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Die Poker-Sinnfrage oder warum Millionäre die Schulbank drücken
Geschrieben von: Administrator Mittwoch, 17. März 2010 um 22:54 Uhr
Die Poker-Sinnfrage oder warum Millionäre die Schulbank drücken
„My best advice to someone who is interested in playing poker is: Go back to school, get an education and do something with your life!” – Antonio Esfandiari anlässlich der aktuellen Staffel von High Stakes Poker
Link: http://player.theplatform.com/ps/player/pds/-mymw9FZK0?pid=xeFIMIYP6m7TMdFMcG4s1MPpQCMhNF0S
Was ist los mit Antonio Esfandiari? Läuft es derzeit schlecht für ihn? Leidet er an einer frühen Form von Altersweisheit? Wie alt ist er noch? 32 oder 33? Jedenfalls spricht da derselbe Esfandiari (http://de.wikipedia.org/wiki/Antonio_Esfandiari), der sich noch vor kaum mehr als sieben Jahren auf Poker stürzte – als gäbe es kein Morgen, als sei Poker die Antwort auf alle Sinnfragen in einer hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaft. Esfandiari, der Zauberer, war so besessen von Poker, dass er nie wieder damit aufhören wollte. In der Dokumentation „Beyond the felt“ aus dem Jahr 2005 sprach Esfandiari mit funkelnden Augen, manchmal wie im Rausch, über das Spiel. Aber auch damals gab es schon die andere Seite, diesen kleinen Schatten. In einer Szene des Films stellt Esfandiari ernüchtert fest, dass er etwas Produktiveres mit seiner Zeit anfangen könnte. Andererseits, Poker sei eben auch nur ein Job und er müsse Geld verdienen. Deshalb spiele er Tag für Tag.
Es treten viele Pokerspieler in dieser Folge von „Beyond the felt“ auf.
Matusow zum Beispiel: Der sagt, dass Poker als Lebensstil alles andere beeinflusse, deine Beziehungen, dein Zuhause, und nur selten wärst du glücklich. Was dir natürlich in jedem anderen Job auch passieren kann. Und Negreanu, der den Antrieb vermisst, um die Welt zu reisen und Turniere zu spielen. Dutch Boyd sagt, dass sich alles nicht mehr so gut anfühle, der Filz nicht, die Chips auch nicht. Abnutzungs -und Ermüdungserscheinungen wurden sichtbar. Ein wenig vom Zauber des Spiels geht verloren, wenn es dein Tagesgeschäft ist.
Das war 2005. Eine Generation von jungen Spielern hatte in kurzer Zeit sehr viel Geld mit Poker verdient, musste aber feststellen, dass sie dafür auch einen Preis zu entrichten hatte. Die Geschichte wiederholt sich immer wieder mal. Zuletzt war es Shaun Deeb, der sich Ende letzten Jahres ausgebrannt fühlte, angewidert von der schieren Menge an Turnieren, die er online spielte, obwohl sie ihm jede Menge Geld und Ruhm eingebracht hatten. Ein Pokerholic, der zur Besinnung kam und bemerkte, dass da draußen jenseits des Pokertischs noch eine richtige Welt existiert.
Zeit für den Gastauftritt von Ferris Bueller, der sich zum Glück nicht lange bitten ließ und bereit war, das Intermezzo zu übernehmen:
Nach diesen Fragmenten der Kulturindustrie geht es weiter im Text, obwohl Victor Vega just in diesem Moment ein Unbehagen verspürt, eine Ahnung, dass er in der nächsten Zeile von der Balance zwischen Arbeit und Leben und Poker zu faseln beginnen könnte.
Denken wir lieber von hinten nach vorne. Es ist wahr, das Leben schreitet schnell voran. Es ist aber auch wahr, dass es länger ist, als wir denken. Deswegen können ein paar Optionen nicht schaden. Und dafür müssen wir uns umschauen, auch wenn das diesen Zeiten nicht immer das reine Vergnügen ist. Kurz vor der EPT Berlin erschien im Tagesspiegel ein Portrait über einen Pokerspieler(http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/Poker-Online-Poker;art1117,3044474) und darin fanden sich drei Sätze, die auf den ersten Blick nicht so recht zusammenpassen, aber doch zeigen, wie vertrackt die Gegenwart ist: „Wenn Arbeit sich nicht mehr lohnt, dann suchen die Menschen nach etwas anderem. ‚Pokerspieler sind eben die letzten wirklich freien Menschen’, sagt Profi Negreanu. Aber kaum einer schafft es so weit wie er.“ Poker als Alternative zu den wenig attraktiven Angeboten einer Gesellschaft, die versucht eine Krise zu meistern, von der sich kaum noch einer erinnern kann und wann sie wieder aufhört. Aber kaum einer schafft es so weit wie er. Das ist die Warnung. Auch ist der Pokerlebensstil nicht immer so glamourös wie er scheint. Stefan Schüttler beschreibt das im Royal Flush Blog anhand von zwei Beispielen in einem Text über Poker als Beruf (http://community.magnus.de/blogs/royalflush/2010/02/25/warum-spiele-ich-poker-eine-annaherung-in-sechs-teilen-iv-2/#more-9545). Erstens, und das ist das Hauptproblem an diesem Beruf, liegen Sieg und Niederlage dicht beieinander. Da fällt das Aufstehen schon mal schwer, wenn es nicht so gut läuft (Mike Caro). Zweitens geht es um Leute, die 16 Stunden am Tag online spielen und vor sich hin hartzen. Kurzfristig ist es eine legitime Strategie, fraglich ist nur, ob das langfristig die richtige Strategie für ein geglücktes Leben ist. Das scheint eher wie der Ausnahmezustand in einer seltsamen Zeit, der besser nicht zum Normalfall wird. Freiheit Fehlanzeige.
Aber dann sind da ja auch noch die, die es geschafft haben. Die nächste Generation der Pokermillionäre, Leute wie Brian Hastings, David Benefield und Isaac Baron – sie beherzigen den Rat von Antonio Esfandiari. Sie gehen wieder aufs College, sie lesen Platon, besuchen Boxkurse und vertreiben sich die Zeit in Cafés mit Freunden. Isaac Baron (http://blogs.cardrunners.com/Mr-Menlo/back-to-school) begründete den Schritt damit, dass er sich eines Tages das ganz normale Leben eines Jugendlichen zurückwünschte. Was ihn und die anderen nicht hindert, weiter Poker zu spielen, aber im Grunde wehren sie sich gegen die Einseitigkeit, es gibt ein Leben jenseits des Pokertischs, welches auch immer. Zeit für Vegas Abgang:
„...I recall central park in fall
how you tore your dress
what a mess,
I confess...”
Victor Vega
Neues aus der Pokerscene
Geschrieben von: Dapapst Mittwoch, 10. März 2010 um 14:40 Uhr
Nachdem unser Blog ja jetzt von unserem neuem Blogger Victor dominiert wird, dachte ich mir, wird es mal wieder Zeit für einen neuen Blogeintrag. Trotzdem natürlich auch nochmal von mir "Hallo Victor" und super Blogeinträge.
Was gibt es so neues ? In letzter Zeit habe ich öfters mal etwas mit der anderen Pokerspielern aus Münster gemacht. Und so ist es dann passiert, dass ich von Andre aka Horror zum perfekten Pokerdinner eingeladen wurde. Wem das nichts sagt. Diese Sendung ist einer TV Show , "Das perfekte Dinner" auf Vox nachempfunden. Natürlich habe ich auch dem Gastgeber ein Gastgeschenkt gemacht. Von mir gab es Flasche Wein, Zitronengras Pfeffer und ein paar Nudeln. So die Basics für ein Essen.Neben mir waren noch halt der Gastgeber Andre aka Horror, Robert aka Kobeyard und Helge aka Rifter eingeladen.Zu Essen gab es ein total leckeres 3 Gänge Menue:
1.Gang: Aubergine Türmchen mit Schafskäse und Tomaten und allerlei
2.Gang: Steak mit einer Kruste und kleinen Kartöffelchen
3.Gang: Drei verschiedene Nachspeisen.
Das ganze wurde von dem Donkmag gefilmt und abgedruckt http://donkmag.net/donktube.php.
Hier ist das entstande Video:
Es könnte sein, dass es noch weitere Folgen geben wird. Würde mich also nicht wundern, wenn ich bald die Kochschürze um habe. Pokertechnisch spiele ich viel Rushpoker. Einfach aus dem Grund, da ich jeden Tag meinen Bonus erspielen möchte. Beim Headsup bekomme ich leider kaum Volumen rein, jedoch könnte sich das bald ändern, da ich als Videoproduzent bei PS anfangen werde. Aber mal schauen, was die Zukunft so bringt.Das wars auch schon.
Gruß Dapapst
Ivey, Antonius, Isildur1 und der Respekt vor dem Geld
Geschrieben von: Administrator Mittwoch, 03. März 2010 um 18:31 Uhr
“If it’s not money, what are we playing for?” – Johnny Chan
Mitte Februar gab Patrik Antonius ein bemerkenswertes Interview. Der große Gewinner des Jahres 2009, der an den virtuellen Pokertischen von Full Tilt Poker so um die neun Millionen Dollar verdient hatte, räumte ein, dass das Jahr deswegen noch lange kein gutes für ihn gewesen sei. Millionen habe er mit anderem Zeug verloren, nämlich mit Sportwetten und vor allem beim Golfen. Dann aber folgte ein Satz, den wir entweder für Koketterie halten können oder der vielleicht ein Fünkchen Wahrheit enthält: „Es scheint fast so zu sein, dass es egal ist, wieviel du gewinnst, du hast niemals viel Geld.“ Fast klingt Antonius wie Stu Ungar, der 1981 nach dem Gewinn der World Series of Poker auf die Frage, was er mit dem Preisgeld von 375.000 Dollar anfangen werde, antwortete: „Ich werd’s verlieren.“
Für Normalsterbliche schwer nachvollziehbar: Wie kann ein Patrik Antonius nicht viel Geld haben – einer, der gegen Isildur1 mit 1.35 Millionen Dollar den bislang größten Pot in der Geschichte des Online-Poker gewann ...
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... und auch sonst gern gegen Phil Ivey nicht unerhebliche Summen darauf setzt, welche Farbe oder Zahl auf dem Flop erscheint? Natürlich hat Patrik Antonius viel Geld, aber was ist schon viel Geld, wenn du am nächsten Tag schon wieder um $100.000 pro Loch Golf spielst und froh bist, wenn du auf 18 Löchern unter 100 Schlägen bleibst, also nicht gerade ein begnadeter Golfer bist. Dann ist viel wieder relativ. Wieviel Geld du hast, hängt im Grunde nur von der Höhe deines nächsten Einsatzes ab.
All das kann als dekadentes Treiben bezeichnet werden, aber das trifft heute auf viele Dinge unserer aus den Fugen geratenen Zeit zu. Deswegen ist Poker nicht schlimmer als das Geschachere, sagen wir mal, am Kunstmarkt. Der Pokerspieler Mickey Appleman (http://de.wikipedia.org/wiki/Mickey_Appleman) meinte,
Poker mit hohen Einsätzen sei eben ein Sport mit großem Risiko – wie das Fahren eines schnellen Rennwagens. Und es gebe einen Unterschied zwischen dem Grinder, der des Geldes wegen spielt und Poker wie ein Geschäft betreibt, und einem echten High Roller, für den das Spiel nicht nur Geschäft, sondern auch Vergnügen und vor allem Wettbewerb ist.
Antonius gab in dem Interview zu, dass ihn die Phasen, in denen die Bankroll abwärts rauscht, immer noch aus der Ruhe bringen. Das macht ihn menschlicher, Antonius, der sonst keine Miene verzieht, wenn ein großer Pot verloren geht. Auch erfolgsverwöhnte High-Stakes-Spieler leiden. Brian Townsend wünschte sich kürzlich gar ein Roboter zu sein, dann würde ihn ein schlechter Lauf nicht so frustrieren (http://blogs.cardrunners.com/brian/it-just-wont-end).
Und wahrscheinlich lässt sich nur erahnen, was der rasante Aufstieg und der noch schnellere Fall des Isildur1 mit seinem Nervenkostüm angestellt haben. Brian Hastings, der Isildur1 an einem Tag allein mehrere Millionen abknöpfte, schreibt in seinem Blog ziemlich unverhohlen darüber, dass Isildur1 Probleme mit Tilt habe (http://blogs.cardrunners.com/Stinger885/reflecting-on-a-very-special-day-1260413695). Als die Karten anfingen gegen ihn zu fallen, habe er noch aggressiver gespielt, als könnte seine Aggressivität die Karten zwingen. Und so verlor er mehr, als er hätte verlieren müssen.
Die Bankroll der oben genannten Spieler dürfte einen schlechten Lauf aushalten können. Und wenn nicht, müssen sie halt ein paar Limits tiefer spielen. Was ist tatsächlich daran so schlimm? Leute wie Antonius wissen das natürlich. Es ist die Spielsituation, auf die es ankommt und nicht die Höhe des Einsatzes. Im besten Fall denkst du über den realen Wert des Geldes gar nicht nach, sagte Antonius in einem Interview anlässlich des Full Tilt Million Dollar Cash Games 2009.
„Geld bedeutet gar nichts“, sagte der 2007 so früh verstorbene Chip Reese. „Wenn dir Geld wirklich viel bedeuten würde, dann könntest du dich nicht an einen Pokertisch setzen und $50.000 verbluffen. Wenn ich darüber nachdächte, was ich damit kaufen könnte, dann könnte ich kein guter Spieler sein.“ Für Reese, den Phil Ivey für den besten Pokerspielern aller Zeit hielt, war Geld nur die Einheit, in der Erfolg oder Misserfolg bemessen wurde. Im Spiel verschwendete er keine Gedanken an den realen Wert des Geldes. „Scared money“ spielt nicht gut Poker.
Im Grunde durchlaufen alle Pokerspieler eine Schule der Unempfindlichkeit gegenüber dem Geld, immer wieder und gerade dann, wenn sie ein Limit aufsteigen. Das Spiel ist immer noch Poker, aber der Pot um den es am River geht, ist plötzlich doppelt so groß, und du kannst dir doppelt so viel dafür kaufen. Am Pokertisch aber ist Geld nur ein Arbeitsmittel, die Sprache, in der kommuniziert wird. Es hat keinen Wert an sich. Es ist nur Poker, ein Wettbewerb. Wenn wir uns an den Pokertisch setzen, akzeptieren wir die Regeln dieses Wettbewerbs. Wenn wir es nicht tun, laufen wir Gefahr uns lächerlich zu machen. Am Rande des Million Dollar Cash Games wurde Phil Ivey danach gefragt, was er von einem der typischen Aussetzer von Phil Hellmuth hielt. Hellmuth war nach einem großen Pot, den er verloren hatte, aus dem Saal gestürmt. Ivey kommentierte das lakonisch: Manche Spieler seien einfach nicht darauf vorbereitet zu verlieren. Sie erwarteten, dass es immer zu ihren Gunsten ausging. Aber so sei Poker nunmal nicht. Und während er den Satz beendete, rollte er mit den Augen als sichtbares Zeichen seiner Geringschätzung. Am Ende des Tages aber, oder am Ende des Monats, das weiß auch Ivey, wird abgerechnet, und was dann unterm Strich steht, das bestimmt über die Höhe deines nächsten Einsatzes oder das Limit, das du spielst. Das gehört zur Disziplin des Pokerspielers und ist seine Art von Respekt gegenüber dem Geld.
Victor Vega
Link: Card Player-Interview mit Patrik Antonius
http://www.cardplayer.com/poker-news/8476-one-on-one-with-poker-pro-patrik-antonius-part-1
Rush Poker oder gegen den Autopiloten in mir
Geschrieben von: Administrator Montag, 15. Februar 2010 um 10:57 Uhr
„You’ve got to play the player, not the cards.“ – Doyle Brunson
Full Tilt hat in letzter Zeit für Furore gesorgt - mit Rush Poker, so eine Art Blitzpoker, bei der du jede Hand an einem neuen Tisch mit anderen Spielern sitzt. Es gibt einen Quick Fold-Button. Gefällt dir deine Hand nicht, passt du und schon wirst du am nächsten Tisch platziert. Damit entfällt, was mancher vielleicht als unnötigen Ballast empfindet, nämlich sich tiefschürfend über die Spielweise seines Gegners Gedanken machen zu müssen. Denn es ist eher die Ausnahme, dass du in einer Session mehrmals mit dem gleichen Spieler in eine Hand verwickelt bist.
Howard Lederer sagte, Rush Poker sei ein guter Weg für Anfänger das Spiel zu erlernen. Über diesen Satz aus dem Munde des Pokerprofessors habe ich mich anfangs gewundert, entspricht Rush Poker so gar nicht der abwägenden Art von Lederer. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob dieser Satz ursprünglich nicht aus dem Skript der Marketingexperten stammt und Lederer in den Mund gelegt wurde. Schließlich gewinnt die Aussage an Glaubwürdigkeit, wenn der Pokerprofessor ihn sagt. Was also lernt der Anfänger durch Rush Poker? Es vermittelt wahrscheinlich ein gutes Gefühl für Position und die relative Stärke einer Hand in der jeweiligen Position, was eines der Schlüsselkonzepte des Poker ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es dafür Rush Poker gebraucht hätte, aber das ist noch lange kein Grund Rush Poker zu verteufeln. Rush Poker macht durchaus Spaß, und es machen sich bereits jede Menge Leute Gedanken darüber, was eine erfolgreiche Strategie für Rush Poker sein könnte – Position spielen, 3-Betting aus Position heraus mit einer relativ weiten Range, das dürfte zunächst einmal erfolgreich sein, zumindest oft genug.
Das will ich hier nicht vertiefen. Rush Poker hat mich eher auf etwas aufmerksam gemacht, was mir gelegentlich unterläuft, wenn ich multitable. Ich schalte auf Autopilot. Angeblich multitabeln wir, damit unsere Gewinnrate höher ist. Natürlich spielen wir auch gern, also warum nicht noch ein bisschen mehr davon, manchmal mehr als gut für unser Spiel ist. Warum nur drei oder vier Tische, wenn du auch acht, zwölf oder noch mehr Tische spielen kannst. Bei Hardcore-Grindern wie Ryan Daut oder Elky wird mir schon beim Zusehen schwindlig, obwohl es zugegeben ziemlich beeindruckend ist. Bei Elky sieht es immer noch relativ entspannt aus: Er nimmt nicht mal die Sonnenbrille ab und bewegt den Kopf wie eine Eule.
Im Sinne der Anklage aber bekenne ich mich schuldig. Ich spiele mehr Tische als gut für mein Spiel ist. Manchmal nehme ich mir vor, nur vier Tische gleichzeitig zu spielen, eine halbe Stunde später stelle ich fest, dass ich doch wieder an sieben oder acht sitze. Aus Neugier, könnte sich ja lohnen, vielleicht treffe ich an Tisch sieben oder acht den schönsten Fisch. Also, Gründe finden sich immer, und wenn sich keine finden, dann erfinde ich welche – na ja, ihr wisst schon, was ich meine.
Jedenfalls sind acht Tische für mich schon fast wie Rush Poker. Es fällt mir schwer, Reads zu entwickeln, ich denke nur schlampig darüber nach, wie mein Gegner da jetzt eigentlich spielt und verlasse mich viel zu oft auf die Statistiken von Poker Tracker anstatt auf meine Beobachtung –manchmal verpasse ich es einfach, wie eine Hand gespielt wurde, weil ich schon wieder mit einem anderen Tisch beschäftigt bin. Und nach einer Weile fällt mir auf, dass ich auf Autopilot spiele, ein Effekt, der sich bei mir nach einer Stunde Rush Poker auch einstellte. Mein Nachdenken über Spielsituationen hat sich verkürzt und richtig Spaß macht das gerade dann nicht, wenn es mir auffällt. Und es fällt mir auf, wenn ich genau die Informationen brauche, die ich vorher nur unzureichend gesammelt habe.
Natürlich weiß ich, warum ich diesen Weg gehe. Ich will Action, spielen, aber ich bin in diesen Momenten denkfaul, ich lasse mich einlullen vom Lauf der Karten, vom gleichmäßigen Klicken, ich spiele Poker wie ich Auto fahre, da brauchst du über das Schalten auch nicht nachzudenken. Das bringt dich aber auch um die guten Gefühle, die das Spiel hergibt, nämlich so tief in einer Spielsituation zu sein, dass du einfach genau weißt, wie dein Gegner spielt, sein Handspektrum relativ klar ist, sein Spiel auf dem Flop vorhersehbar, und du genau weißt, was nun zu tun ist. Du hast ein akkurates Bild von den Spielern an deinem Tisch, und auch von denen die dir falsche Bilder anbieten. Und wenn du dann gegen jeden dieser Spieler richtig spielst und nicht nur deine Karten, dann macht zumindest mir das Spiel einfach mehr Spaß.
Victor Vega
Wie Online-Poker unser Leben veränderte
Geschrieben von: Administrator Freitag, 05. Februar 2010 um 15:18 Uhr
Mal ein großes Wort am Anfang. Revolutionen geschehen nicht durch neue Technologien, sie geschehen, wenn die Menschen ihr Verhalten ändern. Diesen Satz habe ich mir aus dem Buch „Here Comes Everybody“ von Clay Shirky ausgeborgt. Darin geht um die Frage, was es eigentlich bedeutet, wenn Menschen das Internet nicht nur nutzen, um einen Artikel zu lesen, für den sie sich früher vielleicht eine Zeitung gekauft hätten, sondern anfangen selbst Nachrichten zu produzieren, „Social Media Tools“ zu nutzen und was es da sonst noch alles gibt in der schönen Welt des Internet. Wenn sie es tun, verändern sie vieles, sich selbst, ihr Denken und ihr Leben, langfristig womöglich Machtstrukturen. Deswegen entsteht gelegentlich großes Geschrei, wenn es um das Internet geht. Selten wird aufrichtig zum Nachdenken angeregt, gelegentlich aber gibt es Impulse von außen: So befragte das Onlinemagazin Edge (http://www.edge.org/q2010/q10_index.html ) Wissenschaftler, Autoren und Künstler, wie das Internet ihr Denken verändert.
Lesenswert, und natürlich lag da die Frage nahe, wie sich mein und vermutlich auch euer Leben und Denken durch Online-Poker verändert hat, mal ganz abgesehen davon, dass innerhalb weniger Jahre eine Industrie entstanden ist, die ganz gut von uns, den Spielern, lebt. Vor gerade einmal zehn Jahren steckte all das noch in den Kinderschuhen. Ohne Breitbandtechnologie wäre die Industrie sicher nicht das geworden, was sie heute ist, ein Milliardengeschäft. Erinnert sich jemand an den kreischenden Singsang eines 56k-Modems? Und was wäre aus Online-Poker geworden, hätte nicht Chris Moneymaker die World Series of Poker im Jahre 2003 gewonnen und allen Hobbyspielern und Anfängern den Glauben gegeben, sie könnten der nächste Moneymaker sein? Seitdem hat sich der Pokervirus um den Globus verbreitet, unaufhaltsam.
Faszinierend würde Mr. Spock sagen - Leute aus aller Welt spielen online, mit- und gegeneinander, jenseits aller kulturellen und sprachlichen Barrieren.
Jedenfalls hat es meine Vorstellung schon immer beschäftigt, wie der Akt des Spielens in der Praxis so vor sich geht, also wer da wie auf der anderen Seite des Bildschirm hockt. Bildschirmnamen wie „Ähm_ich_spiele_nackt“ regen die Fantasie durchaus an, gelegentlich tauchen Videobeweise auf, dass die Leute zumindest mit freiem Oberkörper spielen, wie Chicago Joey (www.youtube.com/watch?v=4hVNvns4o4o) , der Ende November 2009 einen Weltrekord aufstellte und mehr als 50.000 Hände an einem Tag spielte. Begierig sauge ich die kurzen Meldungen der Pros zu diesem Thema auf. So zum Beispiel die unmissverständliche Aufforderung zum Duschen, die uns der aus „2Month. 2Million“ bekannte Jay Rosenkrantz mit auf den Weg gibt: „Wenn du ein Online-Pro bist und das gerade liest, dann riechst du wahrscheinlich.“ (http://www.dangerlion.com/?p=613). Duschen soll sich übrigens auch vielen anderen Bereichen des Lebens als bevorzugte Praxis durchgesetzt haben, also nicht nur vor der Online-Poker-Session, sondern auch vor dem Sex, das gilt insbesondere für Leute, die ihren Sexpartner erst noch finden müssen. Aber das nur nebenbei. Faszinierend finde ich Multitasking-Fähigkeiten, zum Beispiel die von Billy Kopp. Der spielt nicht nur Cash Games, und wir vermuten, nicht auf den untersten Limits, sondern bloggt zeitgleich und schaut dabei Folgen der TV-Serie „Lost“ – und das alles um drei Uhr morgens (http://blog.ultimatebet.com/2010/01/fancy-water-lost/). Was irgendwie anstrengend klingt und eher nicht meiner Vorstellung von einem spannenden Abend vor der Glotze entspricht. Und Lost ist die Aufmerksamkeit ja nun wirklich wert, was sich nur von wenigen anderen Produkten der Müllschleuder Fernsehen sagen lässt. Und was ist aus dem Sonntag geworden? Es soll mal eine Zeit gegeben haben, in der sich halb Deutschland am Sonntagabend den Tatort reingezogen hat. Heute ist das nur noch schwer vorstellbar, und für Pokerspieler schon gar nicht. Sonntag ist Großkampftag, Turniere stehen auf dem Programm. Und wenn es gut läuft, kann sich so ein Sonntagabend bis tief in die Nacht ziehen. Sonntage sind tendenziell anstregender geworden, seitdem wir Online-Poker spielen. Vielleicht können dich dafür Montage etwas weniger schocken, wenn du überhaupt noch mit Montagen zu tun hast. Oder wie sagte Daniel Negreanu, als er noch durch und durch Spieler war: „Ich weiß nie, welcher Tag ist. Warum auch?“
Zeit und Raum werden natürlich nicht aufgehoben, wenn wir online Poker spielen. Deswegen begegnen wir im Kosmos des Online-Poker all den Dingen, die so manchen Kulturpessimisten stöhnen lassen, wenn sie sehen, was das Internet mit der gewohnten Ordnung anstellt und manchmal auch mit den Menschen, die sich darin bewegen: Informationsüberlastung, Datensammlungen, die Art und Weise, wie wir Entscheidungen treffen, Ablenkung, enormer Zeitaufwand und vielleicht auch noch Suchtgefahren. Außerdem verlierst du beim Poker dazu manchmal auch noch Geld – was für ein seltsames Hobby! Hast du dir das etwa freiwillig ausgesucht?
Natürlich wissen wir, warum wir damit angefangen haben, wir wollten den Nervenkitzel, die Action, und die Aussicht auf einen Gewinn fanden wir nicht schlecht. Das Anreizsystem von Poker ist simpel und deswegen vermutlich wirksam. Auf den zweiten Blick gibt es Entdeckungen zu machen, die Tiefe und Schönheit des Spiels und sowie die Erkenntnis, dass das Spiel erlernt, studiert werden will. Wie auch immer wir es bewerten, was die Menschen beim Poker antreibt, es ist faszinierend zu sehen, mit welchem Eifer das Spiel nicht nur gespielt, sondern auch studiert wird, auf Trainingsseiten, in Foren oder mit Coaches.Würden Menschen mit der gleichen Energie andere Ziele verfolgen, wer weiß, was dann möglich wäre. So gesehen, ist die Kultur, die um Online-Poker entstanden ist, eine Art Laboratorium der Wissensvermittlung. Es werden neue Verhaltensmuster eingeübt. In Foren wird kollaboriert, es wird sich gegenseitig geholfen beim Verstehen des Spiels, es entstehen Netzwerke und Denkräume. Poker befreit aus Passivität, nicht nur ist passives Spiel nicht erfolgreich, ich muss mich auch selbst aktivieren, meinen Geist, meinen Körper, um besser zu werden. Und diese Erfahrung kannst du in andere Lebensbereiche mitnehmen, wenn dir danach ist.
Victor Vega
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