört das wieder auf? In solchen Phasen kann es schon mal vorkommen, dass du dir überlegst, das Spiel an den Nagel zu hängen. Meist ist es das nur ein kurzer Gedanke. Ich bin sicher, ich spiele bis ans Ende meiner Tage.
Aber ich bekenne mich schuldig. Gefühlt, glaubte ich immer, lief es schlechter, als ich es verdient hätte. Ein Phil-Hellmuth-Syndrom. Ich bekomme Bad Beats, teile aber weit weniger welche aus. Ich könnte ja auch mal aussucken. Im Januar entwickelte ich dann noch ein Phil-Hellmuth-Syndrom. Nicht, weil ich ausrastete - immer wieder schön, Phil's Top 5:
Hellmuth hatte mal eine Phase, da wollte er sich immer versichern für den Fall, dass er eine Hand doch noch verlöre. Er versuchte bei seinen Mitspielern, eine Versicherung abzuschließen. Für den Fall der Fälle hätte er dann einen Teil des Geldes zurückbekommen. Gewann er, musst er nur den Versicherungsbetrag abgeben. Eigentlich keine schlechte Idee.
Im Januar lief es, wie gesagt, gut, aber dabei gleichzeitig auch schlecht. Unterm Strich lag ich nach 9.000 Händen zwar vorne, aber laut All-In EV hätte ich fast dreimal so gut dastehen können. Hätte ich eine Versicherung gehabt, hätte ich wenigstens einen Teil des Geldes in der Tasche gehabt von jenen Händen, bei denen es mich derbe erwischte.
Durch eine Versicherung ließe sich zumindest die Varianz des Spiels leichter ertragen. Tatsächlich gibt eine Seite, die das anbietet, InsuredPlay. Du kannst jede Hand versichern, bei dem du vor dem River all-in bist. Ich mache hier jetzt keine Mathestunde, um auszurechnen, wie viel Equity ich bereit wäre abzugeben, um meine Nerven zu schonen. Ich habe mich nicht angemeldet bei InusredPlay, dies ist also auch keine Empfehlung (bei 2+2 gibt es einen langen Thread mit Pro und Contra) Ich bin nicht sicher, ob das Geschäftsmodell schon ausgereift ist und der Laden seriös ist, aber die Idee hätte das Zeug, das Pokerspiel zu verändern.
Andererseits, Poker ist halt wie das Leben. Da bekommst du auch nur selten das, was du erwartet hast. Und die Versicherungen zahlen eher nicht, wenn es drauf ankommt. Außer du bist eine Bank, da zahlt der Steuerzahler. Und wenn es mal wieder ganz anders kommt: Don't forget to breath!
Zockt weiter!
Geschrieben von: Victor Freitag, 21. Dezember 2012 um 16:16 Uhr
Hallo Zocker, zum Ende des Jahres braucht es einen würdigen Abschluss, nicht zu heilig, also wird es legendär ordinär. Aus dem Twittorium, dem süchtig machenden Stimmenrausch des Internets, meldete Gus Hansen kürzlich, dass er es verabscheue, wenn Pokerspieler den Dealer angingen. Dealer abuse, Gus hasst das. Die folgende Geschichte wird ihm nicht gefallen.
Sie handelt von Puggy Pearson, eine dieser Figuren, die ihre Pokerkarriere in den 1950er-Jahren in Ställen am Wegesrand auf einer selbstgemachten Tour zwischen Salina, Hopkinsville, Bowling Green und Louisville begannen. Unterwegs mit einem verbeulten Schlitten und einer Kanone - für den Fall der Fälle. Zum Spielen nahm er nur so viel Geld mit, wie er brauchte. Den Rest der Bankroll parkte er unter dem linken Vorderreifen. Pearson fing an zu spielen, weil er arm war, bis eines Tages zu spät gewesen sei, noch irgend etwas anderes zu anzufangen. Ihm gefiel das Leben von heute auf morgen, ohne sich große Gedanken zu machen müssen. Er glaubte nicht, dass das Leben mehr hergebe als ein wenig Spaß zwischendrin. „And that's enough. Why hell, there ain't a breeze in the sky floats freer than I do.“
Puggy Pearson wurde ein high-roller. Er erfand das Turnierpoker und gewann 1973 die World Series of Poker. 13 Spieler legten 10.000 Dollar auf den Tisch, der Gewinner bekam alles. Puggys Gesichtzüge ähnelten zu dieser Zeit schon einer Bulldogge, die Nase eingedrückt, eine hohe Stirn und oft eine Zigarre zwischen den Zähnen. Glück sah er als Linie, die eine richtige und eine falsche Seite habe. Aber er glaubte nicht an Glück, mit Glück allein reiche es nicht für die Miete. Es ging nur darum näher an dieser Linie zu sein als alle anderen.
Und dann gibt es diese eine Geschichte, die Gus nicht gefallen hätte. Eine Nacht in einem Casino irgendwann in den 1970er Jahren. Die Einsätze waren hoch. Puggy Pearson bekam einen üblen Bad Beat verpasst und verlor jede Restscham. Er stieg fluchend auf einen Stuhl, ließ die Hosen runter und urinierte auf den Pokertisch. Einige Erzählungen wollen es, dass er dabei auf den Dealer zielte. Sein Sprinkler war angeblich riesig. Das Tohuwabu jedenfalls muss groß gewesen sein, bis der Sicherheitsdienst den immer noch fluchenden Pearson an die frische Luft setzte. Kaum zu glauben, ein Weltmeister pinkelt auf den Pokertisch. Nolan Dalla, der ein großartiges Buch über Stuey „The Kid“ Ungar geschrieben hat, konnte die Geschichte kürzlich verifizieren. Er sprach mit einem Augenzeugen.
Die Gegenwart erscheint im Licht dieses Ausrasters fast gesittet. Ganz oberflächlich gesehen. In Unterhosen online zu spielen, sich den Screennamen „I play naked“ zu geben, ist eines, in Unterhosen einkaufen zu gehen etwas anderes. Deswegen der letzte paternatlistische Rat des Jahres: Immer den Unterhosenradius im Griff behalten, egal wie es gerade läuft. Zieht die Hosen hoch und auf ein Neues. Zockt weiter.
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